13:04 14 Dezember 2018
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    „Pegizei“ und „Hutbürger“ – Wie in Dresden jeder alles falsch gemacht hat

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    Marcel Joppa
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    Aktuell sorgt das Video eines ZDF-Teams für überwältigende Aufmerksamkeit: Nachdem ein später als LKA-Beamter identifizierter Pegida-Demonstrant ein Fernsehteam bedrängt, ziehen Polizisten die Journalisten kurzzeitig aus dem Verkehr. Dazu hätte es eigentlich nicht kommen müssen, doch alle Anwesenden haben völlig falsch reagiert.

    Ja, auch Sputnik-Redakteure sind Journalisten. Und ja, Situationen wie die von der ZDF-Sendung „Frontal 21“ gedrehten Szenen am Rande einer Pegida-Demonstration in Dresden haben auch wir schon erlebt. Eine Eskalation der Situation blieb uns in den meisten Fällen allerdings erspart. Und das hat auch einen Grund: In der sächsischen Hauptstadt hat an besagtem Tag jeder so reagiert, wie man es definitiv nicht tun sollte.

    Der „besorgte Bürger“

    Er steht aktuell im Fokus des öffentlichen Spotts: Der Mann mit Deutschland-Hut und Holzfällerhemd, der das Kamerateam des ZDF vehement auffordert, Filmaufnahmen zu unterlassen. Generell hat er sogar Recht, denn wenn eine Privatperson kein unfreiwilliger Protagonist in einem TV-Beitrag sein möchte, dann muss sie das auch nicht.

    Allerdings muss der Kameramann nicht automatisch die Aufnahme stoppen. Wenn eine Gruppe von Personen auf öffentlichem Boden gefilmt wird, ist dies erst einmal zulässig. Der Redakteur muss den Gefilmten später im Videomaterial unkenntlich machen, sollte die Person dies wünschen.

    Doch der Mann – der später als LKA-Mitarbeiter identifiziert wurde – machte sich durch seine Bedrängung des Kamerateams selbst zum Mittelpunkt des Geschehens. Im rechtlichen Sinne heißt das, er wurde selbst zu einem Ereignis der Zeitgeschichte. Sein Handeln rückte in den Mittelpunkt einer Konfrontation, die wenig später polizeiliche Konsequenzen hatte. Blöd gelaufen – im wahrsten Sinne: Denn wäre der sächselnde Demonstrant einfach am Kamerateam vorbeigeschlendert, die Aufnahmen wären wahrscheinlich nie veröffentlicht worden.

    Die Polizei: „Dein Freund und Helfer“

    Die Polizeibeamten vor Ort kamen der Aufforderung des Demonstranten nach und nahmen das Kamerateam zur Seite. Sie sprachen von einer polizeilichen Maßnahme, um dies wenige Sätze später wieder zu dementieren. Von einer routinemäßigen Ausweiskontrolle ist die Rede. So richtig nahm man das den sichtlich unsicher wirkenden Beamten nun nicht mehr ab.

    Natürlich ist es das gute Recht der Einsatzkräfte, die Personalien Anwesender zu überprüfen – auch den Journalistenausweis des Kameramanns. So etwas dauert erfahrungsgemäß aber nicht eine Dreiviertelstunde, sondern wenige Minuten. Absicht oder Versagen?

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    Abgesehen davon ist es unüblich, dass eine Überprüfung von Journalistenausweisen überhaupt stattfindet. In der Regel reicht es, wenn arbeitende Redakteure – egal von welchem Medium – den Ausweis nur kurz hervorholen, und die Polizei lässt den Journalisten weiter seine Arbeit tun. Denn die Beamten wissen genau: Je schneller der Journalist seine Arbeit erledigt hat, umso schneller ist er auch wieder weg. Eine win-win-Situation, die in Dresden verspielt wurde und den Beamten im Netz den Namen „Pegizei“ eingebracht hat.

    Das übereifrige Kamerateam

    Journalisten kennen das: Wenn Menschen irgendwo zusammenkommen, Schreie und Pfiffe ertönen, womöglich sogar Gefahr in der Luft liegt – das lässt vielen Medienschaffenden das Herz höher schlagen. Doch in Dresden hat das Kamerateam von „Frontal 21“ die Situation durchaus mit angeheizt.

    Es wäre sehr einfach gewesen, die Kamera einen Moment abzusetzen, wenn sich ein aufgeregter Protestler wild gestikulierend nähert. Erst Recht, wenn dieser den Wunsch äußert, nicht gefilmt zu werden. Wahrscheinlich hatte das Team damit gerechnet, die Polizei würde die Situation lediglich lächelnd und tatenlos beobachten, nicht aber tatsächlich auf die Forderung einer Anzeige des „Hutbürgers“ reagieren. Doch weit gefehlt.

    Darüber hinaus ist es kein Geheimnis, dass das ZDF eine Pegida-Demonstration sicher nicht in einem positiven Zusammenhang filmen möchte. Je aufgeheizter die Stimmung dort, desto besser für die Einschaltquote. Dieses Ziel wurde mit dem „Frontal 21“-Beitrag erreicht. In einem guten Licht lässt dieses auch ethisch bedenkliche Vorgehen die öffentlich-rechtlichen Medien wieder einmal nicht erscheinen.

    Ach übrigens …

    Die anwesenden Pegida-Demonstranten machen das, was das ZDF-Team von ihnen erwartete: Pöbeln. Als der Kameramann dem Geschehen näher kam, erklangen sofort „Lügenpresse“-Schreie und Buh-Rufe. Dabei hatte das Team noch nicht einmal ein ZDF-Mikrophon, wie aus den Aufnahmen ersichtlich ist. Im Gegenteil, in dem Videomaterial ist zu sehen, dass der verantwortliche Redakteur ein schwarzes Mikrophon ohne Aufdruck vor sich trägt.

    Es hätte also auch ein Kamerateam eines völlig anderen Senders sein können, oder Redakteure einer ausländischen Agentur, oder sogar ein Sputnik-Journalist. Gehört also jeder filmende Mensch für die Pegida-Demonstranten automatisch zur sogenannten „Lügenpresse“?

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    Die Demonstranten sollten sich fragen: Wenn niemand ihr lautstarkes Treffen filmt, ist es medial eigentlich nie passiert. Niemand würde darüber berichten – egal in welchem Kontext. Genauso gut könnten die Protestler also zuhause bleiben und ihrer Wut in diversen Internetforen Luft machen. Nun bleibt dieser Tag in Dresden in erster Linie als der Tag in Erinnerung, an dem ein Mann mit Hut und Holzfällerhemd zum Gespött der Öffentlichkeit wurde.

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    Tags:
    Lügenpresse, Regeln, Polizei, Überprüfungen, Journalisten, Landeskriminalamt (LKA), ZDF, PEGIDA, Deutschland