01:20 22 Juli 2018
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    Produktion von Masken mit Donald Trumps Gesicht in Japan (Archivbild)

    Angst und Schrecken in Helsinki: Putin hat, was Trump braucht und die Polen fürchten

    © AP Photo / Eugene Hoshiko
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    Iwan Danilow
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    Wäre über die Reaktion der westlichen Expertengemeinschaft auf das kommende Treffen zwischen Putin und Trump ein Hollywood-Film gedreht worden, wäre er „Fear and Loathing in Helsinki“ genannt worden.

    Beim Beobachten der offenen Hysterie jener, die selbst die Möglichkeit direkter Gespräche des russischen und amerikanischen Präsidenten beinahe als Ende der Welt betrachten, sollte hervorgehoben werden, dass sie in ihrer eigenen Welt voll von Ängsten und Halluzinationen unbekannter Herkunft leben.

    So sagte Polens Staatssekretärin Anna Maria Anders bezüglich der Besorgnisse der US-Anhänger in der EU im Kontext des bevorstehenden Gipfels: „Wir sind besorgt. Wir sind eindeutig besorgt. Wir sind besorgt, weil es unmöglich ist vorherzusagen, was beim Gipfel gesagt wird. Putin kann sehr bezaubernd sein. Die Frage besteht nur darin, wie unser Präsident darauf reagieren wird.“ Die polnische Beamtin geniert sich nicht, Trump „unser Präsident“ zu nennen, was sehr gut das Niveau der Souveränität Polens zeigt, und auch, inwieweit polnische Politiker nicht in einem vereinigten Europa leben wollen und wie gut sie sich als amerikanische Kolonie fühlen. Gerade die Angst, dass der US-Präsident ausgehend von eigenen strategischen Erwägungen alle im Stich lässt, bewegt proamerikanische Politiker und Experten dazu, sich um die eigene Zukunft zu sorgen.

    Warschau-Besuch: britscher Außenminister Boris Johnson (vierter von links) und Verteidigungsminister Gavin Williamson (zweiter von rechts) mit ihren polnischen Amtskollegen am Grab des unbekannten Soldaten
    © REUTERS / Agencja Gazeta/ Slawomir Kaminski

    Bemerkenswert ist, wie die Situation um den Gipfel vom „Russland-Experten“ und ehemaligen US-Botschafter in Russland Michael McFaul wahrgenommen wird. Auf seinem Twitter-Account sieht man, welche Schmerzen er nur beim Gedanken an mögliche Zugeständnisse seitens Trumps hat. Er schreibt dort: „Die Republikaner waren wütend, als Obama es nicht geschafft hat, Putin von der Krim-Annexion abzuhalten, doch viele von ihnen schweigen jetzt, wenn Trump sich über die Billigung dieser Annexion Gedanken macht. Ihr Schweigen spricht Bände über ihre Prinzipien und ihr ‚strategisches Denken‘ bezüglich nationalen Interessen der USA.“

    Leider bemühte sich McFaul nicht zu erklären, wie die Ablehnung des Rechts der Krim-Bewohner auf Selbstbestimmung den Interessen einfacher Einwohner von Oklahoma oder Texas entspricht. Doch man kann ihn auch verstehen, denn er ist zu sehr mit der Aufzählung der „Sünden“ Trumps beschäftigt:

    „Vor zwei Wochen lud Trump Russland zu G7 ein, wies die Einmischung Russlands in die US-Wahlen 2016 zurück, deutete die Anerkennung der Krim-Annexion, den Rückzug aus Syrien und den Abbau der Präsenz der US-Truppen in Deutschland an. Was hat Trump Putin im Austausch für diese phänomenalen Zugeständnisse geboten?“, so McFaul.

