00:07 20 September 2018
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    der befreite Flüchtlingslager Jarmuk bei Damaskus in Syrien (Symbolbild)

    Russischer „Marshall-Plan“: Wozu macht Moskau Vorschläge, die der Westen ablehnt?

    © Sputnik / Michail Woskresenkij
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    Irina Alksnis
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    In den deutschen Medien kursieren zahlreiche giftige Kommentare über die russischen Initiativen zum Wiederaufbau Syriens. Nun erklärte die Bundesregierung offiziell, es sei zu früh für die Erörterung von Hilfen bei dieser Frage. In Syrien solle zuerst der politische Waffenstillstand erreicht werden.

    Das US-Außenministerium erklärte derweil, dass es keine internationalen Finanzmittel für den Wiederaufbau Syriens geben würde, bis in Syrien ein vertrauensvoller und unumkehrbarer politischer Prozess unter Aufsicht der Uno beginne. Vor einigen Wochen sickerte aus dem US-Verteidigungsministerium ein vertraulicher Brief vom Generalstabschef Russlands, Waleri Gerassimow, an seinen US-Kollegen Joseph Dunford durch. Darin wird der Vorschlag unterbreitet, zusammen den Wiederaufbau Syriens zu meistern. Laut Insidern stieß dieses Schreiben in Washington auf kühle Ablehnung.

    Zudem berichtete der russische Außenminister, Sergej Lawrow, vor zwei Tagen, in der Uno würde keine Syrien-Hilfen gewährt, so lange der so genannte politische Übergang nicht begonnen habe.

    Das ist nur ein Teil der vielen Nachrichten zu den Anstrengungen Russlands, die auf die Einbeziehung verschiedener Länder in den Wiederaufbau Syriens gerichtet sind.

    Diese Mitteilungen sorgen für ein breitgefächertes Spektrum von Reaktionen. Auf der einen Seite reichen offen böswillige Kommentare aus, in denen behauptet wird, Russland stehe in Syrien endlich vor unlösbaren Problemen wegen fehlender Ressourcen. Sogar einige die Nahost-Politik Moskaus unterstützende Kommentatoren sind erstaunt und verstehen nicht, welchen Sinn diese hoffnungslosen Schritte zur Heranziehung der westlichen Länder hat.

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    Warum soll man sich an den Westen mit Vorschlägen wenden, wenn auch so klar ist, dass sie abgelehnt werden?

    Vor fast drei Jahren begann Russland eine Militäroperation in Syrien, die von vielen als selbstmörderisches Abenteuer bezeichnet wurde. Das Ergebnis ist bekannt.  Moskau zeigte der ganzen Welt, wie effizient es bei der Lösung der schwierigsten militärisch-geopolitischen Aufgaben trotz knapper Ressourcen vorgehen kann. Bei der Syrien-Operation stärkte Russland seine Rolle als große Militärmacht der Welt.

    Nun steht die russische Führung vor der nächsten, noch schwierigeren Aufgabe. Russland muss der Welt beweisen, dass es in der Lage ist, nicht nur ein bestrafendes Schwert und Beschützer für Verbündete, sondern auch die wichtigste schöpferische Kraft unter den Großmächten zu sein.

    Die Situation wird dadurch erschwert, dass Moskau in diesem Bereich nicht besonders positive Erfahrungen in der Vergangenheit gesammelt hat.

    Für das Verständnis des Wesens der Probleme in diesem Bereich sollte man sich daran erinnern, wie vielfältige Finanz- und Infrastruktur-Hilfen die Sowjetunion an ihre Verbündeten und Partner in der ganzen Welt im Laufe von mehreren Jahrzehnten leistete – von Angola bis Kuba, von Afghanistan bis zum Vietnam.

    Dem breiten Publikum waren sie nicht bekannt. Obwohl die Größenordnung dieser Hilfen enorm war, wurden sie in der Regel im Stillen und ohne viel Tamtam abgewickelt. Russland erhielt auch keine große Dankbarkeit für die milliardenschweren Finanzspritzen für die Infrastruktur und Wirtschaft anderer Länder. Dafür aber gab es viele Vorwürfe wegen der angeblichen Einmischung in die Angelegenheiten von souveränen Staaten.

    Vor diesem Hintergrund erinnert man sich unweigerlich an den Marshall-Plan zur Wiederherstellung der kriegszerstörten Wirtschaft Europas, der auch nach 70 Jahren positive Assoziationen zu den USA weckt.

    Angesichts der Umstände sollte Russland beim Wiederaufbau Syriens gleichzeitig drei Aufgaben lösen:

    1. Das gesteckte Ziel erreichen und Syrien helfen, zu einem normalen friedlichen Leben zurückzukehren.
    2. Gewährleistung des maximalen Image-Effekts in der internationalen Arena, wobei das Ansehen einer Macht geschaffen wird, die erfolgreich Projekte dieser Art meistern kann.
    3. Lernen, aus solchen Projekten als Gewinner hervorzugehen, wobei man nicht als Sponsor, sondern vor allem als Manager auftritt.

    Angesichts dessen werden die aktuellen Aktivitäten Russlands in der internationalen Arena zur Suche und Bündelung der Kräfte, die ihre Bereitschaft zur Teilnahme an diesem Vorhaben signalisieren, verständlicher.

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    Russland übernahm tatsächlich die Hauptrolle des Organisators und Koordinators dieses Projekts. Es werden große und ernsthafte Anstrengungen in diesem Bereich unternommen. Auch Ergebnisse gibt es bereits. Neben Russland und Syrien gibt es auch viele Staaten, die ebenso für die Teilnahme am  Wiederaufbau des Nachkriegs-Syriens bereit sind – China, Iran und die Nachbarländer im Nahen Osten.

    Zudem wird das Thema Wiederaufbau Syriens in der Weltöffentlichkeit zunehmend mit  Russland verbunden. Wenn dieses Ziel erreicht wird (woran es keine Zweifel gibt), wird Moskau der Gewinner mit den größten Image-Boni sein.

    Die russischen Vorschläge an den Westen werden im Ergebnis zwei Auswirkungen haben. Zum einen wird verhindert, dass der Westen sich die Erfolge in diesem Bereich zuschreibt. Zum anderen wird ein weiteres Beispiel angeführt, dass Moskau die gesteckten Ziele erreicht – trotz des Widerstands aus dem Westen.

    Angesichts all dieser Faktoren wirken die Behauptungen sehr naiv, dass der Kreml nicht wisse, was er tue, wenn er sich jedes Mal an die westlichen Länder mit diesen Initiativen wendet. Und die Hoffnungen jener, die auf eine Schlappe Russlands warten, sind weit entfernt von der Realität.

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    Tags:
    Ressourcen, Image, Probleme, Wiederaufbau, Uno, Sergej Lawrow, Iran, Syrien, USA, Russland, China