17:38 13 Dezember 2018
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    Kernkraftwerk in San Onofre (Archiv)

    Pannenreaktor im Paradies: „Zweites Fukushima“ ist nur eine Frage der Zeit

    © AFP 2018 / MARK RALSTON
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    Sergej Sawtschuk
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    Unsicher und lebensgefährlich für acht Millionen Menschen – so bezeichnete die US-Senatorin Barbara Boxer noch im Mai 2013 die technischen Anlagen des Kernkraftwerks San Onofre. Der Atommeiler war den Behörden durch eine Pannenserie aufgefallen, weshalb sie damals schon eine Untersuchung vornahmen.

    Nun macht das Kernkraftwerk wieder Ärger, berichten renommierte Medien in den Vereinigten Staaten. Die Kühlbecken für verbrauchte aber dennoch hochradioaktive Brennstäbe seien eines der Probleme. Dabei wären bei einem Störfall in San Onofre über acht Millionen Menschen gefährdet: die Megametropole Los Angeles liegt keine 100 Kilometer von dem Pannenreaktor entfernt.

    Gebaut wurde das Kraftwerk in der Kleinstadt San Clemente, buchstäblich an der Pazifik-Küste. 1968 ging der erste Block ans Netz und blieb bis 1992 in Betrieb. 432 Megawatt Strom erzeugte der Schwerwasserreaktor bei Spitzenlast. In den Jahren 1983-84 folgten der zweite und der dritte Block mit insgesamt 1.127 Megawatt Leistung.

    Zehn Jahre lang, von 2001 bis 2011, baute der Kraftwerksbetreiber, Southern California Edison, die Anlage um: Dampferzeuger wurden ausgetauscht – eine Maßanfertigung, so gewaltig, dass eben zehn Jahre Zeit und 671 Millionen Dollar für die Modernisierungsmaßnahme benötigt wurden.

    2011 waren die beiden Reaktoren zwar wieder am Netz, doch lange hielten die neuen Dampferzeuger die Belastung nicht aus: Nach weniger als einem Jahr Betrieb kam es in den beiden Reaktoren von San Onofre zu einer Serie von Notabschaltungen.

    Die Leistung der Anlage wurde sukzessive zurückgefahren, bis sie 2012 wieder stillstand. Offizielle Begründung: Vorzeitiger Verschleiß von über 3.000 Röhren der beiden Dampferzeuger – jenen Röhren, die den Betrieb mindestens 40 Jahre lang hätten aushalten müssen. Der offensichtliche Pfusch war nicht wegzureden, die Behörden wurden auf das Kernkraftwerk aufmerksam.

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    Die Nationale Reaktorkommission stellte fest, dass die beiden Kraftwerksblöcke „jenseits aller zulässigen physischen und thermischen Parameter“ gefahren worden seien. Die eingangs erwähnte Senatorin Barbara Boxer entrüstete sich, das Kraftwerk gefährde das Leben von Millionen Menschen.

    Einen Monat nach der Berichtsveröffentlichung, im Juni 2013, teilte der Betreiber, Southern California Edison, mit, die Anlage würde endgültig stillgelegt, die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Modernisierung des Reaktors sei als sehr gering einzuschätzen.

    Der Vorfall mit den Dampferzeugern war übrigens keinesfalls das erste Problem, das im Kernkraftwerk San Onofre auftauchte. Schon 2008 hatte die zuständige Aufsichtsbehörde Sicherheitsfehler wie falsch angeschlossene Notbatterien und defekte Notstromgeneratoren bemängelt. Damals war den Aufsehern auch aufgefallen, dass der Betreiber Störfallberichte getäuscht habe.

    2011 erklärte die Untersuchungskommission, die Gefahren für Mensch und Umwelt seien beseitigt worden, doch noch im selben Jahr kam es im Kraftwerk zum Austritt giftigen Ammoniaks, weshalb das Personal eilends evakuiert werden musste.

    2012 fiel ein Reservegenerator aus, weil Kühlflüssigkeit in dessen Schmiersystem gelangt war. Die Untersuchungskommission machte jedoch die Kraftwerksmitarbeiter für den Vorfall verantwortlich: Sie hätten das Notstromaggregat womöglich absichtlich beschädigt, hieß es.

