02:44 17 Juni 2019
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    US-Präsident Donald Trump (l.) und Präsident der Türkei Recep Tayyip Erdogan (Archiv)

    Aus Duell Trump-Erdogan wird Putin als Gewinner hervorgehen – westliche Medien

    © AFP 2019 / Brendan Smialowski
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    Beim Abtausch der Sanktionen zwischen Ankara und Washington lauert Moskau im Hintergrund als eine Art Gespenst. Das „Wall Street Journal“ titelt dazu: „Türkei verschiebt sich wegen US-Sanktionen, die die Beziehungen belasten, Richtung Russland.“

    Die Zeitung stützt sich dabei auf eine Äußerung des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu, der vom plumpen Druck seitens der Amerikaner sprach. Der in Ankara weilende russische Außenminister Sergej Lawrow pflichtete seinem türkischen Kollegen bei. „Sie nutzen Methoden von Sanktionen, Drohungen, Erpressung und Diktat.“ In diesem Kontext ist auch der Kommentar des israelischen Militärexperten Amir Oren interessant: „Aus dem Geschacher zwischen Trump und Erdogan geht Putin als Sieger hervor.“

    Lira-Banknoten (Archiv)
    © REUTERS / Murad Sezer/File Photo
    Die Türkei und Russland sind in diesen Tagen auf eine weitere Facette des politischen Sanktionsdrucks gestoßen. Bei den letzten russisch-türkischen Gesprächen wurde die Frage aufgeworfen, ob beide Länder den gegenseitigen Handel in den Nationalwährungen abwickeln könnten. Vor kurzem wurde Russland in den amerikanischen Medien zur „lokalen Macht“ erklärt. Russland wird mittlerweile als ebenbürtiger Konkurrent im Machtkampf in Eurasien betrachtet. Gerade in diesem Kontext wird die Möglichkeit einer russisch-türkischen Annäherung erörtert.

    Die US-Administration forderte von den türkischen Behörden die Freilassung des US-Pastors Andrew Brunson, dem anti-staatliche Aktivitäten vorgeworfen werden. Laut den Amerikanern wird der Pastor in der Türkei festgehalten, um ihn gegen den Prediger Fethullah Gülen auszutauschen, den die Behörden in Ankara als Drahtzieher des gescheiterten Putschversuchs sehen. Der muslimische Prediger lebt in den USA. Die Amerikaner verweigern seine Auslieferung an die Türkei.

    >>Andere Sputnik-Artikel: „Amerikas neuer Hammer“? Deutsches Blatt über Kontraproduktivität von US-Sanktionen

    Nachdem die Türkei die Freilassung des Pastors abgelehnt hatte, verhängten die Amerikaner Sanktionen gegen den Justiz- sowie Innenminister der Türkei. US-Präsident Donald Trump ging sogar noch einen Schritt weiter und erhöhte die Einfuhrzölle auf türkischen Stahl und Aluminium um 100 Prozent. Die Konsequenzen waren verheerend. Innerhalb kürzester Zeit verlor die türkische Währung Lira satte 25 Prozent an Wert.

    Allerdings sollte angemerkt werden, dass die Finanzprobleme der Türkei bereits vor den Sanktionen begannen. Schon seit Jahresbeginn verzeichnet die türkische Lira einen dramatischen Kursverfall  und verlor 45 Prozent ihres Werts; der Wert der türkischen Wertpapiere fiel um 50 Prozent. Sollte es der türkischen Regierung gelingen, die Wirtschaftslage zu stabilisieren, könnte man aus der entstandenen Situation politischen Gewinn ziehen. Die wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten könnten auf die verhängten Sanktionen zurückgeführt werden. Der Zuspruch im eigenen Land wäre damit gesichert.

    Allerdings gibt es auch Gegenbeispiele wie Venezuelas Präsident Nicolas Maduro, der daran scheiterte, die mittlerweile auf Rekordhöhe stehende Hyper-Inflation im Land zu stoppen, obwohl er seinen Bürger weismachen wollte, dass äußere Kräfte dafür verantwortlich seien.

    Die Lage in der Türkei ist dagegen viel stabiler. Allerdings könnten die Sanktionen die türkische Wirtschaft in der Zukunft massiv treffen. 30 Prozent des türkischen BIP sind Schulden in ausländischer Währung. Bei der aktuellen Tendenz wird die Türkei Schwierigkeiten bei den Zahlungen haben. Die Abhängigkeit der türkischen Wirtschaft von Investitionen und internationalen Märkten hindern Ankara daran, einen langen Sanktionskrieg gegen die USA durchhalten zu können.

