13:43 16 Oktober 2018
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    Der in der Türkei festgenommene US-Pastor Andrew Brunson

    Pastor der Zwietracht: Wer lässt Erdogan und Trump das Kriegsbeil ausgraben?

    © AP Photo / Emre Tazegul
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    Galija Ibragimowa
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    Vom Krieg der Ultimaten der vergangenen Wochen sind die Türkei und die USA zu aktiven Handlungen übergangen. Washington hat Sanktionen gegen zwei türkische Minister wegen Ankaras Verzicht verhängt, den Pastor Andrew Brunson freizulassen, dem in der Türkei Spionage und Terrorismus vorgeworfen werden. Die türkischen Behörden planen Gegenmaßnahmen.

    Wie stark die antiamerikanischen Stimmungen in der türkischen Gesellschaft sind und wie weit die Konfrontation gehen kann – darüber lesen Sie in diesem Artikel.

    Pastor gegen Prediger

    Die Sanktionen trafen Justizminister Adulhamit Gül und Innenminister Süleyman Soylu. „Pastor Brunson wurde von den türkischen Behörden unbegründet festgenommen. Er wird weiter verfolgt, was unzulässig ist“, hob der US-Finanzminister Steven Mnuchin hervor.

    Die Reaktion der türkischen Seite folgte blitzschnell.

    „Die US-Administration sollte verstehen, dass Sanktionen uns nicht dazu zwingen werden, ihre illegalen Forderungen zu erfüllen. Wir können so nicht gemeinsame Probleme lösen“, schrieb der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu auf Twitter.

    Der zum Stolperstein gewordene Pastor Brunson lebt seit 23 Jahren in der Türkei und ist als Prediger und Missionar tätig. Im Oktober 2016 wurde er wegen Verletzung der Einwanderungsgesetze festgenommen. Vor kurzem wurden gegen ihn neue Vorwürfe erhoben. Der Pastor wird wegen Unterstützung der in der Türkei verbotenen FETO-Organisation und ihres Gründers, des islamischen Predigers Fethullah Gülen, verdächtigt. Laut Erkenntnissen der Ermittler soll Brunson von der FETO Geld bekommen haben, das er zur Untergrabung der Verfassungsordnung der Türkei einsetzte.

    Nach dem gescheiterten Putschversuch soll der Pastor einen Brief an US-Militärs geschickt haben, in dem er sein Bedauern ausdrückte, dass der Putsch scheiterte.

    Pastor Brunson wurden auch illegale Verbindungen zur in der Türkei verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vorgeworfen. Er soll unter den Kurden für die Idee der Schaffung einer christlichen Bewegung und eines Staates auf dieser Grundlage geworben haben. Der Pastor wies die Vorwürfe zurück. Er kann jedoch für 35 Jahre hinter Gittern sitzen.

    Allerdings hinderte die Ernsthaftigkeit der Anklage den türkischen Staatschef Erdogan nicht daran, den Amerikanern vorzuschlagen, den Pastor gegen Fethullah Gülen auszutauschen, der in den USA seit fast 20 Jahren lebt. Washington ging darauf nicht ein.

    Donald Trump empfahl Erdogan, „etwas zu machen, um diesen guten christlichen Ehemann und Vater freizulassen“. Als Antwort riet Erdogan Trump dazu, „keinen starken und aufrichtigen Partner zu verlieren“.

    Als Vermittler bei der Regelung der Beziehungen zwischen den zwei Ländern trat Israel auf. Auf Trumps Bitte ließ Premier Benjamin Netanjahu die am 11. Juni festgenommene Türkin Ebru Özkan frei, die von den israelischen Sicherheitsdiensten wegen Verbindungen mit der Hamas verdächtigt wurde. Doch die Rückkehr der Frau in die Heimat milderte nicht die Position Erdogans beim Fall Brunson.

    Pokern mit hohen Einsätzen

    „Bis Sommer 2016, als in der Türkei der Putschversuch scheiterte, hatten sich die türkischen Staatsbürger zu den USA eher neutral verhalten. Jetzt ist der Antiamerikanismus sehr ausgeprägt“, sagte Marjam Tursunowa, die sich vor einigen Jahren in die Türkei zusammen mit der Familie niedergelassen hat.

    Das stehe im Zusammenhang mit der verstärkten Kontrolle der Behörden über das öffentliche Leben. „Türkische Medien, denen man im Lande vertraut, kritisieren oft Amerikaner. Das beeinflusst die Stimmungen der Staatsbürger.“

    Die erste Konsequenz aus den US-Sanktionen war die Abwertung der türkischen Lira. „Die Menschen sind über mögliche wirtschaftliche Folgen besorgt, was noch mehr Negatives gegenüber den USA verursacht“, sagte Tursunowa. Allerdings ist das Verhalten zu den Amerikanern im Alltag nach wie vor freundschaftlich.

    Der in Ankara ansässige Experte des Russischen Auswärtigen Rats, Timur Achmetow, meint, dass die Sanktionen lokal und symbolisch sind. „Diese zwei Minister haben keine großen Aktiva oder Geschäftsinteressen im Ausland. Die Amerikaner signalisieren damit, dass sie den Druck gegen die Türkei verstärken können, bevorzugen jedoch inzwischen Verhandlungen“, sagte der Experte. Washington und Ankara setzen das Zusammenwirken innerhalb der Nato fort, vor kurzem wurde die Zusammenarbeit in den nördlichen Provinzen Syriens aufgenommen.

    Der Professor der Yeditepe Üniversitesi, Mesut Hakkı Caşin, brachte die Meinung zum Ausdruck, dass die US-Sanktionen gegen Pastor nur der Anlass seien, einen Keil zwischen Ankara, Moskau und Teheran zu treiben.

    „Die Geschichte um den Pastor dauert bereits seit zwei Jahren an. Doch gerade jetzt, da die Türkei, Russland und der Iran fruchtbar bei der Syrien-Regelung kooperieren, verhängen die Amerikaner Sanktionen“, sagte der türkische Experte.

    Er machte darauf aufmerksam, dass die USA die Lieferungen der F-35-Kampfjets an Ankara stoppten, nachdem die türkischen Behörden und Russland die Lieferung von S-400-Raketensystemen Triumph vereinbart hatten.

    Ankara verteidigt sein Recht, eine von Washington unabhängige Außenpolitik durchzuführen, und stößt dabei auf Widerstand. Beide Seiten gehen aufs Ganze und spitzen den Konflikt zu. Der Fall Brunson wird zeigen, wie weit sie zu gehen bereit sind.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Pastor, Streit, Festnahme, Sanktionen, F-35, US-Finanzministerium, NATO, Abdulhamit Gül, Andrew Brunson, Süleyman Soylu, Steven Mnuchin, Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan, Mevlüt Cavusoglu, Türkei, Israel, USA