12:50 18 November 2018
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    Protestler in der Maske von Boris Johnson während einer Demonstration in der irischen Stadt Dundalk

    Turbulenzen in der Weltordnung: Sogar der Clown hat den britischen Zirkus satt

    © REUTERS / Clodagh Kilcoyne
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    Irina Alksnis
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    Die in Großbritannien ausgebrochene Regierungskrise bleibt nur zum Teil eine innere Angelegenheit des Inselstaates. Zunehmend lässt sich heutzutage feststellen, dass die innenpolitischen Angelegenheiten der wichtigsten Weltmächte immer mehr die Lage in der internationalen Arena beeinflussen.

    Der Grund liegt nahe – die globalen Turbulenzen und der Zerfall der seit Jahrzehnten existierenden Weltordnung erfassten einen bedeutenden Teil der nationalen Staaten. Als Folge gewann der menschliche Faktor maßgeblich an Bedeutung, und die staatlichen Systeme und bürokratischen Mechanismen verloren ihre Fähigkeit, die entstehenden Exzesse einzudämmen und mit ihrer Trägheit die Kontinuität der Staatspolitik, darunter Außenpolitik, zu gewährleisten.

    Gerade deswegen betrachten Experten, Analysten und Beobachter unter dem Mikroskop die Details der innenpolitischen Prozesse in Bezug auf das globale Geschehen, und die Staatsbeamten verwandelten sich aus austauschbaren Statisten, die kaum Einfluss auf die Situation haben, wieder in einen bedeutenden Faktor.

    Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, darunter zahlreiche Staats- und Regierungschef von führenden Mächten – von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, deren Schicksal in der eigenen Partei an einem seidenen Faden hängt, bis hin zu US-Präsident Donald Trump, dessen gesamte Aktivitäten auf Widerstand und Sabotage des so genannten „deep state“ in Washington stoßen.

    Man kann es für ironisch halten, dass die meisten Probleme und inneren Konflikte jetzt die Staatssysteme der Staaten im Inneren zerreißen, die gemeinhin zur „ersten Welt“ gezählt werden. Die einflussreichsten, nicht zum Westen zählenden Länder zeigen dagegen deutlich mehr innere und außenpolitische Stabilität, was die Systeme selbst und ihre Anführer betrifft. Ob Xi Jinping in China, Narendra Modi in Indien oder Recep Tayyip Erdogan in der Türkei. Russland mit Wladimir Putin an der Spitze steht ebenfalls auf dieser Liste.

    Im Westen ist fast schon ein Wettstreit darum entstanden, welches Land am besten die inneren Turbulenzen überwindet und seine außenpolitischen Ziele erreicht. Wer zu den mächtigsten Anführern gezählt werden kann, ist sicherlich diskutabel (Deutschland hat beispielsweise erfolgreich den Status eines europäischen Hegemons verteidigt und strebt die Umsetzung von notwendigen Projekten wie Nord Stream 2 trotz innerer Probleme an), doch es ist schon nicht mehr von der Hand zu weisen, dass Großbritannien als hoffnungsloser Außenseiter eingeschätzt werden kann.

    Das ist um so mehr beeindruckend, wenn man seinen Ruf als Weltmacht berücksichtigt, der das Land seit vielen Jahrhunderten in die Lage versetzte, eine gewisse Dominanz in der Welt aufrechtzuerhalten.

    Es gibt einen anschaulichen britischen Witz über einen Menschen, der einen Bentley kaufte und fünf Minuten nach dem Verlassen des Geschäfts angerufen wurde. Dem Käufer wurde gesagt, dass vergessen wurde, den Motor in das Auto einzubauen. „Womit bin ich denn gefahren?“, fragte der Käufer erstaunt. „Nur mit gutem Image“, wurde ihm gesagt.  Das Image ist schon lange ramponiert. Großbritannien rangiert im geopolitischen Ranking nicht einfach als Außenseiter, sondern als Clown. Die öffentlichen Dummheiten der britischen Behörden, die von Skandalen und Scheitern begleitet werden, haben ein sehr großes Ausmaß erreicht.

