20:32 16 Oktober 2018
SNA Radio
    Ein Militant in der Zentralafrikanischen Republik (Archivbild)

    Journalistenmord in Afrika: Das „blutbefleckte russische Regime“ entlarven

    © REUTERS / Baz Ratner
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Viktor Marachowski
    142099

    Die Ermordung von drei russischen Staatsbürgern in der Zentralafrikanischen Republik kann trotz aller Tragik nicht als Skandal betrachtet werden. Rund um den Globus gibt es wohl kaum einen gefährlicheren Ort. Wieso aber lügte der Auftraggeber der Journalisten aus der Chodorkowski-Clique, der die Journalisten mit Touristen-Visa dorthin schickte?

    Seit fünf Jahren erschüttert ein Bürgerkrieg das afrikanische Land. Die Armut ist selbst nach afrikanischen Verhältnissen enorm. Die Regierung kontrolliert höchstens ein Viertel des Landes. Drei unbewaffnete Europäer ohne Leibwachen kehren aus solchen Orten nur mit viel Glück zurück. Den russischen Reportern Orchan Dschemal, Alexander Rastorgujew und Kirill Radtschenko war dieses Glück nicht vergönnt.

    Der Skandal ereignete sich nicht mitten in Afrika, sondern in Europa und Russland.

    Zur Chronologie.

    Die französische Nachrichtenagentur AFP verbreitete am Dienstag Informationen über den Tod von drei russischen Journalisten. Sie fuhren am Vortag in der Nacht durch eine ländliche Gegend, ihr Auto wurde aus dem Hinterhalt beschossen. Nur der afrikanische Fahrer überlebte den Angriff. Die Mörder stahlen die teuren Kameras und verschwanden spurlos. Die Leichname wurden in ein nahe gelegenes Krankenhaus gebracht, wo bei zwei Männern Ausweise von russischen Medien entdeckt wurden.

    Später wurden die Namen der Ermordeten bekannt gegeben. Gleichzeitig stellte sich heraus, dass die Zeitung, deren Ausweise sie bei sich hatten, niemanden nach Zentralafrika geschickt hat und die Presseausweise bereits abgelaufen sind.

    Danach stellte sich heraus, dass sie vom „Ermittlungs-Kontroll-Zentrum“ nach Afrika geschickt wurden. Das ist weder ein Medium noch eine Struktur, sondern ein Projekt mit einem fragwürdigen Status, das von Michail Chodorkowski finanziert wird. Es liegt auf der Hand, womit es sich befasst – Berichte über das blutbefleckte russische Regime und Inhalte in sozialen Netzwerken und Ressourcen seiner Gleichgesinnten verbreiten.

    Auf die Frage von RIA Novosti, warum die drei Mitarbeiter dieses „Zentrums“ in dieses hochgradig gefährliche Krisengebiet geschickt wurden, antwortete der Leiter des Projekts, Andrej Konjachin: „Es wurde ein Film über das Leben in Zentralafrika gedreht. Das ist ein Dokumentarfilm, Sascha Rastorgujew war dort, er ist sehr bekannt … Das war unser gemeinsames Projekt.“

    Später am Abend sorgte Chodorkowski selbst für mehr Klarheit: „Diese Gruppe arbeitete zusammen mit meinem Projekt ‚Ermittlungs-Kontroll-Zentrum‘ an einer Recherche über russische Söldner. Das waren tapfere Jungs, die nicht nur Filmmaterial sammeln, sondern die dortige Situation hautnah miterleben wollten.“

    Demnach wurden sie also wohl mit dem Ziel dorthin geschickt, das blutbefleckte russische Regime zu entlarven. Denn in der Zentralafrikanischen Republik, was bereits im März vom russischen Außenministerium offiziell berichtet wurde, sind nach einem Abkommen mit der Regierung fünf militärische und 170 zivile Ausbilder im Einsatz, um Einheimische militärisch zu schulen. Das erfolgt übrigens in Absprache mit den Vereinten Nationen.

    Es liegt der Verdacht nahe, dass diese Militärausbilder in diesem Propagandafilm als „Söldner der Wagner-Einheit, die im Interesse des blutbefleckten Regimes töten und sterben“, dargestellt werden sollten.

    Anschließend kam die berühmte Professionalität der europäischen Presse wieder einmal zum Vorschein. Bei der Beschreibung des Todes der Russen log die deutsche „Bild“-Zeitung.  „In Russland sind die Aktivitäten der berüchtigten ‚Wagner‘-Gruppe ein heikles Thema. So berichtet die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti über den Tod der drei Journalisten, ohne ‚Wagner‘ zu erwähnen. Die vom Kreml kontrollierte Nachrichtenagentur behauptete stattdessen, die Reporter hätten an einer Dokumentation ‚über das Leben in der Republik Zentralafrika‘ gearbeitet“, heißt es in der Zeitung.

