22:30 19 Oktober 2018
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    Mesut Özil (Archiv)

    Mesut Özil tritt zurück: „Die Mannschaft“ ist #zrbrchn

    © AFP 2018 / ODD ANDERSEN
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    Matthias Witte
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    Mesut Özil hat sein Schweigen gebrochen. Der Weltmeister von 2014 hat seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt. Er nimmt Stellung zum Erdogan-Foto und greift DFB-Präsident Grindel an. Es ist eine Niederlage – für ganz Deutschland.

    Hier geht es um den Mann, der acht Jahre lang der Spielmacher der deutschen Nationalelf war. Der 92 Länderspiele für Deutschland auf dem Feld stand, dabei 23 Tore erzielte und 2014 den Weltmeistertitel holte.

    Das Erdogan-Foto ist und bleibt unglücklich oder sogar falsch. Der Deutsche Fußballbund (DFB) hätte vor der Weltmeisterschaft eine Stellungnahme von Özil verlangen oder ihn für die WM in Russland streichen können. Ob richtig oder falsch, das wäre konsequent gewesen. Das hat jedoch niemand beim DFB getan. Özil wurde beim Testspiel gegen Österreich ausgepfiffen und rassistisch beleidigt. Beim DFB dachte man: Das wird schon. Wurde es aber nicht. Die deutsche Mannschaft schied in Russland in der Vorrunde aus.

    DFB zieht keine Konsequenzen

    Zögerlich und vor allem hinter verschlossenen Türen haben sie beim DFB mit der Analyse des historischen Ausscheidens begonnen. Ergebnis: Der Nationaltrainer macht weiter, der DFB-Manager sowieso. Es war Oliver Bierhoff selbst, der in einem Interview nach der WM äußerte, man hätte Özil wohl zu Hause lassen sollen. Ein paar Tage später äußerte sich DFB-Präsident Reinhard Grindel in einem weiteren Interview: „Özil muss sein Schweigen in der Erdogan-Affäre brechen.“ Dazu beginnt die alte Debatte, Özil habe lustlos gespielt, seine Körperhaltung spreche Bände und die Nationalhymne hat er noch nie mitgesungen.

    Jetzt hat Özil sein langes Schweigen gebrochen. Er steht zu dem Erdogan-Foto. Er teilt gegen die Presse aus. Und er attackiert DFB-Präsident Grindel scharf. Selbstkritik äußert er nicht. Man kann den 29-Jährigen dafür kritisieren. Aber der Rücktritt Mesut Özils ist vor allem für den Deutschen Fußballbund und für die Nationalmannschaft ein Armutszeugnis. Der DFB hat bei der Erdogan-Affäre rumgeeiert und hörte damit nicht auf, als Özil öffentlich zum Bild des Scheiterns bei der Weltmeisterschaft wurde. Wo waren die Bekenntnisse zum Spieler, als der im Sturm der Kritik stand? Sie kamen weder vom Bundestrainer noch vom DFB-Manager oder —Präsidenten noch von Özils Teamkollegen.

    >>Mehr zum Thema: Özil zu Foto mit Erdogan: „Ich hätte das Bild so oder so gemacht“

    Wo sind Neuer, Hummels, Müller oder Kroos?

    Das ist eigentlich das traurigste. Manuel Neuer ist Kapitän der Nationalmannschaft. Er ist wie Özil in Gelsenkirchen bei Schalke 04 groß geworden. Beigestanden hat er Özil nicht.

    Wo war Mats Hummels? Der Abwehrspieler von Bayern München, der sich in Interviews stets smart, weltmännisch und kritisch gibt. Von ihm hätte man erwartet, Özil auf der einen Seite wegen des Erdogan-Fotos zu ermahnen, ihn auf der anderen Seite aber auch gegen rassistische Äußerungen zu verteidigen und ihm auch in den letzten Wochen beizustehen. Auch er schweigt.

    Oder Thomas Müller, dessen persönliche WM-Bilanz mindestens genauso desaströs ist wie die der ganzen Mannschaft, der in besseren Zeiten aber gern den klugen Kasper aus Bayern gibt. Auch er hat sich nicht vor Özil oder zumindest neben ihn gestellt.

    Der vierfache Gewinner der Champions League Toni Kroos ist völlig in der Versenkung verschwunden.

    Keine Mannschaft mehr

    Diese vier Spieler gelten als Führungsspieler der Nationalmannschaft und haben diesen Anspruch auch an sich selbst. Führen heißt aber auch, Verantwortung zu übernehmen, Kritik zu üben, wenn es sein muss, und zu unterstützen, wenn einer persönlich attackiert wird. Nichts ist geschehen.

    >>Mehr zum Thema: „Wenn Özil die Nationalhymne nicht singt, heißt es nicht, dass er kein Deutscher ist“

    Im September beginnt wieder die Champions League. In Videoclips sagen Spieler wie Paul Pogba, Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Manuel Neuer dann wieder: „No to racism.“ Ob Manuel Neuer in dieser Saison wieder dabei ist? „Die Mannschaft“ – das war der DFB-Slogan der WM 2014, #zsmmn, das war der Hashtag bei der WM 2018. Jetzt im Juli 2018 müsste es wohl heißen: „Die Mannschaft ist #zrbrchn“.

    Der „Fall Özil“ hinterlässt Fragen

    Mein Weltmeistertrikot von 2014 ist gerade mit der Hoffnung auf bessere Zeiten in den Tiefen des Kleiderschranks verschwunden. Das Shirt hat die Rückennummer 11 – Miroslav Klose. Wie Mesut Özil war der in Polen geborene Klose eine Integrationsfigur der deutschen Nationalelf, die offen war für Kinder und Jugendliche jeder Herkunft auf den Bolzplätzen in Berlin, Frankfurt, Dresden oder im Ruhrgebiet.

    Nach Klose 2014 ist jetzt Özil zurückgetreten. Mit Pauken und Trompeten zwar, und sicher trägt er in der ganzen Geschichte seinen eigenen Anteil an diesem bitteren Ende. Doch er hinterlässt eine Lücke auf dem Fußballplatz. Und der „Fall Özil“ hinterlässt Fragen, auf die der DFB und die deutsche Gesellschaft Antworten finden müssen. Eine davon: Kann es eine offene Gesellschaft aushalten, wenn eins ihrer Mitglieder etwas unterstützt oder gut findet, das zu den Werten der Gesellschaft im Widerspruch steht?

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    Tags:
    zurücktreten, Nationalmannschaft, Integration, Skandal, Rassismus, Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, Deutscher Fußball-Bund (DFB), Oliver Bierhoff, Reinhard Grindel, Mesut Özil, Joachim Löw, Recep Tayyip Erdogan, Türkei, Deutschland