00:53 23 September 2018
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    Emmanuel Macron und der französische Generalstabschef Francois Lecointre im Militärfahrzeug bei der Parade zum Tag der Bastille am 14. Juli 2018

    Macron lässt Panzer rollen – und setzt Dämonen frei

    © AFP 2018 / Zakaria Abdelkafi
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    Willy Wimmer
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    Im November 2018 lässt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron es in Paris so richtig krachen.

    Die Absichten kommen vor der Zeit an das berühmte Tageslicht. In den deutschen Einpeitsch-Medien stehen die Hinweise dann, wenn man sich am amerikanischen Präsidenten Donald Trump wieder einmal abarbeitet. Anlass ist diesmal der Verzicht des amerikanischen Präsidenten auf die von ihm gewünschte Militärparade in Washington. Die Kosten seien zu hoch und was ihm sonst noch nicht passte.

    Für die deutschen Medien und nicht nur für die ist der amerikanische Präsident ein Geschenk des Himmels. Alles das, was man seit Jahrzehnten amerikanischen Präsidenten ins Stammbuch schreiben wollte, sich aber nicht so recht getraut hatte, kann man bei ihm anbringen. Eigentlich ist das ein blankes Wunder, denn Präsident Trump hat bislang nicht der Neigung amerikanischer Präsidenten der Namen Bill Clinton, George W. Bush oder Barack Obama entsprochen und hat kurz nach Amtsantritt seinen „Präsidenten-Krieg“ vom Zaun gebrochen.

    Nein, Präsident Trump randaliert zwar gehörig auf dem Globus herum. Aber eigentlich geht die größte Gefahr in den Augen vieler, auch in Westeuropa, davon bei ihm aus, dass er sich verständigen könnte. Mit dem russischen Präsidenten Putin zum Beispiel. Dann würden ganze Lebenslügen in sich zusammenbrechen, wie die in den baltischen Staaten so gerne ausgesprochene und relativ durchsichtige Lebenslüge von der „russischen Gefahr“. Dieses Mantra ist zu offensichtlich daran geknüpft, sich mit den Problemen, die der Zerfall der Sowjetunion bedingt hatte, menschenfreundlich auseinander zu setzen. Die Menschen, um die es geht, sind nicht unter Bruch bestehender Gesetze über Grenzen eingesickert. Sie lebten dort, als ihr Land verschwand.

    Aber Präsident Trump kann es niemandem recht machen. Das ist deshalb so verwunderlich, weil bei den Kriegstreiber-Präsidenten der Vergangenheit in den USA der deutschen Presse keine sprichwörtliche „Körperöffnung“ zu schmal war, als dass sie es nicht versucht haben würde, sich dennoch hineinzuzwängen, um es sich bei amerikanischem Kanonendonner so richtig kommod zu machen. Das bekommt niemand auf die Reihe und das soll es wohl auch nicht. Aber dem amerikanischen Präsidenten kann man einen Rat geben, wenn er sich eine Militärparade ansehen will, die diesen Namen auch verdient.

    Eigentlich sind die Wochen um den 1. September eines jeden Jahres wenig geeignet, auf militärische Großereignisse — und das sind Paraden nun einmal — aufmerksam zu machen. Das könnte im friedensbetonten Westeuropa als „Verherrlichung bestimmter Dinge“ im Umfeld des Gedenkens an den Beginn des Zweiten Weltkrieges gedeutet werden.

    Jetzt ist das offensichtlich anders, denn man scheut sich nicht, die Meldungen über die versagte Militärparade in Washington mit dem Hinweis auf ein Pariser Großereignis im November dieses Jahres zu verbinden. Man wird ohnehin in NATO-Landen schief angesehen, wenn man es nicht so mit den aus Gewohnheit vom Zaun gebrochenen westlichen Kriegen hat. Aber Paris hat es im November 2018 in sich. Mit allergrößtem Aufwand wird eine Militärparade auf der Pariser Prachtstraße Champs Elysees stattfinden, um an das Ende des Ersten Weltkrieges zu erinnern.

    Dabei war der französische Präsident Emmanuel Macron schon im letzten Jahr unangenehm aufgefallen, als er den Besuch seines amerikanischen Präsidenten-Kollegen Donald Trump ausdrücklich in den Zusammenhang mit dem damaligen Krieg gegen Österreich-Ungarn und das kaiserliche Deutsche Reich setze. Mit großem Pomp wurde das Grabmal dessen aufgesucht, der lange Jahre vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges in enger Abstimmung mit englischen Schattenmännern alles unternommen hatte, den Ausbruch eines weiteren europäischen Krieges zu orchestrieren: Marschall Foch.

