03:34 17 August 2018
SNA Radio
    Der jüngste Ansturm von Migranten in Ceuta

    Sturm auf Spaniens Exklave: Wird Gaddafis Prophezeiung wahr?

    © REUTERS / FARO TV
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Bernhard Schwarz
    5328612

    Am Donnerstag ist es bis zu 600 afrikanischen Migranten gelungen, die befestigte Grenze zur spanischen Exklave Ceuta zu stürmen und illegal in die EU einzudringen. Ein solches Szenario, das Parallelen zum Untergang Roms aufweist, schien der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi kurz vor seiner Ermordung im Jahr 2011 bereits vorausgeahnt zu haben.

    Es sorgte für Schlagzeilen weltweit: In den frühen Morgenstunden hatten Beamte der spanischen und marokkanischen Zivilgarde versucht, hunderte aggressive Migranten an der Überquerung der EU-Grenze zu Marokko in die spanische Exklave Ceuta zu hindern. Bei der scheinbar im Voraus geplanten Attacke wurden die Ordnungshüter mit Flammenwerfern, Fäkalien und ätzenden Stoffen attackiert.

    Die Beamten scheinen verzweifelt zu sein, denn obwohl es schon öfter Anstürme auf Ceuta gegeben hat, sind die Migranten noch nie so brutal vorgegangen. Im Gebiet um die spanische Exklave warten zehntausende weitere notleidende Afrikaner auf eine Gelegenheit, um nach Europa zu gelangen.

    Obwohl die Anzahl der neugestellten Asylanträge in der EU in diesem Jahr zurückgeht, hat die Flüchtlingskrise nun offenbar in gewisser Weise ihren Höhepunkt erreicht. Hunderte Migranten haben gezeigt, dass sie fest entschlossen sind, in die EU zu gelangen und sich dabei von niemanden aufhalten lassen.

    Von Verzweiflung und Hunger getrieben sind sie bereit, ihr eigenes Leben und das Leben der Grenzbeamten aufs Spiel zu setzen, um nach Europa zu kommen. Ein „Nein“ wird dabei nicht akzeptiert. Die Brutalität, mit der gegen die Polizei vorgegangen wird, ist schockierend und sollte die Alarmglocken in Brüssel schrillen lassen. Bisher schweigt die EU zu diesem Vorfall, doch wenn nicht bald ein konkreter Aktionsplan vorgelegt wird, riskiert man, dass Gewalt und Anarchie ins Herz von Europa getragen werden.

    Noch vor Ausbruch des Bürgerkriegs im Jahre 2011 warnte der libysche Diktator Muammar al-Gaddafi:

    „Ihr sollt mich recht verstehen. Wenn ihr mich bedrängt und destabilisieren wollt, werdet ihr Verwirrung stiften, Bin Laden in die Hände spielen und bewaffnete Rebellenhaufen begünstigen. Folgendes wird sich ereignen. Ihr werdet von einer Immigrationswelle aus Afrika überschwemmt werden, die von Libyen aus nach Europa überschwappt. Es wird niemand mehr da sein, um sie aufzuhalten.“ 

    Zu dieser Zeit ahnte Gaddafi vermutlich noch nicht, dass er selbst nur sechs Monate später nach der Nato-Intervention von Rebellen auf offener Straße kaltblütig ermordet werden würde. Mit seiner Warnung scheint Gaddafi aber recht zu behalten, obwohl das auf keinen Fall die Herrschaft des libyschen Despoten legitimieren soll. Vor 2011 war Libyen das reichste Land Afrikas und wurde zu einem Traumziel für die hungerleidenden Völker in Eritrea und Niger.

    Gemessen an seiner Einwohnerzahl zählte Libyen zu einem der größten Einwanderungsländer der Welt. Heute ist Libyen ein gescheiterter Staat, in dem es zwei Regierungen und keine Ordnung gibt. Der Zusammenbruch dieses Staates hat auch die umliegenden Regionen destabilisiert, und es brodelt von Niger bis Somalia. Während des Bürgerkriegs lieferten Frankreich und die USA massenweise Waffen an die libyschen Rebellen, die selbstverständlich nach dem Krieg nicht zurückgegeben wurden. Auch die Kriegsgeräte aus Gaddafis Arsenalen wurden geplündert, und so entwickelte sich in Libyen ein regelrechter „Waffenbasar“. Humans Rights Watch warnte direkt nach dem Bürgerkrieg: „Dies ist die größte Verbreitung von Waffen, die wir jemals gesehen haben. In den kommenden Jahrzehnten wird das für die Region eine Gefahr darstellen.“ Ähnliche Entwicklungen konnten auch nach den US-Interventionen im Irak, in Afghanistan und bis zum Eingreifen Russlands auch in Syrien beobachtet werden.

    Heute werden in Deutschland die meisten Asylanträge von Flüchtlingen aus den eben genannten Ländern gestellt. Aus Afrika fliehen vor allem die Einwohner aus Niger, Eritrea, Somalia und Tschad nach Europa. Mehr als 75 Prozent der Bootsflüchtlinge brechen von libyschen Häfen aus nach Europa auf.