    Doch das wurde von der Person behauptet, die sie dorthin geschickt hatte –  vom Chef des „Zentrums“, Konjachin. Warum er sich nicht wagte, das Thema direkt anzusprechen – anscheinend, weil Auftraggeber Michail Chodorkowski sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht geäußert hatte. RIA Novosti verfügt über die Aufnahme dieses Gesprächs.

    Polizisten auf den Straßen von Bangui, Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, während der Wahlkampagne 2016 (Archivbild)
    © AFP 2018 / Issouf Sanogo
    Am Mittwoch wurden wohl die eklatantesten Einzelheiten zu diesem tragischen Vorfall bekannt. Die Ermordeten reisten als Touristen nach Zentralafrika. Zudem waren sie am Tag vor dem tödlichen Überfall wegen illegaler Dreharbeiten festgenommen worden. Außerdem wurden sie gewarnt, dass sie die Sicherheitszone verlassen, die von legitimen Behörden kontrolliert wird. Zum Zeitpunkt des tödlichen Angriffs befanden sie sich nicht in dem Gebiet, wo die russischen Spezialisten stationiert sind. Sie seien von ihrer Reiseroute abgewichen, wie ihre Kollegen sagen.

    Kurzum: Die ganze Situation ist verworren. Drei russische Staatsbürger, darunter ein Dokufilmer für Festivals, waren beauftragt worden, Filmmaterial für ein Propagandaprojekt zu sammeln. Sie wurden quasi zu Freiwild in einem Bürgerkriegsland erklärt, als Touristen ohne Ausweise und Schutz in ein armes Land geschickt, wo sich Gruppen religiöser Fanatiker und Raubmörder herumtreiben. Sie kamen zwar tragisch, aber nicht überraschend ums Leben.

    Wozu das alles?

    Da ist die Antwort.

    BBC berichtet: „Eine Gruppe drehte eine Doku über die russische Söldnereinheit Wagner, die vermutlich im Lande vorgeht. <…> Diese Gruppe geht übrigens aktiv in Syrien vor“ (die antirussische Propaganda-Tätigkeit von Michail Chodorkowski ist in Europa wohl ein heikles Thema. Der staatliche britische TV-Sender BBC berichtet über den Tod von Journalisten ohne Erwähnung von Chodorkowski und dessen Zentrum, das die Reporter in den Tod schickte).

    The Guardian: „Das ums Leben gekommene Team aus drei Reportern traf in Zentralafrika zur Ermittlung über eine Firma mit Kreml-Verbindungen ein.“

    France24: „Drei russische Journalisten, die in Zentralafrika ermordet wurden, untersuchten die Tätigkeit der russischen privaten Armee.“

    Daily Mail: „Drei russische Journalisten wurden im Hinterhalt in der Zentralafrikanischen Republik getötet, als sie über Söldner ermittelten, die mit dem Koch Putins in Verbindung stehen.“

    Michail Chodorkowski schrieb auf Facebook, dass es „tapfere Jungs waren“, drückte Beileid an die Familien der Ermordeten aus. Sein Posting sammelte fast 1000 „Likes“ und etwa 100 Reposts.

    … Also man hat de facto mit Opfern eines in der letzten Zeit verbreiteten Schemas zu tun.

    Dieses Schema wurde bereits mehrmals erläutert. Zunächst kommt aus einer Geldquelle ein Auftrag – ein Material über ein weiteres Verbrechen des blutbefleckten Regimes zu machen, es wird das Thema genannt. Danach werden Vollzieher gefunden, denen die Aufgabe gestellt wird, den Content zu drehen. Zu Beginn des Sommers, als im Internet aktiv das Thema von „China, das Sibirien absägt“ verbreitet wurde, bat solch ein Auftragnehmer plump im Sozialen Netzwerk um Hilfe – es bestehe bereits ein Konzept, man bräuchte nun Drehmaterialien. Wenn der Content fertig ist, wird er im Internet verbreitet.

    In diesem Schema werden die Vollzieher von Anfang an als Verbrauchsmaterial betrachtet. Die Auftraggeber interessiert nicht ihre Motivation bzw. ihr Berufsruf, ihre Sicherheit. Wenn ihnen etwas widerfährt, ist es vielleicht auch besser so. Einfache Kämpfer des Informationskrieges können dann in „Opfer des Kampfes“ umgewandelt werden. Dabei geht es um Zitierbarkeit, um Versprechen, Verantwortliche zu finden (Chorodkowski versprach das bereits aus London), und um Finanzierung.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Verschwörung, Rebellen, Bürgerkrieg, Mord, Journalisten, Medienattacke, Propaganda, Daily Mail, The Guardian, AFP, Boris Chodorkowski, Wladimir Putin, Zentralafrikanische Republik