    Der Brexit, der als eine reine PR-Aktion des vorherigen Regierungschefs James Cameron initiiert worden war, brachte zunächst ein schockierendes Ergebnis und führt nun zu einer herben geopolitischen Niederlage Großbritanniens. Die Effizienz der bürokratischen Maschinerie der EU, die auch schwere Zeiten durchlebt hat, erwies sich deutlich höher als die der britischen. Großbritannien geriet bei den Brexit-Gesprächen so stark unter Druck, dass sich das Land laut Boris Johnson langsam in eine Art Kolonie verwandelt. Nun ist es aus demselben Grund zu einer umfassenden Regierungskrise in London gekommen, wobei einige wichtige Figuren ausgewechselt wurden.

    Der Skripal-Fall erwies sich als so absurd, dass die britischen Behörden in punkto Glaubwürdigkeit der ukrainischen Regierung kaum nachstehen. Dass London dieses Thema grundlos weiterspinnt, führte dazu, dass die internationale Gemeinschaft es einfach ignoriert. Die aus London kommenden Aufrufe, Moskau wieder zu bestrafen, stießen in der Weltgemeinschaft auf Schweigen. Niemand ist anscheinend bereit, dem Irrsinn der Briten zu folgen.

    Die Situation ähnelt jener, die entsteht, wenn sich ein Mensch in einem öffentlichen Raum offen unangemessen benimmt, und die anderen ihn einfach ignorieren und so tun, als ob nichts geschieht. So ähnlich verhielt es sich bei der jüngsten Äußerung des Verteidigungsministers Großbritanniens, als er sagte, Russland habe einen Angriff auf britischem Boden organisiert, der zum Tod einer vergifteten Britin geführt habe. Diese Äußerung reiht sich ein in die ohnehin lange Liste von absurden Kommentaren des Ministers.

    Über das Scheitern der Briten bei der Diskreditierung Russlands als Gastgeberland der Fußball-WM sollte man erst gar nicht reden.

    Exzentrik und Snobismus waren immer typisch für Großbritannien, doch nun entpuppen sich diese Eigenarten als wahre Clownerie, was den Briten selbst noch gar nicht richtig bewusst wurde.

    Boris Johnson, der nach zwei Jahren im Außenministeramt zurücktrat, ist der Höhepunkt dieses Phänomens. Er war eigentlich von Anfang an unberechenbar – erst lavierte er lange hin und her, dann beginnt er überraschend eine Kampagne zum EU-Austritt. Erst sein politisch motivierter Verzicht auf einen Russland-Besuch, dann ein halbes Jahr später seine Reise nach Moskau, weil ihm offensichtlich langsam dämmerte, dass Russland ein zu wichtiges geopolitisches Zentrum ist, um es ignorieren zu können.

    Zahlreiche antirussische Äußerungen, die plötzlich lobenswert wurden – wie seine Äußerung, als er den Westen mit Athen und Russland mit Sparta verglich. Dabei schien er vergessen zu haben, dass es gerade Sparta war, das im Peloponnesischen Krieg gewonnen hat.

    Unter Johnson kam es zum größten außenpolitischen Erfolg Großbritanniens: die Ausweisung russischer Diplomaten – ein Erfolg, für den er sich eher schämen sollte.

    Boris Johnson wurde während seiner zwei Jahre dauernden Amtszeit in der britischen Regierung ein anschauliches Beispiel dafür, wie der Außenminister einer Großmacht sich nicht verhalten sollte. Allerdings könnte man dasselbe auch über viele seine Kollegen in der britischen Regierung sagen. Nun trat er zurück – nach Brexit-Minister David Davis, der die größte Last der Gespräche mit der EU trug und für den die defätistische Position von Theresa May in den Beziehungen zur EU ebenfalls nicht mehr annehmbar war.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Demokratie, Zerfall, Stabilität, Außenminister, Rücktritt, Regierungskrise, PR, Brexit, Brexit-Referendum, Foreign Office, EU, Sergej Skripal, Wladimir Putin, Donald Trump, Xi Jinping, Narendra Modi, Angela Merkel, Boris Johnson, James Cameron, Theresa May, Indien, China, USA, Russland, Deutschland, Europa, Asien, England, Großbritannien