20:42 10 Dezember 2018
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    Mediale Inquisition: Droht Russland Verbannung aus sozialen Netzwerken?

    © AFP 2018 / Lionel Bonaventure
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    Viktor Marachowski
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    Zunächst zu den Nachrichten. Gestern war Twitter die einzige populäre Plattform, von der der US-Blogger und Radiomoderator Alex Jones nicht verbannt wurde. Ein Unternehmen nach dem anderen schlossen sich dem Marathon unter dem Motto „Jones sperren“ an, der Ende Juli mit dem Löschen der Videos seiner TV-Sendung Infowars auf YouTube begann.

    Facebook, Stitcher Radio, Spotify und Apple warfen Jones von ihren Plattformen.

    Bislang zeigt sich nur Twitter standfest  – wofür der Kurznachrichtendienst von der Presse scharf kritisiert wird.

    … was ist in diesem Kontext wichtig zu sagen.

    Der 44-jährige Jones mutet eher skurril an. Er ist fast schon eine Karikatur eines amerikanischen „Rechtsextremen“. Neben der Enthüllung von Aktionen der Demokraten, Medienimperien und Konzerne spricht er immer wieder gerne von Verschwörungstheorien zur Mondlandung und von schädlichen Impfstoffen, mit denen Amerikaner verätzt werden. Er hat sich auf Verschwörungstheorien spezialisiert, darunter extreme Versionen (nach der Schießerei in der Sandy-Hook-Grundschule 2012 vermutete er, dass diese Tragödie zum Teil inszeniert war).

    Also trotz des Hasses gegenüber dem offiziellen Diskurs der USA kann Jones nicht zur Quelle echter Wahrheit erklärt werden. Er ist eher eine Figur des medialen Theaters, in dem bis vor kurzem nebeneinander schwarze LGBT-Radikale und weiße rechte Verschwörungsenthüller existierten.

    Doch dabei bewegte sich Jones juristisch gesehen all die Jahre innerhalb des Rechtsfeldes über die Meinungsfreiheit. Gegen ihn wurden natürlich Klagen erhoben, doch dass diese von Erfolg gekrönt waren, war eher selten zu hören. Diese Figur repräsentierte de facto nur eine Weltanschauung – obgleich im Genre des Noir-Paranoia-Thrillers.  Dabei war seine Weltanschauung vielen sehr nahe (er hat viele Millionen Zuschauer und Hörer, seine Videos wurden vor der Sperrung insgesamt mehr als eine Milliarde Mal geschaut).

    Darüber hinaus war Jones eine Zielscheibe für die Witze seiner Opponenten – US-Komiker parodieren ihn gerne in Satire-Shows. Er spielte also die Rolle eines so genannten „nützlichen Außenseiters“.

    Doch plötzlich schienen die Nerven der Opponenten blank zu liegen. Jones sollte aus der Realität entfernt werden.

    Er wurde aber nicht von der Regierung, vom Gericht bzw. von Sicherheitsdiensten im Interesse der nationalen Sicherheit verboten, sondern von einer Gruppe von privaten Internetplattformen, die vor zehn, 15 Jahren als Instrument zur endgültigen „Befreiung der Meinungsfreiheit“ galten.

    Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde die Entstehung der Sozialen Netzwerke als ein Ende der Diktatur der „Reichen und Mächtigen“ im medialen Raum bezeichnet. Doch um welches Monopol auf die Wahrheit kann es gehen, wenn jeder Staatsbürger eine Kamera vor sich stellen und über die Ereignisse in der Welt aus seinem eigenen Blickwinkel reden kann?

    Es stellte sich heraus, dass dies geht. Es stellte sich heraus, dass die „Ritter der freien Meinungsäußerung“ all die Jahre ihre „unabhängigen Medien“ ohne jegliche Rechte entwickelten. Wenn die Internetkonzerne, die ihnen einst die Bühne boten, einen dreist gewordenen Star auf einmal beseitigen wollen – dann ist das nur eine Frage von einigen Mausklicks.

    Dabei müssen sich die privaten Firmen nicht um die Gesetzgebung kümmern. Es reicht einfach aus, zu sagen, dass der unliebsam gewordene Star „eine Sprache des Hasses spricht“ und „Fakes verbreitet“.

    Angesichts der Tatsache, dass das Big Business in den USA das Fundament des Staates bildet, haben wir es in diesem Fall mit der reinen Verfolgung eines Dissidenten zu tun. Nur in totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts wurden Dissidenten nicht mehr in Zeitungen gedruckt, ihre Porträts in den Bibliotheken und in Büchern wurden entfernt. Im heutigen World Wide Web werden sie mit einem schnellen Tastendruck einfach kaltgestellt.

    „Dieser Paranoiker redet solchen Blödsinn über eine angebliche Verschwörung der Korporationen gegen die Meinungsfreiheit, dass wir, die Korporationen, beschlossen haben, ihm für immer den Mund zu stopfen“, hieß es. Das offenbart eine traurige Sache, und nicht nur in den USA. Die Ideologen der demokratischen Werte meinen nicht mehr, dass sie gegen ihre Gegner im fairen Wettbewerb gewinnen können. Sie rechnen nun mehr damit, dass auf ihrer Seite Milliardäre, Robert De Niro und Rapstars sein werden. Und sie greifen zur direkten Annihilation der Konkurrenten.

    So etwas ist nur in einer Situation möglich – die Repräsentanten der demokratischen Werte fühlen sich ideologisch geschwächt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich der Fall Jones in praktizierte Routine verwandelt.

    Darüber hinaus ist es so, dass die Artikel, Videos, wie wir uns ansehen, herunterladen, liken, im großen Umfang auf YouTube, Facebook und iTunes zu finden sind.

    In unserer Internetwelt bedeutet das eine große Verwundbarkeit. Wenn sich die Situation in diese Richtung weiter entwickeln wird (und so wird es wohl auch sein), wird jeder von uns zum Opfer der Zensur der amerikanischen Unternehmen.

    Jene, die vor der Kamera etwas zu sagen haben, werden sich daran erinnern, dass ihre Sprache jederzeit zur Sprache des Hasses erklärt werden kann. All die Mühen ihrer Arbeit und Dutzende/Hunderte Tausend/Millionen Followers können ohne Wimpernzucken zunichte gemacht werden. Jene, die Computer bzw. Smartphones nutzen, werden ein gefiltertes Bild gemäß den ideologischen Vorstellungen von Managern aus Dublin bzw. San Francisco bekommen.

    Dabei hat Russland wohl geringere Chancen als andere, denn Russland sei eine Quelle von toxischer Propaganda, die versucht, die US-Demokratie unbemerkt ins Wanken zu bringen. Diese Meinung wird offenbar von renommierten Entscheidern in San Francisco geteilt und muss deshalb nicht extra nachgewiesen werden.

    Die Schlussfolgerung ist sehr banal. In der begonnenen Epoche der „zerbrochenen Globalisierung“ ist es kurzsichtig, die Fernsteuerung für die Realität den strategischen Konkurrenten auszuhändigen.

    Das heißt, dass jedes Land, das selbstständig sein will, seine eigene „chinesische Variante“ umsetzen sollte. Nicht nur mit eigenen Analoga der Netzwerke, sondern auch mit einer eigenen Firewall. Denn die Zeit von Fairplay und freiem Wettbewerb der Meinungen ist vorbei.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Homosexuelle, Fake-Berichte, soziale Netze, Verschwörungstheorie, Medienattacke, Zensur, Medien, Rechtsextremismus, Twitter, YouTube, LGBT, Alex Jones, Westen, USA, Russland