    Die Politik der deutschen Bundeskanzlerin im Sinne „Irgendwie schaffen wir das schon“ erinnert dabei an die Hilflosigkeit des Römischen Reiches kurz vor seinem Untergang. Die Römer scheiterten damals an einer Flüchtlingskrise, als die Goten vor der Invasion der Hunnen ins Römische Reich flüchteten. Zuerst wurden die Goten friedlich aufgenommen und mit Lebensmitteln unterstützt, doch als der Zustrom zu groß wurde, zogen die Römer in den Krieg, um die Goten zu stoppen.

    Außerdem behielten korrupte römische Beamte die Lebensmittel für sich, und als sich die bereits in Rom lebenden Goten unfair behandelt fühlten, kam es zum Aufstand. Der renommierte Althistoriker Alexander Demandt listete weitere Gründe für den Niedergang des Römischen Reiches auf: „Dekadenz, Feinschmeckerei, Badewesen, Rentnergesinnung, Willenslähmung und Verlust der nationalen Identität.“ Auch im heutigen Europa scheint die Entwicklung für viele EU-Bürger in Ordnung zu sein, so lange sie ein Dach über dem Kopf haben, Essen gehen und in den Urlaub fahren können. Der Untergang des Römischen Reiches wurde bestimmt vor der Flüchtlingskrise eingeleitet, doch die Parallelen sind erschreckend. Auch das legendäre Zitat von Cicero „Wie lange noch, willst du unsere Geduld missbrauchen“ ist im Hinblick auf die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und ihren Innenminister Horst Seehofer aktueller denn je.

    Die Sicherheitspolitik im Umgang mit Flüchtlingen von Angela Merkel unterscheidet sich grundsätzlich von der Politik ihrer Vorgänger. So meinte etwa der ehemalige deutsche Bundeskanzler Willy Brandt: „In unserer Mitte arbeiten fast 2,5 Millionen Menschen anderer Nationen. Es ist aber notwendig geworden, dass wir sehr sorgsam überlegen, wo die Aufnahmefähigkeit unserer Gesellschaft erschöpft und wo soziale Vernunft und Verantwortung Halt gebieten.“

    Helmuth Schmidt befürchtete zehn Jahre später:

    „Mit weit über vier Millionen Ausländern ist die Aufnahme der deutschen Gesellschaft erschöpft, wenn nicht ganz große Probleme entstehen sollen. Mehr als 4,5 Millionen Ausländer können wir mit Anstand nicht verdauen.“ Heute leben bereits 10,6 Millionen Ausländer in Deutschland, und über Obergrenzen wird schon lange nicht mehr gesprochen. Horst Seehofer versuchte gemeinsam mit dem österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz und den Visegrad-Staaten, ein Alternativ-Programm für die Flüchtlingskrise auf den Tisch zu legen. So sollen „illegale Flüchtlinge zurückgewiesen, der Außengrenzschutz verstärkt, Flüchtlingscamps für abgewiesene Asylwerber in Drittstaaten errichtet und Frontex zu einer Grenzpolizei ausgebaut werden“.

    Ein zentraler Punkt in diesem Programm stellt auch die Möglichkeit dar, in den Herkunftsländern Asylanträge einreichen zu können. Nun stellt sich nach dem Sturm auf die spanische Exklave Ceuta aber die Frage, wie diese Asylzentren funktionieren und wie sie sich verteidigen sollen. Die Bevölkerung in Afrika explodiert und wird sich bis 2050 auf 2,5 Milliarden verdoppeln. Die Flüchtlingsbewegung könnte sich aufgrund von Hungersnöten, Misswirtschaft, Korruption und mangelnder Perspektiven der Bevölkerung verstärken. Die betroffenen Flüchtlinge werden höchstwahrscheinlich einen negativen Asylbescheid vor Ort nicht einfach so akzeptieren und sich trotzdem auf den Weg nach Europa machen.

    Ein kleiner Hoffnungsschimmer tut sich aber in Syrien auf, von wo aktuell die meisten Flüchtlinge nach Europa kommen. Mit Unterstützung Russlands ist es Präsident Baschar al-Assad gelungen, den IS weitgehend aus Syrien zu vertreiben, und der Bürgerkrieg ist fast beendet. Nach dem Besuch einer russischen Delegation bekräftigte der syrische Präsident, allen Flüchtlingen eine „sichere Rückkehr zu garantieren“. Es wird bereits intensiv daran gearbeitet, syrische Flüchtlinge aus den Nachbarländern Türkei, Libanon und Jordanien in ihre Heimat zurückzubringen, damit sie am Wiederaufbau mithelfen können. Womöglich wären hierbei in Zukunft auch diverse Verhandlungen mit Assad ratsam, um ähnliche Rückkehrvereinbarungen abzuschließen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

    Tags:
    EU-Außengrenzen, Flüchtlingswelle, Asylanträge, Flüchtlinge, Ansturm, Asylbewerber, Gefahr, Migrationskrise, Destabilisierung, Chaos, Migranten, Bürgerkrieg, Visegrad-Gruppe, EU, Willy Brandt, Muammar al-Gaddafi, Sebastian Kurz, Helmut Schmidt, Angela Merkel, Ceuta, Europa, Nordafrika, Marokko, Afrika, Spanien, Libyen
    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren