16:49 20 November 2018
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    der ehemalige Konsul der Ukraine in Hamburg, Wassyl Maruschtschinez

    Ukraine: Nazi-Diplomat aus Hamburg kandidiert als Präsident

    © Foto: Facebook/Generalkonsulat der Ukraine in Hamburg
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    Njura N. Berg
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    Die Liste der ukrainischen Präsidentschaftskandidaten ist wohl länger geworden. Der neue Bewerber heißt Wassyl Maruschtschinez.

    Sein Name ist bei vielen wohl schon in Vergessenheit geraten, doch vor einigen Monaten hatte sich ein Skandal um ihn entsponnen.

    Wassyl Maruschtschinez ist der ehemalige Konsul der Ukraine in Hamburg. Er erlangte unrühmliche Bekanntheit, nachdem er seine Nazi-Ideen aus der norddeutschen Großstadt in die Welt hinaus getragen und damit für viel diplomatischen Ärger gesorgt hatte. Seine Äußerungen zur Herrschaft der weißen Rasse, antisemitische Aufrufe, hitzige russlandfeindliche Erklärungen – das alles war auf seiner Facebook-Seite zu finden. Beispielsweise waren dort Postings wie diese vertreten: „Tod den Antifaschisten“. „Juden erklärten bereits im März 1934 Deutschland den Krieg“, „Faschist zu sein ist eine Ehre“ und andere. Hakenkreuze, Fackeln, Sieg-Heil-Grüße, ein Foto von einer Torte mit einem Motiv des Buches „Mein Kampf“, die er von Kollegen zu seinem Geburtstag  geschenkt bekam. Auch sein Büro im ukrainischen Außenministerium war dekoriert mit faschistischen Devotionalien: Porträts von Bandera, Schuchewitsch und Plakate über die Grandezza der Ukrainischen Aufständischen Armee.

    Eine Sensation wurden die Offenbarungen von Maruschtschinez allerdings nur für das breite Publikum. Seine Kollegen vom Außenministerium kannten die Aktivitäten ihres Kollegen, viele versahen seine Fremdenhass-Einträge mit Likes, während sie Botschafter, Konsule und andere Vertreter der angeblich europäischen Ukraine in der Welt waren.

    Später stellte sich heraus, dass der Konsul in Hamburg seit vielen Jahren aktiver Anhänger der Freiheitspartei von Oleg Tjagnibok, Teilnehmer der Nazi-Märsche war, bei denen von den Rednerpulten dazu aufgerufen wurde, „Juden und Moskals“ an Baumästen aufzuhängen und ersteren in dem Blut der zweiteren zu ertränken.

    Erstaunte ukrainische Bürger stellten die naive Frage. Was ist da nur los? Warum sind in unserem Außenministerium, das an vorderster Stellte der EU-Integration steht, solche Fremdenhasser zu finden?

    Andere fragen nach den Motiven der deutschen Seite, die in all den Jahren der Tätigkeit des ukrainischen Konsuls, der seine Ansichten in Deutschland nicht verheimlichte, nicht die geringste Besorgnis zeigte. Eigentlich kaum vorstellbar, denn normalerweise drohen selbst für einen kleinen Teil der geäußerten Nazi-Parolen des Konsuls in Deutschland bereits mehrere Jahre Haft.

    Allerdings dauerte der ganze Wirbel nicht lange. Außenminister Pawlo Klimkin sprach beschwichtigende Worte und wurde dafür von den westlichen Kollegen gelobt. Er versprach, die Situation zu klären, die Verantwortlichen zu bestrafen und zu entlassen. Kurze Zeit später wurde Maruschtschinez tatsächlich entlassen, zumal er schon im Rentenalter war. Facebook sperrte seinen Account.

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    Die Aufrufe des Konsuls verletzten eindeutig die ukrainischen Gesetze, entfachten einen Zwist zwischen Nationen, doch die Staatsanwaltschaft zeigte traditionell kein Interesse daran.

    Der in den diplomatischen Ruhestand versetzte Maruschinez langweilte sich anscheinend. Da schienen die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen für ihn gerade recht zu kommen. Wie Maruschtschinez auf seiner neuen Facebook-Seite andeutete, würde sein Wahlprogramm ein wahrer Durchbruch beim Schutz der ukrainischen Nation vor dem Fremden sein.

