02:23 16 August 2018
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    Bild des Fotokorrespondenten Andrej Stenin (l.), der am 6. August 2014 im ukrainischen Donezbecken ums Leben kam.

    Ukraine: Journalisten werden für Wahrheit ins Gefängnis geworfen und getötet

    © Sputnik / Ramil Sitdikow
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    Sachar Winogradow
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    Vier Jahre sind vergangen, seitdem der Fotokorrespondent der Nachrichtenagentur „Rossija Sewodnja“ Andrej Stenin am 6. August 2014 im ukrainischen Donezbecken unter nach wie vor ungeklärten Umständen ums Leben kam.

    Doch das ist bei weitem nicht das einzige traurige Datum in diesem Land: Am selben Tag wird in Kiew der Einspruch gegen die Verlängerung der Haftzeit des Chefredakteurs der Webseite RIA Novosti Ukraine, Kyrill Wyschinski, behandelt. Und am 9. April findet eine Gerichtsverhandlung im Rahmen der Ermittlung des Mordes am ukrainischen Reporter und Schriftsteller Oles Busyna statt.

    Diese Fälle haben etwas gemeinsam. Alle Verbrechen wurden in der Ukraine begangen und schuld daran ist das aktuelle Regime.

    August 2014

    An diesen Tagen begaben wir uns gemeinsam mit Kyrill auf eine Dienstreise in die Donbass-Region – ich im Auftrag meiner Moskauer Redaktion, er im Auftrag von RIA Novosti Ukraine. Wir machten uns in einem üblichen Passagierzug „Kiew-Donezk“ auf den Weg zum Bürgerkrieg. Damals war das noch möglich. Zwischen den Hauptstädten der Konfliktseiten gab es noch Eisenbahnverkehr. Jetzt ist so etwas nicht mehr vorstellbar: Die andere Seite der Frontlinie wird inzwischen Artillerieangriffen vonseiten der ukrainischen Streitkräfte ausgesetzt.

    In Donezk besuchten wir einen der Stadtbezirke, der am Vortag aus Artilleriewaffen beschossen worden war. Dort sahen wir Hochhäuser mit halbzerstörten Wohnungen. Durchbruchstellen zeigten nicht bedeckte Betten, zerstörte Küchen usw.

    In Donezk verfolgten Kyrill und ich ein einziges Ziel. Nämlich, herauszufinden und mit eigenen Augen zu sehen, was der dortige Bürgerkrieg in Wirklichkeit ist und mit den Menschen zu sprechen – sowohl mit den Teilnehmern der Gefechte als auch mit deren Kommandeuren, die sie quasi dem Tode ausliefern. Das schilderten wir auch unseren Lesern in unseren Berichten. Und jetzt erzählen meine ukrainischen Kollegen, dass Kyrill Wyschinski für seine damalige Dienstreise beschuldigt wird – er soll Mithelfer von Terroristen sein. Das ist nichts als Unsinn, auf den nur Vertreter des Sicherheitsdienstes der Ukraine (SBU) mit ihrer überhitzten Einbildungskraft kommen konnten.

    Damals erfuhren wir auch, dass unser Kollege, der Fotokorrespondent Andrej Stenin, der sich unmittelbar im Konfliktraum aufhielt, verschwunden war. Unsere Versuche in Donezk etwas darüber in Erfahrung zu bringen blieben erfolglos. Es gab Gerüchte, wonach eine Gruppe von Reportern, der er angehören könnte, von Radikalen überfallen und entführt worden wäre, die sich am so genannten Anti-Terror-Einsatz in der Ostukraine beteiligten. Damals war so etwas keine Seltenheit.

    Kontakt mit diesen Radikalen konnte man nur in Kiew aufnehmen, deshalb kehrten wir unverzüglich in die ukrainische Hauptstadt zurück. Alle unsere Versuche, mithilfe unserer Bekannten, Freunde und Quellen in den Rechtsschutzorganen Andrej Stenin aufzuspüren, blieben jedoch vergebens. Niemand wusste, was mit ihm passiert war – oder jedenfalls wurde uns das so dargestellt.

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    Jedoch blieb die Zuversicht, dass Andrej noch am Leben, dass er irgendwo in einem Keller eingesperrt sein könnte. Es gab noch die Hoffnung, dass wir ihn doch noch lebend finden würden. Doch alles war vergebens.

    Der Abgeordnete und künftige Betreuer der für zahlreiche Skandale bekannten Webseite „Mirotworez“ („Friedensstifter“), Anton Geraschtschenko, teilte als erster über Stenins Tod mit. Genauer gesagt, war das keine Mitteilung, sondern einfach eine Bemerkung in einem Interview für RIA Novosti Ukraine. Demnach sollten wir Stenin nicht mehr suchen und Vertreter der ukrainischen Ordnungskräfte nicht umsonst nerven, weil er nicht mehr am Leben wäre. Als man ihn bat, zu präzisieren, was er eigentlich meinte, versuchte er, seine Worte zurückzunehmen. Jedoch hatte man alles aufgenommen und er konnte daher nicht mehr leugnen, dass unser Kollege getötet worden war. Wie genau das passierte und warum Geraschtschenko das wusste, bleibt allerdings immer noch unbekannt.

    Einige Wochen später, als ich schon nach Moskau zurückgekehrt war, sah ich mir die von Andrej Stenin geknipsten Fotos an – vor allem jene, die den Ereignissen auf dem Platz der Unabhängigkeit (Maidan) in Kiew und dem Konflikt in der Ostukraine gewidmet waren. Eigentlich zeigt die Fotokamera einfach die Ereignisse: Menschen, einzelne Details usw. Aber in den Händen Stenins wurde die Kamera so gut wie lebendig und spiegelte das wider, was der Fotograf selbst  für wichtig hielt und empfand. Es ist eine große Gabe für einen Fotokorrespondenten, dem Publikum seine eigenen Gefühle zu verleihen. Und jetzt scheint mir sogar, dass er quasi ahnte, dass auf ihn etwas Schlimmes zukommen würde.

