01:20 22 Juli 2018
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    Gaspipeline in der Ukraine (Archivbild)

    USA werden Europa, nicht aber die Ukraine verschonen

    © AFP 2018 / Genya Savilov
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    Dmitri Lekuch
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    Der russische Gasmonopolist Gazprom will seine langfristige Strategie bestimmen. Auf der taktischen Ebene hat Gazprom schon einen Sieg gegen Transitländer, Sanktionen und europäische Bürokratie errungen. Jetzt ist die Zeit gekommen, die weiteren Aussichten zu betrachten.

    Gazproms Exporte ins ferne Ausland (Ausland außer GUS) können laut Konzernchef Alexej Miller in diesem Jahr die neue historische Marke von 205 Milliarden Kubikmetern erreichen. Das sei ein neues Koordinatensystem, das begriffen werden müsse.

    Dabei würde Gazprom schon bald noch die Pipeline “Kraft Sibiriens” bekommen. Während europäische Stränge die wegfallenden Gasmengen der ukrainischen Rohrleitung kompensieren sollen, sei China ein neuer Markt – und das sei ein objektiver Zuwachs. Laut Miller wird sich dieser Zuwachs auf bis zu 80 Milliarden Kubikmeter bis 2035 belaufen.

    Aus all diesen Gründen entsteht die klare Frage: Sollte man die Gasliefermengen an Europa weiter ausbauen? Denn es gibt zwar eine Nachfrage, doch die Lieferrouten sind mit Schwierigkeiten behaftet (sowohl im ukrainischen Gas- und Transportsystem als auch via Polen und via Jamal-Europa-Pipeline).

    Doch das ist nicht alles.

    Die Nachfrage nach russischem Erdggas wächst in Europa auch unter den aktuellen Preisen und wird mindestens im Laufe des nächsten Jahrzehnts steigen. Unter diesen Bedingungen muss Gazprom darüber entscheiden, wie zusätzliches Gas außerhalb der langfristigen Verträge verkauft werden soll.

    Es gibt eigentlich nicht viele Optionen.

    Entweder weiter wie früher vorgehen, also sich aggressiv in die europäische Wirtschaft einordnen, wobei möglichst viele Märkte gedeckt werden. Immer neue Stränge verlegen. Denn schon jetzt ist klar, dass Europa mit der Zeit gerne auch Nord Stream-3 annehmen würde. Auch der türkische Hub darf nicht außer Acht gelassen werden.

    Oder die zweite Variante: eigene Aktivitäten in langfristigen Verträgen abbauen und zu mehr kurzfristigen Verträgen bzw. Spotmarkt greifen.

    Dort könnte man mit dem Preis spielen.

    Langfristige Verträge haben sowohl Vorteile als auch offensichtliche Nachteile. Erstens müssen zusätzliche Kapazitäten reserviert werden. Zweitens bergen alle langfristigen Verträge auch langfristige  Belastungen in Form von Gastransit. Das betrifft natürlich in erster Linie den ukrainischen Korridor, doch auch Polen birgt Probleme.

    Darüber hinaus ist Europa äußerst inhomogen. Die Revision der langfristigen Verträge vor dem Hintergrund der starken Schwankungen auf dem Markt zu Beginn dieses Jahrhunderts stellt die Sicherheit dieser Verträge mit europäischen Verbrauchern in Zukunft infrage.

    Es gibt noch einen weiteren Faktor: mögliche Vereinbarungen mit den USA.

    Die USA sehen jetzt in der europäischen Wirtschaft keinen Verbündeten, sondern vor allem einen direkten Konkurrenten. Dabei wollen sie trotz der kriegerischen Rhetorik und Protektionismus-Zölle die europäischen Wirtschaften nicht völlig zerschlagen. Sie brauchen Europa als Absatzmarkt. Deswegen wird folgende Aufgabe gestellt: das Handelsgleichgewicht ausgleichen und das Handelsdefizit beseitigen. Am besten sollte man überhaupt das Handelsgleichgewicht zugunsten des US-Geschäftes verschieben, doch man sollte auch realistisch sein.

    Sie fragen sich: Was hat Gazprom damit zu tun? Seine langfristigen Verträge, die Nord-Stream-Pipelines und Turkish Stream? Doch alles ist sehr einfach.

    US-Idealisten wollen natürlich Russland untergraben und im Idealfall alle „Streams“ außer dem ukrainischen Transit vernichten. Doch den US-Idealisten ist es absolut egal, wie die russischen Gaslieferungen in Europa gekürzt werden. Beim Erreichen bestimmter Vereinbarungen (vielleicht auch interner) mit Moskau würden sie diesen Russen helfen, nicht die „Streams“, sondern gerade den ukrainischen Transit zu ruinieren.

    Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass das zusammen mit dem gesamten ukrainischen Projekt geschehen wird, das derzeit keine Gewinne, sondern reine Verluste bringt.

    Gazprom steht jetzt also vor der Festlegung einer sehr wichtigen Exportstrategie. Die dadurch zu lösenden Fragen sind viel wichtiger als das Schicksal des ukrainischen Gas- und Transportsystems.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Absatzmarkt, LNG, Gaslieferungen, Konkurrenz, Gaspipeline, Erdgas, Pipeline, Kraft Sibiriens, Turkish Stream, Nord Stream 2, Naftogaz, Gazprom, Alexej Miller, Europa, Polen, USA, Russland, Ukraine
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