    So lange sich der Konsul um das Sammeln von Wahlkampfgeldern und die Präzisierung der Hauptpunkte seines Programms kümmert, könnte man einige Fragen stellen.

    Wie konnte das Außenministerium, das sich europäisch präsentiert, eine solche exotische Figur großziehen und sie nicht verstecken, sondern mitten in die EU schicken?

    Das ukrainische Außenamt kennzeichnete sich stets dadurch, dass die Diplomaten auf der einen Seite leidenschaftliche Verfechter des Westens und auf der anderen Seite prinzipielle Nationalisten und Chauvinisten sind. Wie kann so viel Pluralismus in einem Kopf Platz finden? Das sollten lieber Psychiater erklären, doch diese Tatsache ist offensichtlich. Zwar wurden europäische Werte, Demokratie und Toleranz proklamiert, doch es stellte sich heraus, dass es da auch Platz für Russlandhass, Antisemitismus etc. gibt. Nahezu mit Beginn der ukrainischen Geschichte war das Außenministerium der Headliner des ukrainischen Nationalismus. Deswegen wurde Verehrung von Bandera und Co. im Außenamt nicht verurteilt, sondern begrüßt.

    Laut der ehemaligen ukrainischen Diplomatin Olga Sucharewskaja versuchte gar kein Minister, dem ideologischen Mainstream Widerstand zu leisten. „Wassyl ist ein typisches Erzeugnis des Außenministeriums. Er wurde nicht offen gefördert, jedoch auch nicht an seinen Ansichten gehindert. Er machte dort Karriere, entwickelte seinen Nazismus, besuchte die Märsche der Ukrainischen Aufständischen Armee und Parteitage der Freiheitspartei. Dort gibt es viele dieser Art“, so Sucharewskaja.

    Leider ist Maruschinez bei weitem nicht der einzige Diplomat, der aktiv Nazi-Ideen in Umlauf bringt. Dazu gehören auch viele Professoren, außerordentliche und bevollmächtigte Botschafter, Konsule und Attachées, die weiterhin in Europa als Diplomaten tätig sind. So arbeitet die Anhängerin der Ideen des ehemaligen Konsuls, Inna Ogniwez, weiterhin als außerordentliche und bevollmächtigte Botschafterin in Portugal, obwohl sie die Postings von Maruschtschinez mehrmals „geliked“ hat.

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    Nun zu Europa. Warum haben sich die Deutschen nicht ein einziges Mal dagegen ausgesprochen, dass die Interessen der ukrainischen Staatsbürger in einer der größten Städte Deutschlands von so einem exotischen Konsul vertreten werden? Laut Sucharewskaja ist eine erklärende Version in einem Schreiben des damaligen Leiters des Gegenaufklärungsdienstes der SBU, Wladimir Bik, an den damaligen SBU-Chef Walentin Naliwajtschenko zu finden.

    In einem Bericht legt Bik seine Position zu den Agenten der ausländischen Aufklärungsdienste dar, die hochrangige Posten im ukrainischen Außenministerium innehaben, und angeblich bei für sie kompromittierenden Situationen angeworben wurden. Insgesamt waren es rund 20 Namen.

    Auf der anderen Seite könnte die Taubheit der Hamburger Beamten noch einfacher erklärt werden – das rührende Verhalten der westlichen Länder gegenüber der Ukraine und ihren Beamten unabhängig von deren Umtriebe sieht mehr Laxheit vor, wenn sie vom Kurs der europäischen Werte abweichen.

    Ukrainischer Präsident Petro Poroschenko
    © AFP 2018 / TOBIAS SCHWARZ
    Nachdem der ukrainische Blogger Scharij den Deutschen bei Maruschtschinez Nachlässigkeit vorgeworfen hatte, versprachen sie die Einleitung einer Untersuchung. Diese kam jedoch anscheinend ins Stottern.

    Bislang skizziert Maruschtschinez seine Ambitionen als Präsident vorsichtig. Er prüft wohl mögliche Reaktionen auf seine Initiativen. Doch der allgemeine Vektor ist schon jetzt klar – Kampf gegen das jüdische Joch, die russische Welt, Polen und Ungarn.

    Das Auftauchen eines solchen Kandidaten hat offensichtlich auch positive Momente – die Reaktion der Wähler könnte als eine Art soziologische Studie betrachtet werden, wie stark die ukrainische Zivilgesellschaft vom Nazismus vergiftet ist.

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