    Russland zeigte, nachdem die Sanktionen eingeführt wurden, trotz aller düsteren Prognosen Standfestigkeit. Jetzt wird spekuliert, dass die Türkei und Russland gemeinsam gegen den US-Druck vorgehen könnten. Ein solches Szenario ist derzeit ziemlich naheliegend, berichtet das „Wall Street Journal“. Zwischen beiden Ländern gibt es gut entwickelte Handelsbeziehungen und große Projekte im Energie- und Gasbereich. Geplant ist die Lieferung von russischen S-400-Abwehrraketen an die Türkei. Die Erweiterung des Zusammenwirkens in allen diesen Bereichen wäre durchaus möglich.

    Doch inwieweit wäre es möglich, die USA vom türkischen Markt zu verdrängen und durch die Kooperation mit Russland zu ersetzen?

    Um die Schwierigkeit dieser Situation zu verstehen, sollte man sich das Beispiel Iran anschauen. Bekannt ist, dass Russland viel zur Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran unternommen hatte. Doch unmittelbar nach dem internationalen Iran-Abkommen vor drei Jahren  war die Enttäuschung bei russischen Unternehmen groß. Teheran setzte auf viele westliche Großkonzerne, wobei Russland fast leer ausging. Vielleicht wird das jetzt bedauert, denn viele Partner haben bereits angekündigt, wegen der US-Sanktionen den Rückzug anzutreten.

    Das schließt mögliche Kontakte zwischen Moskau und Ankara nicht aus. Gerade durch konkrete Schritte zur Annäherung und Kooperation werden die Absichten der türkischen Regierung deutlicher.

    >>Andere Sputnik-Artikel: „Schlag in den Rücken“: Erdogan zu US-Sanktionen

    Man sollte sich an die Krise zwischen der Türkei und Deutschland vor 1,5 Jahren erinnern. Erdogan warf Merkel damals „Nazi-Methoden“ gegenüber den Türken vor. Erdogan sagte dies  wegen der Hindernisse, die von den deutschen Behörden bei der Durchführung des Referendums über die Präsidialrepublik geschaffen wurden. Bemerkenswert ist, dass sich die Beziehungen zwischen Ankara und der EU, besonders Deutschland, erst nach der Festnahme des wegen Beihilfe zum Terrorismus verdächtigten „Welt“-Korrespondenten Deniz Yücel verschlechterten. Damals waren ebenfalls Vorwürfe wegen der Teilnahme an dem Putschversuch zu hören. Wie auch jetzt. Doch alles endete mit einem Wirtschaftsdeal.

    Präsident Erdogan ist eindeutig ein Meister in Drahtseilakten. So setzte er auf die Flüchtlings-Karte, um Geld von der EU zu bekommen. Doch diese Methoden erwiesen sich als ineffizient bei der Krise mit Russland, die damit endete, dass Erdogan sich entschuldigen musste.

    Allerdings kann man nicht ausschließen, dass die Türkei nach einigen Wochen Schlagabtausch einen gewinnbringenden Deal mit den USA eintütet. Es besteht die Besorgnis, dass einige Personen in Ankara Russland bei der jetzigen Konfrontation mit Trump als Druckmittel instrumentalisieren. Doch selbst wenn dem so sein sollte, könnte das Russland in die Karten spielen.

    Man sollte sich die Fragen stellen: In welchen Bereichen können Moskau und Ankara heute als Verbündete agieren? In welchen Bereichen stimmen ihre politischen Interessen überein?

    Russland und die Türkei sind schließlich daran interessiert, dass sich die Verhältnisse in der internationalen Politik verschieben. Die Worte des russischen Außenministers spiegeln die allgemeine Position zur Politik Washingtons wider.

    Vielleicht würden sich die Interessen der Seiten als wichtiger als die ungelösten Widersprüche erweisen. Vielleicht werden die US-Sanktionen eine historische Annäherung zwischen Russland und der Türkei voranbringen.

    Allerdings muss berücksichtigt werden, dass die Realität komplizierter ist, als auf den ersten Blick erscheinen mag.

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    US-Strafzölle, Drohungen, Absturz, Lira, Sanktionen, Die Welt, Angela Merkel, Nicolas Maduro, Wladimir Putin, Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan, Russland, Türkei, USA