    Die Frage war gewiss rhetorisch, dennoch lässt sich zumindest eine Antwort darauf geben: Trump braucht russische Mitwirkung, um die Preise auf dem Ölmarkt zu stabilisieren. Dieses Bedürfnis ist auf der einen Seite auf den Wegfall des iranischen Öls vom Markt und auf der anderen Seite darauf zurückzuführen, dass die Versuche Trumps, zusätzliche Ölmengen von Saudi-Arabien zu bekommen, scheiterten. Ob dies McFaul gefällt oder nicht: Das Hauptventil des globalen Ölmarkts befindet sich jetzt im Kreml, und Trump weiß das.

    Die Äußerungen McFauls darüber, dass Trump einen Abbau der US-Militärpräsenz in Europa – und zwar in Deutschland – andeutet, sind nicht das Ergebnis von Halluzinationen oder Panik des Diplomaten. In den amerikanischen Medien werden aktiv Berichte diskutiert, wonach das Pentagon beauftragt wurde, die möglichen Kosten für einen „massiven Truppenabzug aus Deutschland“ zu berechnen. Zu diesem Thema wurde zum Beispiel ein Artikel in der Zeitung „Washington Post“ veröffentlicht.

    Amerikanische Nutzer der Sozialen Netzwerke scherzen dazu: „Deutsche kaufen Gas bei Russland, während die US-Truppen Deutschland schützen. Deutsche zogen Gold aus den USA ab, damit die Russen es nicht bekommen. Jungs, vielleicht sollte man die Deutschen mit den Russen unter vier Augen lassen?“ Einige Amerikaner meinen im Ernst, dass es dem mit Putin alleingelassenen Deutschland sehr schlecht gehen würde, obwohl die USA in Deutschland kaum als Schutzengel betrachtet werden, die die Deutschen unter der Nato-Fahne vor der russischen Bedrohung schützen würden.

    Das wichtigste an der ganzen Geschichte ist, dass Trump bereit ist, auf einen direkten Kontakt einzugehen – trotz der offenen politischen Giftigkeit um den Helsinki-Gipfel. Der US-Präsident hätte sich zu solchen diplomatischen Gesten kaum nur aus gutem Willen oder durch bloßes Zureden von Putin entschlossen.

    Das einzig mögliche Motiv ist: Wladimir Putin hat etwas, was der US-Staatschef sehr dringend braucht. Auffällig ist, wie der radikale Falke, Russlandhasser und einflussreiche Sicherheitsberater Trumps, John Bolton, gegen die entstandene Situation wettert. Der Gipfel und die Vorbereitung darauf sowie die Andeutungen auf mögliche Zugeständnisse sind die persönliche Initiative Trumps, der die Idee dieses Treffens trotz Widerstands im eigenen Apparat durchsetzen will.

    Bolton, der von einer CBS-Interviewerin mit Fragen über die Anerkennung der Krim unter Druck gesetzt wurde, sagte, dass „es der Präsident ist, der die Politik bestimmt, nicht ich“, wobei er auf grundlegende Nicht-Zustimmung zu den vorläufigen Vorschlägen Trumps für Moskau hinwies. Dem Washingtoner Falken ist die Haltung des Präsidenten zuwider, er muss allerdings seinen Befehlen folgen. Das ist ein gutes Zeichen – aber vielleicht nicht unbedingt die Garantie für einen erfolgreichen Gipfel.

    Selbst wenn während des Gipfels der geringste Teil der Befürchtungen der europäischen und US-Experten und —Politiker in Erfüllung geht, wird es ein großer Erfolg sein. Selbst wenn der Gipfel keine konkreten Abkommen außer einer gemeinsamen Erklärung der Seiten darüber bringt, dass Gespräche besser als Konflikte sind, wird er schon nützlich sein. Trump würde der ganzen Welt ein Signal senden, dass selbst ein Land, das den Status des globalen Hegemons beansprucht, sich mit Russland verständigen muss. Für solch ein Ergebnis lohnt es sich für Putin, nach Helsinki zu reisen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen

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    Tags:
    Zusammenarbeit, Gegner, Präsident, Treffen, Gipfel, CBS, NATO, polnisches Außenministerium, Michael McFaul, Wladimir Putin, Donald Trump, Krim, Polen, Russland, USA
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