    April 2015

    Meine nächste Dienstreise nach Kiew war, wie immer, mit Treffen, neuen Bekanntschaften und Gesprächen über das Leben der ukrainischen Hauptstadt unter den immer stärkeren Nationalisten gespickt. Am 16. April 2015 erhielt ich einen Anruf von einem Kollegen, der mich mit seiner niederschmetternden Nachricht ins Mark traf: Unser Kollege, Schriftsteller und Publizist Oles Busyna war getötet worden.

    Ich kannte Busyna schon seit den Vorkriegszeiten. Er war ehrlich, offen und impulsiv. Diese Eigenschaften sind im Grunde für alle talentierten Menschen typisch. Und für seine Ehrlichkeit und Kompromisslosigkeit wurde er ziemlich oft von Radikalen angegriffen. Er konnte sich allerdings auch wehren. Doch dann wurde er einfach vor seinem Haus umgebracht.

    Zudem war er ein sehr begabter Schriftsteller – mit originellen Ansichten, mit einem originellem Stil und einer einzigartigen Sprache. Jetzt kann ich offen darüber erzählen: Es gab einen Moment, als Oles das Angebot erhielt, Chefredakteur der Seite RIA Novosti Ukraine zu werden. Zunächst stimmte er zu und begann sogar mit der Arbeit, doch nach einer gründlichen Überlegung lehnte er doch noch ab. Dafür hatte er diverse Gründe: Erstens hatte er große künstlerische Pläne, zweitens wollte er sich nicht in den ewigen Streit verwickeln lassen, wer Recht hat und wer schuld ist an den Ereignissen in seiner Heimat. Anstelle von Oles Busyna übernahm Kyrill Wyschinski die Stelle des Chefredakteurs. Und jetzt ist Busyna tot und Wyschinski sitzt im Gefängnis.

    Juli 2018

    Niemand ist auf diese eigenartige Koinzidenz aufmerksam geworden – oder vielleicht bin nur ich so ein „Verschwörungstheoretiker“. Merkwürdig ist jedoch, dass Oles Busyna am 13. Juli 49 Jahre alt geworden wäre und das zuständige Gericht genau an diesem Tag die Verlängerung der Haftzeit Kyrill Wyschinskis um weitere 60 Tage beschloss.

    Die Anklage gegen ihn ist natürlich absurd und lächerlich. Soweit ich von meinen ukrainischen Kollegen weiß, geht es um seine Beiträge von Anfang 2014, als Kyrill noch kein Chefredakteur von RIA Novosti Ukraine war. Aber selbst wenn er es gewesen wäre, was hätte das geändert? Warum wurde er angeklagt? Nur weil er eine Meinung hat, die sich von jener der Machthaber unterscheidet? Warum wurde er des Staatsverrats beschuldigt? Wie kann ein Reporter verurteilt werden, nur weil er seinen Job gut gemacht hat?

    Bei allem, was mit Kyrill Wyschinski passiert, geht es um nüchternes Kalkül und politische Technologien.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Lieber Bild-Redakteur: Meinungsfreiheit nur für Bild&Co, für den Rest Knast und Pest?

    Der ukrainische Präsident, Petro Poroschenko, will in einem Jahr wiedergewählt werden. Bereits im Sommer 2017 begann er mit der Vorbereitung auf den Wahlkampf. Schon damals wurde der Befehl zur Bespitzelung Wyschinskis erteilt. Gleichzeitig begannen Poroschenkos Vertraute im SBU auch die „Arbeit“ mit Nadeschda Sawtschenko. Genauer gesagt, die Vorbereitung einer Provokation, nach der die frühere Militärpilotin wegen der Organisation eines Attentats gegen mehrere Abgeordnete der Obersten Rada (Parlament) und des Staatschefs persönlich angeklagt wurde. Im August 2017 wurde auch der Journalist Wassili Murawizki aus der Stadt Schitomir wegen mehrerer Beiträge für russische Medien verhaftet. Und zum selben Zeitpunkt begann auch die Bespitzelung des Chefredakteurs der unabhängigen Online-Zeitung Strana.ua, Igor Guschwa.

    Dieses ganze Vorgehen verfolgte nur ein Ziel. Nämlich, gleich mehrere aufsehenerregende politische Ereignisse herbeizuführen, damit die Wähler den Eindruck bekommen, dass die Ukraine von Feinden, Spionen und „Agenten des Kremls“ umzingelt ist – sodass sich das ganze Land um den „Vater des Volkes“, Petro Poroschenko, vereinigen sollte. Und noch besser wäre es, den Kriegszustand zu erklären und die Präsidentschaftswahl abzusagen.

    Und in diesen „Fleischwolf“ ist eben mein Freund und Kollege Kyrill Wyschinski geraten. Warum ausgerechnet er? Weil er zu ehrlich war und offen erzählte, was in der Ukraine vor sich geht.

    Aber so ist nun einmal das Schicksal begabter Reporter in der heutigen Ukraine. Entweder werden sie getötet (wie Stenin und Busyna) oder eingesperrt, wie das bei Wyschinski gerade der Fall ist.

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    Tags:
    Spion, Journalisten, Konflikt, Bürgerkrieg, RIA Novosti Ukraina, Petro Poroschenko, Kirill Wyschinski, Andrej Stenin, Donezk, Russland, Ukraine
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