11:46 19 Dezember 2018
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    Reparatur einer Ölpipeline in der von Kurden kontrollierten syrischen Provinz Hassakeh (Archivbild)

    Kampf um syrisches Öl und Gas: Wer Russland verdrängen könnte

    © AP Photo / Hussein Malla
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    Alexander Lesnych
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    Nachdem sich die militärpolitische Lage in Syrien stabilisiert hat, haben russische Unternehmen mit geologischen Erkundungsarbeiten am Boden und Schelf Syriens begonnen. Wie Russland von dieser Partnerschaft profitieren und wer die Umsetzung der Pläne verhindern könnte – das lesen Sie in diesem Artikel.

    Vertreter des russischen Öl- und Gassektors äußern die Bereitschaft, sich an der Wiederherstellung der Energieinfrastruktur des Landes zu beteiligen.

    Das russische Energieministerium berichtete Anfang Juli, dass Branchenführer, darunter Sarubeschneft, Sarubeschgeologija (Tochterfirma von Rosgeologija), Technopromexport (gehört zur Rostec) und STG-Engeneering Interesse an den Projekten in Syrien zeigen. Diese Unternehmen haben bereits Erfahrungen bei Förderprojekten in dieser Region gesammelt.

    Eine der russischen Firmen hatte vor ein paar Jahren die Führungsrolle bei der Erkundung des Zypern-Schelfs übernommen. Man hat also keine Zweifel am künftigen Erfolg. „Wir sind bei der Erfüllung von verschiedenen Arbeiten an der Zusammenarbeit mit Syrien interessiert. Doch bislang sind wir in der Anfangsphase der Verhandlungen“, sagte der Sprecher von Rosgeologija, Anton Sergejew.

    Nicht nur Erkundung

    Allerdings wollen sich die russischen Unternehmen nicht auf die Erkundung beschränken. Es handelt sich nicht nur um geologische Erkundungsarbeiten, sondern auch um die Wiederherstellung der gesamten Energieinfrastruktur des Landes – Ölraffinerien, Pipelines und Heizkraftwerke.

    „Russland hat die Infrastruktur im Nordosten Afrikas, darunter in Libyen, errichtet. Wir haben sehr große Erfahrung beim Bau von Pipelines und haben sie erfolgreich in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas eingesetzt. Falls es keine zusätzlichen militärischen Vorfälle gibt, können wir sie in zwei bis drei Jahren in Syrien wiederaufbauen“, sagte der Generaldirektor des Instituts für Energiestrategie, Vitali Buschujew.

    „Es wurden Absichtserklärungen zwischen Syrien und Russland über die Wiederherstellung der syrischen Heizkraftwerke unterzeichnet. Beispielsweise Heizkraftwerke in Aleppo – es soll der zweite, dritte und vierte Generator gestartet werden. Zudem wird die Möglichkeit der Inbetriebnahme von zwei Dampfgeneratoren zur Produktion von 700 MW erörtert“, sagte der syrische Minister für Elektrizität, Zuhair Kharboutli, gegenüber Sputnik Arabic.

    Strategischer Plan

    Betrachtet man nur die reinen Zahlen, ist das Interesse Russlands an den syrischen Öl- und Gasprojekten nicht ganz klar. Nach BP-Angaben liegen die erschlossenen Ölvorräte im Lande nur bei 2,5 Milliarden Barrel, die Gasvorräte bei 0,3 Billionen Kubikmeter. Zum Vergleich: Im Iran sind es 158,4 Milliarden Barrel Öl und 33,5 Billionen Kubikmeter Gas.

    Doch das sind nur die erschlossenen Vorräte, mit denen wohl bedeutende Probleme zu erwarten sind. Analysten der US-Investitionsfirma Sanford C. Bernstein & Co gaben Anfang Juli an, dass die weltweit führenden Ölproduzenten seit 20 Jahren viel zu wenig in die Erkundung neuer Vorkommen investiert haben. Im Ergebnis gingen die Vorräte durchschnittlich um 30 Prozent zurück.

    Die Herangehensweise russischer Unternehmen an den Öl- und Gassektor Syriens ist ein strategischer Plan, der nicht nur die zerstörte Wirtschaft des Landes wiederaufbauen, sondern dafür auch große Einnahmen im Laufe von mehreren Jahrzehnten generieren soll. Bereits in dieser Etappe kann man von ganz konkreten Aussichten sprechen – vor einigen Jahren wurden im Mittelmeer die weltweit wohl größten Erdgasvorräte entdeckt. Neben anderen Ländern hat auch Syrien einen territorialen Zugang zu ihnen.

    Solch umfassende Arbeiten erfordern natürlich auch ernsthafte Investitionen. Die syrische Regierung hat diese Mittel nicht. Die Finanzlast werden wohl die russischen Firmen tragen müssen.

    „Wir werden wiederaufbauen und die Syrer werden uns mit einem Teil des gefördertes Öls von den in Betrieb genommenen Vorkommen bezahlen“, sagte Wladimir Issajew vom Institut für die Länder Asiens und Afrikas an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität.

    Die uns „lieben“, blicken uns hinterher

    Angesichts der Tatsache, wie sich jetzt die außenpolitische Lage entwickelt, werden zu den Erfolgen der russischen Firmen im syrischen Öl- und Gasbereich die Versuche anderer Länder unmittelbar proportional zunehmen, Russland aus diesem Bereich zu verdrängen. Das betrifft in erster Linie die internationalen Öl- und Gasriesen.

    Öllager an der Frontlinie in Syrien (Archivbild)
    © AFP 2018 / Fabio Bucciarelli
    Sie werden natürlich versuchen, ihr Geschäft in Syrien nach dem Kriegsende zu integrieren. Doch die syrische Regierung wird sie kaum mit offenen Armen empfangen. Zu frisch ist noch die Erinnerung an das Vorgehen von Shell und Total im Gedächtnis, die das Land im Dezember 2011 angesichts der sich verschärfenden Rhetorik westlicher Länder gegen die legitime Regierung in Damaskus verließen. Doch selbst befreundete Länder würden Russland kaum „verdrängen“. Sie werden sich mit den für sie üblichen Projekten befassen. Ganz oben auf dieser Liste rangiert China mit seinem immensen Investitionspotential.

    „Peking hat keine Erfahrung, weil die gesamte Raffinerie-Industrie von der Sowjetunion entwickelt wurde. China wird sich mit dem Straßenbau befassen, dort sind Verträge unterzeichnet, sowie mit dem Wiederaufbau der Landwirtschaft bzw. der Textilfabriken“, sagte Issajew.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Ölförderung, Öl, Wiederaufbau, Industrie, British Petroleum (BP), Rostec, Syrien, Russland