20:48 12 Dezember 2018
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    Tagebuch aus Pjöngjang: Notizen einer Russin über den Alltag in Nordkorea

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    Diana Karabegowitsch
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    • Tagebuch aus Pjöngjang: Notizen einer Russin über den Alltag in Nordkorea
    • Radfahrer auf den Straßen von Pjöngjang
    • Tagebuch aus Pjöngjang: Notizen einer Russin über den Alltag in Nordkorea
    • Auf dem Rückweg in unser Wohnheim merkte ich, dass in den leuchtenden Fenstern der meisten Wohnungen die Porträts der beiden Großen Führer an den Wänden zu sehen sind.
    • Ein Denkmal der revolutionären Kunst am Ufer des Flusses Taedong-gang in Pjöngjang
    • Die Autorin, Diana Karabegowitsch, während ihres Nordkorea-Aufenthalts
    © Foto : Diana Karabegowitsch
    "... Zeitgleich mit der Dämmerung, die in Korea um 20 Uhr begann, wurden die Straßen von Menschen überflutet. Die Kinder gingen trotz der späten Stunde nach dem Zusatzunterricht an der Schule und aus den Sportvereinen heim. Für Studenten war es ebenfalls die Hauptverkehrszeit, sodass wir in der Unterführung auf eine Menschenlawine stießen. Laut unserem Freund, der hier wohnt, bleiben die Studenten nach den Vorlesungen zum selbständigen Üben in der Bibliothek, die gerade jetzt schließe."

    Die Studentin der Moskauer Universität MGIMO beim Außenministerium Russlands, Diana Karabegowitsch, hat einen zweimonatigen Sprachkurs an der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang absolviert. Mit freundlicher Genehmigung der Autorin veröffentlicht Sputnik ihr Tagebuch ohne jeglichen touristischen Glanz über das Leben in dem abgeschlossenen Land.

    Nordkorea ist wie eine andere Welt, die ausschließlich nach ihren eigenen Regeln funktionieren kann. Wie eine kleine Utopie und wie ein Mechanismus, dessen Bestandteile nur aus einheimischer Produktion sein können. Würde darin ein einziges Detail aus dem Ausland eingefügt, würde das ganze Werk gleich kaputtgehen.

    Juli, 6:15 Uhr morgens. Wecker im Zimmer. Lautsprecher draußen. Aufstehen!

    Zum Frühstück gab es in der Mensa nur Eier, manchmal wurde auch ein in Eiern gebratenes Brot serviert. Deswegen gingen wir nicht gern zum Frühstück. In den seltenen Fällen, wo wir uns dort trotzdem früh zeigten, nahmen wir unsere eigenen Kekse mit. Diese aßen wir ohne Tee, der überraschenderweise in der „Getränkekarte“ unserer Mensa fehlte. Nach wenigen Tagen entschieden wir uns, auf diese Besuche komplett zu verzichten, um eine halbe Stunde länger zu schlafen.

    Der erste Tag an der Uni. Unsere Fakultät war in einem Gebäude der Kim-Il-Sung-Universität mit 15 Etagen untergebracht. Der Aufzug kam im 5-Minuten-Takt, und im Erdgeschoss wartete schon eine Schlange, deren Großteil Austauschstudenten aus China bildeten. Leider hatten wir Pech, denn die Chinesen studierten im selben Stockwerk wie wir. Ansonsten lag die Universität nur 15 bis 20 Gehminuten von unserem Wohnheim entfernt, was ziemlich bequem war.

    Auf dem Weg zur Uni kamen wir an einer malerisch angelegten Grünanlage mit mehreren Blumenbeeten vorbei, die von einer Gruppe nordkoreanischer Babuschkas gepflegt wurde. Sie benutzen Gartenscheren, weil das Benzin für Rasenmäher zu teuer ist. Alle Rasenplätze sind unter einzelnen Bürgern aufgeteilt, die dazu verpflichtet sind, sich um ihren Abschnitt zu kümmern. Als Folge kann sich das Gras in Länge und Zustand an einem Ort ziemlich unterscheiden, weswegen der Rasen sehr ungleichmäßig aussieht.

    Unser täglicher Unterricht bestand aus zwei Seminaren im Lese- und Sprachverstehen. Samstags hatten wir nur den Sprachkurs.

    Der Dozent im Seminar zum Leseverstehen erwies sich als ein sehr netter und respektabler Nordkoreaner zwischen 40 und 50. Dieser Mann war immer gelassen und hilfsbereit uns gegenüber, obwohl seine koreanische Aussprache schon etwas schwer zu fassen war.

    Der Wortschatz im Unterricht wirkte, offen gesagt, ein bisschen bizarr: „Ballistische Rakete”, „Das Land, wo Milch und Honig fließen“, „blühende Landschaften“, „Symbol der Revolution“ usw. Trotz der Komplexität gefiel mir dieses Seminar, und mit jedem Tag konnte ich mehr aus der Rede unseres Lehrers begreifen.

