10:06 17 Oktober 2018
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    US-Soldaten in Deutschland (Archivbild)

    Kampf ums Intermarium: Wehe, Russland und Deutschland werden Freunde

    © Foto: DoD/ U.S. Army/ Markus Rauchenberger
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    Bernhard Schwarz
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    Das US-Außenministerium prüft den Abzug der 35.000 in Deutschland stationierten US-Soldaten. Ein Großteil dieses Kontingents soll nach Polen verlegt werden. Auf den ersten Blick darf sich Deutschland freuen. Doch hinter den Verlegungsplänen steckt weit mehr, denn seit jeher gilt Osteuropa als die Region zur Kontrolle der Welt.

    Bereits 1904 entwickelte der britische Geograph Halford Mackinder seine Heartland-Theorie, um seine Landsleute vor dem Ende der britischen Weltherrschaft zu warnen. Die britische Hegemonie baute auf der ungemeinen Stärke der britischen Flotte und der damit verbunden Beherrschung der Weltmeere auf. Mackinder analysierte verschiedene Aspekte, um die Bedeutung von Land- und Seemacht zu vergleichen und teilte die Welt in drei Regionen auf: Die Weltinsel, bestehend aus den zusammenhängenden Kontinenten Europa, Asien und Afrika, als die bevölkerungs- und ressourcenreichste Region, die küstennahen Inseln mit Japan und Großbritannien sowie die küstenfernen Inseln mit Amerika und Australien.

    Der Beginn des 20. Jahrhunderts markierte mit der Entwicklung der Eisenbahn- und Straßennetze das Ende der Seemacht Großbritanniens hin zur Vorherrschaft der Landmächte. Während des Ersten Weltkrieges wurden zahlreiche Flottenstützpunkte über das Landesinnere erobert. Wenn es dem Herzland der Weltinsel, also Russland, Osteuropa und Deutschland, gelingt, gemeinsame Verkehrswege zu erschließen und russische Ressourcen sowie deutsche Technik zu verbinden, wäre es für diese Regionen möglich, die gesamte Weltinsel zu kontrollieren. Mackinder formulierte das in einem vielbeachtenden Merksatz:

    „Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland. Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel. Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“ Noch heute nimmt die Weltinsel-Theorie eine zentrale Stellung in den Strategien zahlreicher Thinktanks ein. Der deutsche Autor Nils Hoffman bezeichnete sie als „die wohl bedeutsamste Idee in der Geschichte der Geopolitik“.

    In diesem Zusammenhang erscheinen die Verlegung der in Deutschland stationierten US-Soldaten nach Polen, die Errichtung zahlreicher US-Militärstützpunkte in den baltischen Staaten und Rumänien, die Nato-Osterweiterung und der Putsch in der Ukraine 2014 in einem komplett anderen Licht. Die Idee des Intermariums (zwischen den Meeren) stammt vom polnischen Diktator Jozef Pilsudski, der von 1926 bis 1935 Polen regierte. Pilsudski wollte die alte Polnisch-Litauische Union wiederaufleben lassen und eine polnische Republik auf den Gebieten Litauens, Polens, Weißrusslands und der Ukraine errichten. Dem polnischen Diktator gelang es nicht, diese Idee umzusetzen, doch sie überlebte sowohl den Zweiten Weltkrieg als auch den Kalten Krieg und wurde von bedeutenden US-Thinktanks aufgegriffen, um Deutschland und Russland voneinander zu trennen.

    Der im vorigen Jahr verstorbene Zbigniew Brzezinski war der bedeutendste Berater sämtlicher US-Präsidenten seiner Zeit: Jimmy Carter, Ronald Reagan, George Bush sen., Bill Clinton, George Bush jun. und Barack Obama – alle ließen sich vom polnisch-amerikanischen Thinktank konsultieren. Brzezinski erlangte weltweite Bekanntheit mit seinem 1997 erschienen Buch „Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft”, in dem er die Bedeutung des Eurasischen Kontinents hervorhebt: „Seit den Anfängen ist Eurasien stets das Machtzentrum der Welt gewesen. (…) Inwieweit die USA ihre globale Vormachtstellung geltend machen können, hängt aber davon ab, wie Amerika mit dem eurasischen Kontinent fertig wird – und ob es dort das Aufkommen einer dominierenden, gegnerischen Macht verhindern kann. Eurasien ist somit das Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird.“ Bereits 1997 plädierte Brzezinski für den Nato-Beitritt von Polen, der Baltischen Staaten und Rumänien, ehe er im gleichen Abschnitt an die Ideen des Intermariums anknüpft: „Die Ukraine, ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett, ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre bloße Existenz als unabhängiger Staat zur Umwandlung Russlands beiträgt. Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr.“

    Besonders interessant ist auch die Rede des amerikanischen Thinktanks und Gründers von Stratfor, George Friedman, vor dem Chicago Council, wo bereits John F. Kennedy, Kurt Waldheim, Henry Kissinger, Helmut Kohl, Margaret Thatcher, Viktor Juschtschenko, Tony Blair, Barack Obama und andere referiert haben. In seiner Rede von 2015 erklärte Friedman offen:

    „Das Hauptinteresse der US-Außenpolitik während des letzten Jahrhunderts waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Weil vereint sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen kann. Unser Hauptinteresse war es sicherzustellen, dass dieser Fall nicht eintritt.“

    Friedman fügte hinzu, dass die USA Waffen an die Ukraine, die baltischen Staaten und Rumänien liefern und Militärberater entsenden, um einen „Sicherheitsgürtel zwischen Deutschland und Russland aufzubauen“. Dabei nimmt sich Friedman ein Vorbild an Großbritannien, das in der indischen Armee eigene Generäle installiert hat, um sie zu kontrollieren. In Bezug auf die Ukraine droht Friedman Russland, falls es weiterhin an der Ukraine festhält: „In diesem Fall werden wir Russland mit gezielten Aktionien unserer Eingreiftruppen in Rumänien, Bulgarien, Polen und den baltischen Staaten stoppen. Das Intermarium ist die bevorzugte Lösung der USA, um zu verhindern, dass deutsches Kapital und deutsche Technologien sich mit russischen Rohstoffressourcen und russischer Arbeitskraft zu einer einzigartigen Kombination verbinden.“ Gleichzeitig gibt Friedman offen zu, dass die USA nicht wissen, wie Deutschland auf die Errichtung des Intermariums reagieren wird: „Nun, wer mir eine Antwort geben kann, was die Deutschen in dieser Situation tun werden, der kann mir sagen, wie die nächsten 20 Jahre Geschichte aussehen werden.“

    Neben den US-Thinktanks hat auch China die Weltinsel-Theorie von Mackinder aufgriffen und die enorme Bedeutung von Verkehrsnetzen verstanden. Die neue Seidenstraße „One Belt, one Road“ ist das Schlüsselprojekts Chinas unter Xi Jinping und soll 65 Länder und damit 62% der Weltbevölkerung miteinander verbinden. Das Gesamtvolumen dieses Projekts beträgt über 1000 Milliarden US-Dollar und soll den pazifischen Staaten, den Staaten Europas und Asiens eine Alternative zu den amerikanischen Abkommen TTIP und TPP bieten. Bereits im Mai 2018 wurde die erste direkte Güterzug-Verbindung zwischen China und Österreich eröffnet. Präsident Alexander Van der Bellen und Bundeskanzler Sebastian Kurz begrüßten den ersten ankommenden Zug in Wien, der über China, Kasachstan, Russland, die Ukraine und die Slowakei 14 Tage unterwegs war. Der Transport über die Eisenbahnstrecke ist schneller als über den Seeweg und billiger als über den Luftweg. In Zusammenarbeit mit Russland soll die Gesamtdauer des Transports in Zukunft nur noch 10 Tage dauern. Bis zu 600 Transporte sollen jährlich über diese Strecke abgewickelt werden. Frankreich, Deutschland und der EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kritisierten die Ankunft des ersten Güterzuges in Wien scharf. So bezeichnete etwa der mittlerweile abgelöste deutsche Außenminister Sigmar Gabriel die neue Seidenstraße als „Versuch eines umfassenden Systems zur Prägung der Welt in Chinas Sinne“.

    Auch wenn China in den Überlegungen von Mackinder zu Beginn des 20. Jahrhunderts keine Erwähnung fand, ist klar, dass der Zusammenhalt auf dem eurasischen Kontinent nur unter Einbindung Chinas garantiert werden kann. Ein gemeinsames Verkehrsnetz und Verbindungen zwischen Ost und West stärken den Wohlstand und den Frieden auf der Weltinsel, und alle Völker können davon profitieren. Die Beziehungen zwischen Russland und China sind ausgezeichnet, man stand sich noch nie näher als aktuell. Nicht umsonst erklärte der chinesische Staatspräsident Xi Jinping: „China und Russland sind füreinander die vertraulichsten strategischen Partner.“

    Bereits 2010 schlug Russlands Präsident Wladimir Putin eine gemeinsame Zollunion von Lissabon bis Wladiwostok vor, um den Handel zu stärken. In den letzten Jahren haben die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland aufgrund der US-amerikanischen Einmischungen gelitten, doch die russische Regierung ist pragmatisch genug, um darüber hinwegzusehen und ein neues Kapitel aufzuschlagen. Wladimir Putin ist im Grunde ein Freund Deutschlands, spricht fließend Deutsch und hat lange in Deutschland gelebt.

    Der Ball liegt nun in erster Linie bei Deutschland. Will man weiterhin als Vasall der USA agieren und sich vom Dealbreaker Donald Trump laufend demütigen lassen? Oder folgt man dem Bespiel des kleinen Bruders Österreich und beginnt, die Entwicklungen am eurasischen Kontinent in Freundschaft mit Russland und China aktiv mitzugestalten?

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Seidenstraße, Bedeutung, Truppenverlegung, Partnerschaft, Zusammenarbeit, Kapitalismus, Handel, One Belt, One Road, US-Armee, George H. W. Bush, Donald Trump, George Friedman, Sigmar Gabriel, Barack Obama, Wladimir Putin, Xi Jinping, Europa, Asien, Polen, Deutschland, USA, Russland, China