    Jetzt soll nicht nur ein amerikanischer Präsident den Hauch der Geschichte an seinen Schultern spüren. Die ganze Welt soll es mitbekommen, dass die Mittelmächte Deutschland und das damalige Österreich-Ungarn im Staube lagen. Mit Versailles ist es ihnen dabei noch gelungen, gleich die Ursache für den Zweiten Weltkrieg mitzuliefern.

    Man muss sich heute fragen, was den Verantwortlichen in Paris durch den Kopf gegangen ist? Vielleicht die klare Bekundung dessen, dass man in dem Bemühen erfolgreich gewesen ist, zwei Nachbarländern Krieg aufzuzwingen?

    Man muss nur kurz die Augen schließen und sich fragen, ob Charles de Gaulle oder Francois Mitterrand derartiges eingefallen sein könnte?

    War es doch gerade Charles de Gaulle, der als Sieger im Zweiten Weltkrieges die Macht der Bilder auf dem militärischen Feld sehr wohl verstand. Gerade deshalb nahmen er und der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer im Juli 1962, unweit der alten Krönungsstadt Reims auf dem Truppenübungsplatz Mourmelon eine große französisch-deutsche Feldparade ab. Das war die Geste dem Gegner von gestern gegenüber und es war eine gewaltige Geste.

    Francois Mitterand hatte es nicht mit der deutschen Wiedervereinigung und suchte im Spätherbst 1989 das marode DDR-System zu stabilisieren, als niemand mehr einen Pfifferling darauf setzte. Aber es waren bis zu seinem Tode seine Worte, die an die Verantwortung beider Staaten, Frankreich und Deutschland, für die Zukunft des gesamten Kontinentes gemahnten. Will Präsident Macron dem mit quietschenden Panzerketten aus Anlass dieses historischen Ereignisses gerecht werden? Christopher Clark hat es aus Anlass des Gedenkens an den Beginn dieses Krieges deutlich gemacht, wie wenig den Mittelmächten die Verantwortung für den Ersten Weltkrieg zugeschoben werden kann, ohne allerdings ein Wort über die Verantwortung der angelsächsischen Strippenzieher zu verlieren. Noch 1916 wurde der russische Priester Rasputin von einem Geheimagenten seiner Majestät erschossen, weil er sich für einen Frieden mit den Mittelmächten einsetzte. Russland musste im Interesse von England und Frankreich unbedingt im Krieg gegen Österreich-Ungarn und Deutschland gehalten werden. Wie in diesen Tagen die russische Regierung deutlich machte, war auch die spätere Invasion Russlands über Wladiwostok und unter Führung der Vereinigten Staaten in diesem Zusammenhang zu sehen.

    Wladimir Putin mit Besuch in Paris (Archivbild)
    © AFP 2018 / Pool/Christophe Ena

    Wir alle haben die Pflicht, uns der Geschichte zu stellen. Die britische BBC hat das vor Jahr und Tag fast mustergültig unter Beweis gestellt, auf welchem Weg das möglich ist. Zwei Wissenschaftler übernahmen die Darstellung des kaiserlichen Deutschland und zwei die des Commonwealth. Das Ergebnis war überdeutlich. Die friedensbezogene Macht in Europa war, im Gegensatz auch zu Großbritannien und Frankreich, das kaiserliche Deutschland. Ökonomisch und sozial war es ohnehin führend auf dem Globus.

    Diejenigen, die in der Sendung über mehrere Stunden dagegen hielten, konnten — außer flachen Argumenten im Stile des heutigen NATO-Generalsekretariats — nichts dagegen setzen. Darauf zu hoffen, dass in den deutschen öffentlich-rechtlichen Medien eine vergleichbare Sendung möglich sein könnte, heißt allerdings, jede Hoffnung aufzugeben. Vielleicht liegt es auch daran, dass es in England faire Historiker gibt. Im Plenum des Deutschen Bundestages wird dazu „Deutschlands weiter Weg nach Westen“ abgefeiert. Es hat sich wohl eher um eine „Verschleppung“ eines prosperierenden und vergleichsweise demokratischen Gemeinwesens gehandelt. Dafür rollen in Paris im November 2018 die Panzer. Macron setzt Dämonen frei.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

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