    Den Kurs in Sprachverstehen hatten wir bei einer kleinen Greisin. Solche Damen wie unsere hochnäsige Dozentin mit Dauerwelle auf dem Kopf werden auf Koreanisch als Ajumma (kor. 아줌마) bezeichnet. Im Unterschied zu ihrem Kollegen in dem anderen Fach konnte sie ein bisschen russisch und trug komische Socken mit Bärchen. Sie imponierte uns deutlich weniger als der Mann, und was mich persönlich anging: Ich hatte etwas Angst vor ihr. Im Unterricht stellte sie uns Fragen nach unserer Heimatanschrift, Körpergröße, Gewicht, Namen der Eltern und ihren Arbeitsplätzen. Daraus machten wir uns immer einen Spaß und vermuteten, dass sie diese Informationen gleich ihren „Genossen“ beim Geheimdienst mitteilte.

    „Gegen 17 Uhr sind noch viele Menschen in Pjöngjang bei der Arbeit, weshalb die Straßen nicht so voll wie morgens zu sein scheinen“
    © Foto : Diana Karabegowitsch
    „Gegen 17 Uhr sind noch viele Menschen in Pjöngjang bei der Arbeit, weshalb die Straßen nicht so voll wie morgens zu sein scheinen“

    Sie hatte eine staatliche Wohnung in unserer Straße, die ihr als Dozentin bei der Kim-Il-Sung-Universität zustand: 250 Quadratmeter, 7 Zimmer mit Balkon in jedem! Die Omi lebte schick. Mit Stolz erzählte sie uns, dass früher ein Diplomat der russischen Botschaft bei ihr studiert hatte. Als wir den jungen Mann endlich trafen, um ihm Grüße von seiner ehemaligen Lehrerin zu übermitteln, sah er nicht sehr begeistert aus. Vielleicht hat sie nicht nur uns bei ihren Seminaren „gequält“.

    Jede Woche kriegten wir mehr Pensum, das häufig einen halben Tag füllte. Außerdem gab es immer noch kein Warmwasser in unserem Wohnheim. „Zurück zur Natur!“, blödelten wir.

    An einem Abend baten wir den koreanischen Studenten, der uns betreute, uns endlich einen selbständigen Spaziergang in die Stadt zu erlauben. Und er gab nach! Wir sollten uns bloß nicht zu weit entfernen und keineswegs links von unserer Straße abweichen. Trotz des starken Wunsches, diese geheimnisvolle linke Seite der Straße zu untersuchen, nahmen wir seine Bedingungen an.

    Das Zimmer der Autorin im Studentenwohnheim bei der Kim-Il-Sung-Universität
    © Foto : Diana Karabegowitsch
    Das Zimmer der Autorin im Studentenwohnheim bei der Kim-Il-Sung-Universität

    Es war 17 Uhr in Pjöngjang, als wir losgingen, und viele Menschen waren noch bei der Arbeit, weshalb die Straßen nicht so voll wie morgens zu sein schienen. Die Sommerhitze ging in dieser Zeit schon allmählich zurück, und ich spürte bereits ein sanftes Lüftchen. Plötzlich fing etwas Seltsames an: Auf der Straße tauchten mehrere Soldaten von nirgendwoher auf. Nach einer Woche in Nordkorea waren weder Militäruniformen noch bewaffnete Leute ein Wunder für uns, doch an diesem Tag erstaunte die enorme Anzahl von Soldaten.

    Doppelt so viel wie Menschen sahen wir Fahrzeuge: In jedem saßen vier bis fünf Militärs. Den Vorfall erklärten wir lachend damit, dass wir zum ersten Mal ohne Begleitung das Wohnheim verlassen hatten und diese Soldaten uns anscheinend bewachten. Erst am nächsten Tag erfuhren wir, dass am Vortag ein historisches Ereignis für Nordkorea stattgefunden hatte: Der Marschall Kim Jong-un hatte eine neue ballistische Interkontinentalrakete gestartet. Perfect Timing.

    In Pjöngjang war es keine große Sache sowohl Obst als auch Gemüse zu kaufen
    © Foto : Diana Karabegowitsch
    "In Pjöngjang war es keine große Sache sowohl Obst als auch Gemüse zu kaufen"

    Während unseres Spaziergangs besuchten wir ein paar kleine Läden. In einem davon wurden überraschenderweise russische Popmusik-Sendungen im Fernsehen übertragen. Die Musik aus Russland ist unter Nordkoreanern wirklich populär. Später an den TV-Bildschirmen in unserem Wohnheim fielen mir mehrmals Videos von russischen Sängern mit komischer Synchronisierung auf Koreanisch oder Untertiteln wie beim Karaoke auf.

