20:19 16 Oktober 2018
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    US-Rakete des Typs AIM-120 AMRAAM (Archivbild)

    Friendly fire statt Russen-Panzer: Warum Estland unter Nato-Beschuss geriet

    © Foto: U.S. Air Force
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    Irina Alksnis
    191323

    Der glimpflich ausgegangene Zwischenfall mit der Rakete des Typs AIM-120 AMRAAM, die von einem spanischen Kampfjet über Estland abgefeuert wurde, hat in Russland kaum für Aufsehen gesorgt. Doch in der baltischen Republik selbst und in ihren Nachbarstaaten ist es fast zu einer existenziellen gesellschaftspolitischen Krise gekommen.

    Die Gründe sind offensichtlich.

    Für die Nato-Strategen dient das Baltikum geopolitisch als künftiges Opfer der unvermeidlichen Aggression Russlands. Diese Rolle wird von den baltischen Staaten mit viel Elan gespielt.

    Wie sich das Baltikum gegen eine vermeintliche russische Invasion wappnet, nimmt derart skurrile Züge an, dass man in Russland bereits Witze darüber macht. Die Nato setzt auf Panikmache vor dem Angriff des russischen Bären, weshalb Lettland, Litauen und Estland dringend geschützt werden müssen.

    Die von spanischen Kampfpiloten abgefeuerte Rakete versetzte dieser ideenpolitischen Konstruktion einen zerstörerischen Doppelschlag.

    Für jene, die tatsächlich daran glauben, dass Russland eine Bedrohung darstellt, kam nun ein ziemlich unangenehmer Fakt zutage. „Die Russen gehen“ nach Estland und ins Baltikum bereits seit vielen Jahren – und sind immer noch nicht angekommen. Doch für das baltische Land sind plötzlich die Beschützer aus der Nato zu einer realen Gefahr geworden. Zum Glück kam bei diesem Zwischenfall niemand ums Leben. Doch er hätte mit einer schrecklichen Tragödie enden können, wenn die Rakete beispielsweise ein Passagierflugzeug getroffen hätte.

    Für den pragmatischen Teil der estnischen Gesellschaft ist das eine schmerzhafte Erkenntnis. Die Angst vor einer militärischen Aggression Russlands ist für einen bedeutenden Teil der regierenden Elite und die estnische Gesellschaft ein gewöhnliches Mantra. Es ist ein gewinnbringendes politisches Spiel, das von den Spitzenpolitikern gespielt und vom Volk angenommen wird.

    Die in Estland versehentlich abgefeuerte Rakete zeigte dem Land die unangenehme Wahrheit der Spiele in der großen Politik. Die baltischen Staaten wollten in die Nato und befinden sich nun direkt an der Front – mit allen entsprechenden Nachteilen.

    Die baltischen Länder haben die eigene geopolitische Rolle nicht mit dem einfachen Leben gleichgesetzt. In ihrer Vorstellung existieren zwei Parallelwelten. Einerseits sind sie im Alltag ruhige, friedliche und sogar langweilige Republiken. Andererseits werden sie als Spielball in der großen Politik, als Opfer einer vermeintlichen russischen Invasion dargestellt, vor der die ach so tolle Nato sie schützen muss.

    So war es – bis in der ruhigen Republik eine Kampfrakete der Luft-Luft-Klasse einschlug.

    Die Situation verschlimmert sich dadurch, dass die Position der estnischen Gesellschaft, die versucht zu klären, wie das alles geschah, nicht klar ist.

    Die offizielle Position Estlands ist gekennzeichnet durch vorsichtige Formulierungen und Ausdrücke der Unzufriedenheit wegen des Geschehenen. So nannte der estnische Premier den Vorfall „sehr bedauerlich“. Die Gründe sind klar – die Republik ist nicht in der Lage, ihre Forderungen gegenüber der Nato unmissverständlich zu formulieren.

    In den Kommentaren der Offiziellen aus der zweiten Reihe ist dagegen Nervosität und sogar Angst zu spüren. So fragt General a.D. Ants Laaneots direkt, wie es überhaupt „versehentlich“ dazu kommen konnte, weil der Pilot zum Abfeuern der Rakete nicht einen Knopf, sondern eine Kombination drücken muss. Andere Beobachter stellen die Frage, auf welches Ziel die Rakete überhaupt gerichtet war. Denn für ihren Start ist die Erfassung eines Ziels erforderlich. Auch das Thema der Reaktion Russlands darf nicht ignoriert werden, wäre die Nato-Rakete auf russisches Territorium geflogen.

    Für Alarmstimmung bei den Esten sorgt auch die Tatsache, dass eine starke Explosion (die so mächtig war, dass einige sogar meinten, dass ein Krieg ausgebrochen ist) gehört wurde, doch die soll sich einige Stunden vor dem Vorfall ereignet haben.

    Es gibt weitere Details, die mit der offiziellen Version kaum übereinstimmen und in der estnischen Gesellschaft für Verschwörungstheorien sorgen. Einige vermuteten, dass der Westen Estland zu einer Provokation gegen Russland (im Vorfeld des zehnten Jahrestages des Fünf-Tage-Krieges in Georgien) nutzen wollte, doch etwas sei schiefgegangen.

    Diese plötzliche Paranoia in der Gesellschaft ist sehr anschaulich, selbst wenn sie unbegründet ist und alle Unstimmigkeiten während der Untersuchungen geklärt werden.

    Jene, die zwar keine besonderen Sympathien für Russland hegen, aber die Realität adäquat wahrnehmen, sollten erkennen, dass der Westen bei seiner Konfrontation mit Moskau in den vergangenen Jahren auf schmutzige Methoden zurückgreift. Natürlich ist es eine Sache, beim peinlichen Vorgehen Großbritanniens im Skripal-Fall ein Auge zuzudrücken. Doch andere Sache ist es, sich auszudenken, dass in einem kleinen Land wie Estland sich eine Flugzeugkatastrophe wie im Donezbecken wiederholen könnte. Zumal vernünftige Menschen seit einigen Jahren keine Zweifel daran haben, dass die wichtigsten westlichen Player bereit sind, die ruhige baltische Republik an der Grenze zu Russland zu opfern, wenn dies als zweckmäßig betrachtet wird.

    Ironie des Schicksals: Der Westen hat mit seinem Verhalten dafür gesorgt, dass viele Menschen in den westlichen Ländern nun nicht mehr ausschließen können, dass er im Kampf gegen Russland schrecklichste und absolut amoralische Maßnahmen ergreifen kann. Dass die estnische Gesellschaft in großen Teilen nun Zweifel an der offiziellen Version hat, zeigt, wie weit alles gekommen ist.

    Im Ergebnis könnten baltische Offizielle versuchen, auch böswillige Pläne Russlands hinter diesem Zwischenfall zu sehen, wie beispielsweise der Präsident Lettlands, der erklärte, dass Moskau den Vorfall zu eigenen Zwecken nutzen könnte.

    Doch sie können das Hauptproblem nicht loswerden.

    Die drei baltischen Länder stießen zum ersten Mal – obgleich eher unerwartet – auf die spürbare Angst vor einer  militärischen Bedrohung. Jetzt müssen sie sich an die neue Realität gewöhnen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Kampfjet, Militarismus, Unfall, Rakete, AIM-120 AMRAAM, Eurofighter Typhoon, NATO, Baltikum, Portugal, Spanien, Osteuropa, Lettland, Litauen, Estland, USA, Russland