09:26 18 Oktober 2018
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    Gedenken der Opfer des Georgien-Krieges von August 2008 in Südossetien (Archiv)

    Chance zum Gnadenstoß versäumt: Des Westens größter Fehler im Fünf-Tage-Krieg

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    Irina Alksnis
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    Der Georgien-Krieg von August 2008 war eigentlich zu kurz und räumlich beschränkt, um ein Ereignis von weltbewegendem Maßstab zu werden. Doch die Folgen des Überfalls der georgischen Armee auf russische Friedenstruppen gehen weit über die Grenzen eines lokalen Konfliktes hinaus.

    Der Angriff Georgiens gegen Südossetien vor exakt zehn Jahren war der Punkt, an dem die russische Führung begriffen hat, für einen geopolitischen Rückzug keinen Raum mehr zu haben. Es ist Moskau gelungen, für seine Position konsequent einzustehen, bis hin zum radikalen Schritt der Anerkennung Abchasiens und Südossetiens als unabhängige Staaten.

    Andererseits machte der Angriff deutlich, dass mit den russischen Streitkräften etwas geschehen musste. Am 8. August 2008 wurde offensichtlich: Der Mut und die Entschlossenheit russischer Soldaten würden die gravierende Rückständigkeit der Armee bei Befehlsstrukturen und technischer Ausstattung nicht länger wettmachen können.

    Seit mehreren Jahren erntet Russland nun die Früchte dieser schmerzhaften Lektion. Es ist zum großen Teil auf die damaligen Einsichten und Beschlüsse zurückzuführen, dass es Russland gelungen ist, den Status einer geopolitischen Schlüsselmacht wiederzuerlangen.

    Aber es ist womöglich ein Spielzug des Schicksals, dass außer den Erfolgen auch die Fehler der damals Beteiligten mindestens einen ebenso großen Einfluss auf die weiteren Geschicke der Welt nahmen.

    Eine der verblüffenden Besonderheiten des „Fünf-Tage-Kriegs“ ist der Umstand, dass die Aufregung der Weltöffentlichkeit um das russische Vorgehen sich ebenso blitzschnell legte, wie der Krieg ausgebrochen war. Auf die erste Empörungsoffensive folgte unverzüglich der Rückzug. Schon wenige Wochen nach dem 8. August tat die Welt so, als sei nichts geschehen.

    Russland gelang es damals, der Völkergemeinschaft zu zeigen, dass es richtig gehandelt hatte. Selbst die internationale Untersuchungskommission für die Aufklärung der Konfliktursachen machte allein die georgische Seite für den Ausbruch des Krieges verantwortlich.

    Und doch legte der Westen die damaligen Ereignisse ganz anders aus, nämlich als geopolitischen Todeskampf einer todgeweihten Ex-Großmacht.

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    Man schaue sich nur den schlimmen Zustand der russischen Truppen an, hieß es. Die hätten nicht mehr lange zu leben, noch ein bisschen und die russische Armee zerfalle von selbst, und mit ihr zusammen werde auch das riesige Russland implodieren, so der Tenor.

    Diese Auslegung der Ereignisse erklärt auch die relativ milde Reaktion auf Russlands damaliges Vorgehen. Es erschien dem Westen sinnlos, Kraft dafür aufzubringen, einem ohnehin im Sterben liegenden Riesen den letzten Stoß zu versetzen.

    Fehler machte aber nicht nur der Westen. Dessen Reaktion auf den „Fünf-Tage-Krieg“ wurde in Russland durch die Brille der traditionellen Regeln der großen internationalen Politik gesehen: Eine weitere geopolitische Partie sei gespielt worden, die – überraschenderweise – Russland gewonnen habe. Die Ergebnisse seien in einem Dokument festgehalten worden, so wie es sich gehöre.

    Wie groß muss Moskaus Überraschung gewesen sein, als es nur wenige Jahre später erkennen musste, wie das wahre Verhältnis des Westens gegenüber Russland aussieht.

    Seit der Ukraine-Krise 2014 muss die russische Führung einsehen und akzeptieren, dass überhaupt keine Regeln mehr gelten. Dass jedes Versprechen am nächsten Tag schon gebrochen werden kann, dass die Unterschriften westlicher Mächte das Papier nicht wert sind, auf das sie gesetzt werden, dass Provokationen und Lügen zum Handwerkszeug im Politikbetrieb gehören.

    Es gibt sogar ein Dokument, das diesen Wandel punktgenau markiert. Russlands Präsident Wladimir Putin erinnert bis heute regelmäßig an die Vereinbarung, die zwischen der damaligen ukrainischen Führung und der Protestbewegung auf dem Maidan vermitteln sollte. Die Außenminister von EU-Staaten haben dieses Papier unterzeichnet – und schon am Tag darauf wurde es wertlos.

    Für den Kreml ist diese Vereinbarung zum Symbol geworden, zum Sinnbild einer westlichen Politik, die sich im Umgang mit Russland an überhaupt keine Regeln mehr gebunden fühlt.

    Es ist natürlich unangenehm und sogar schmerzhaft zu erkennen, dass die Wirklichkeit weitaus brutaler ist, als man es sich vorgestellt hat. Statt eines Boxkampfs findet man sich plötzlich in einer dreckigen Straßenschlacht wieder, wo ein ganzer Haufen auf einen Einzigen eindrischt.

    Aber es gibt doch noch einen Trost. Denn im Unterschied zu Russland hat der Westen damals, am 8. August 2008, einen fatalen Fehler begangen, als er falsch einschätzte, was der „Fünf-Tage-Krieg“ wirklich bedeutete.

    Man kann heute nur mutmaßen, wie die Weltgeschichte weiterverlaufen wäre, hätten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten damals erkannt, dass sich am 8.08.08 in Wirklichkeit das Revival einer Großmacht abzeichnete.

    Wie wäre es weitergegangen, hätte der Westen damals seine ganze Kraft darauf gerichtet, das damalige unvergleichlich schwächere Russland endgültig zu ruinieren? Für unser Land ist dies inzwischen eine rein rhetorische und nicht mehr relevante Frage. Sollen sich doch die Anderen ihrer Kurzsichtigkeit wegen in den Hintern treten…

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    Tags:
    Angriff, Reaktion, Anerkennung, Westen, Armee, Südossetien, Abchasien, Georgien, Russland