    Die Läden auf unserem Weg boten Süßigkeiten, Kekse und Joghurt an. Im Shop mit dem Schild „Obst und Gemüse“ gab es trotzdem keins von beiden. Wir lächelten, weil es eigentlich keine große Sache war, in Pjöngjang sowohl Obst als auch Gemüse zu kaufen. Die Auswahl würde ich zwar bescheiden nennen, doch alles Notwendige war immer da: Äpfel, Pflaumen, Birnen, Weintrauben, Kiwis, Orangen, Melonen und Wassermelonen, Auberginen, Gurken, Tomaten und Zucchinis. Häufig wurden am Eingang in ein Geschäft noch fertige Gerichte verkauft. Diese sahen nicht sehr lecker aus und waren fast den ganzen Tag in der heißen Sonne ausgestellt.

    In Russland gibt es überall 5-Liter-Flaschen Trinkwasser und in Nordkorea eben Wodka zu kaufen
    © Foto : Diana Karabegowitsch
    In Russland gibt es überall 5-Liter-Flaschen Trinkwasser und in Nordkorea eben Wodka zu kaufen

    Bei der Lagerung von Lebensmitteln machen sich die Nordkoreaner keine Sorgen über die Hitze. Zum Beispiel wurde in dem Laden neben unserem Wohnheim Kefir aus einem Behälter auf der Straße verkauft. Der Behälter stand tagsüber in der Sonne, was die Menschen beim Kauf kaum verunsicherte. Kommt man hier vorbei, dann riecht es immer nach gegorenem Kefir. Im selben Laden wurden auch Kaffee und Makgeolli (ein naturtrübes alkoholisches Getränk aus Korea) ausgeschenkt. Wie gesagt scheint das ebenfalls nicht ganz frisch zu sein, allerdings ist es immer gefragt. Der Essensgeruch in der Mensa, in den Geschäften und überall war vielleicht das härteste, woran ich mich am Anfang gewöhnen musste. Bald fiel aber auch diese „Barriere“, und ich stellte sogar fest, dass Ramen-Nudeln aus dem Studentenshop echt gut schmecken konnten, wenn man sie nur ordentlich würzt.

    In allen Läden waren unter anderem 5-Liter-Flaschen Soju (koreanischer Wodka) zu finden. Der Preis betrug durchschnittlich 1000 Won (ungefähr ein Euro), manchmal noch billiger. Von den Einheimischen wurden diese „Tonnen“ gerne gekauft. In Russland gibt es überall 5-Liter-Flaschen Trinkwasser und in Nordkorea eben Wodka zu kaufen. Geht es um Alkohol, sind die Nordkoreaner nicht kleinlich.

    Nordkorea ist wie eine andere Welt, die ausschließlich nach ihren eigenen Regeln funktionieren kann. Wie eine kleine Utopie und wie ein Mechanismus, dessen Bestandteile nur aus einheimischer Produktion sein können. Würde darin ein einziges Detail aus dem Ausland eingefügt, würde das ganze Werk gleich kaputtgehen.
    © Foto : Diana Karabegowitsch
    Nordkorea ist wie eine andere Welt, die ausschließlich nach ihren eigenen Regeln funktionieren kann. Wie eine kleine Utopie und wie ein Mechanismus, dessen Bestandteile nur aus einheimischer Produktion sein können. Würde darin ein einziges Detail aus dem Ausland eingefügt, würde das ganze Werk gleich kaputtgehen.

    Nachdem uns eine „improvisierte Militärparade“ abgenommen wurde, schafften wir am selben Abend noch einen Ausflug in die Stadt. Diesmal mit dem nordkoreanischen Kameraden, der sich unserer Gruppe gerne als Reiseleiter anschloss. Zeitgleich mit der Dämmerung, die in Korea um 20 Uhr begann, wurden die Straßen von Menschen überflutet. Die Kinder gingen trotz der späten Stunde nach dem Zusatzunterricht an der Schule und aus den Sportvereinen heim. Für Studenten war es ebenfalls die Hauptverkehrszeit, sodass wir in der Unterführung auf eine Menschenlawine stießen. Laut unserem Freund, der hier wohnt, bleiben die Studenten nach den Vorlesungen zum selbständigen Üben in der Bibliothek, die gerade jetzt schließe. Der Lernaufwand sei groß, was auch ein hohes Ausbildungsniveau in Nordkorea bedeute.

    Auf dem Rückweg in unser Wohnheim merkte ich, dass in den leuchtenden Fenstern der meisten Wohnungen die Porträts der beiden Großen Führer (gemeint sind wahrscheinlich Kim Il-Sung und Kim Jong-Il – Anm. d. Red.) an den Wänden zu sehen sind.

    Mittlerweile gibt es bei uns immer noch kein warmes Wasser. Die Nachbarn sagen, dass in Korea die Hitzesaison begonnen hat und es erst im Oktober angeschaltet wird. Hurra!

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

    Tags:
    Studentin, Aufenthalt, Reise, Wahrheit, Propaganda, Kim-Il-Sung-Universität, MGIMO-Universität, Kim Jong-un, Kim Il-sung, Kim Jong-il, Pjöngjang, Nordkorea, Moskau, Russland, China
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