    Besonders groß wurde die öffentliche Aufmerksamkeit für den Pannenreaktor nach der Katastrophe von Fukushima.

    Das Management des Betreibers versuchte zu beruhigen: Das Kraftwerk von San Onofre könne Erdbeben der Stärke 7 aushalten, selbst wenn das Epizentrum sich mitten unter dem Reaktor befände. Und außerdem sei die ganze Anlage von einer meterhohen Betonmauer umgeben, die einem Tsunami standhalten könne.

    Überhaupt sei die Wahrscheinlichkeit, dass solche Umstände wie in Fukushima eintreten, sehr gering: 1 zu 58.000, hieß es in einem Bericht, den Geologen und Geophysiker im Auftrag des Kraftwerksbetreibers erstellt hatten.

    Andere Fachleute überzeugte dieser Bericht mäßig. Der namhafte Umweltaktivist Dave Freeman erklärte, die Southern California Edison führe die Menschen an der Nase herum, die Gegend, wo das Kraftwerk gebaut worden sei, sei ein „teuflischer Canyon“.

    Jetzt macht das Kraftwerk wieder Schlagzeilen. Letzte Woche ist bekannt geworden, dass auf dem Gelände des Kernkraftwerks beim Verladen verbrauchter Brennstäbe eine hochgefährliche Situation entstanden sei. Gemeldet habe den Vorfall kein Umweltaktivist etwa, sondern der Sicherheitsinspektor des Kraftwerks David Fitch.

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    Demnach wurde am 3. August dieses Jahres auf dem Kraftwerksgelände ein 100-Tonnen-Container mi hochradioaktivem Abfall verladen. Ein Spezialtransport hätte die strahlende Last in ein unterirdisches Lager bringen müssen, welches sich übrigens in unmittelbarer Nähe des weltberühmten San Onofre State Beach befindet.

    Der Kranführer soll beim Verfrachten des Containers übersehen haben, dass dieser aus den Halterungen des Tiefladers gesprungen ist: die Spanngurte sind dadurch verzogen und der Behälter ist mit Schlagseite auf den Anhänger verladen worden.

    Über eine Stunde lang soll der Schwertransporter in diesem Zustand auf dem Gelände gestanden haben. Der mit 100 Tonnen strahlenden Mülls beladene Container hätte jederzeit aus fünfeinhalb Metern Höhe umkippen können.

    Über 4.000 verbrauchten Brennmaterials sind auf dem Areal des Kernkraftwerks heute noch vorhanden. Gelagert werden sie in einem Kühlbecken in nur 30 Metern Entfernung vom Ozean. Deren Zustand zu prüfen, sei sehr problematisch, berichten US-Medien. Die Möglichkeit von Korrosion und gefährlichen Mikrorissen könne nicht ausgeschlossen werden.

    Auch die Kühlung dieser Becken wirft Fragen auf: Die derzeit vorhandenen Kühltürme scheinen für diese Aufgabe jedenfalls unterdimensioniert zu sein. Für neue Kühltürme ist auf dem Kraftwerksgelände aber kein Platz mehr da.

    Im Mai dieses Jahres hat Donald Trump den Atommeiler besucht. Bei einem runden Tisch mit den lokalen Verantwortlichen und Vertretern der Zivilgesellschaft ist dem Präsidenten ein Bericht vorgestellt worden, in dem das Kernkraftwerk San Onofre als „zweites Fukushima“ bezeichnet wird.

    Sollte nämlich aus nur einem Kühlbecken Kühlflüssigkeit entweichen, wäre die Welt mit einer Katastrophe in ähnlicher Größenordnung konfrontiert, wie damals in Japan.

    Das ist aber noch nicht alles: Als sich der Störfall von Fukushima im März 2011 ereignete, hatte die japanische Regierung einen Notfallplan zur Evakuierung der Menschen aus der umliegenden 160-km-Zone parat. Im Fall von San Onofre fehlt ein solcher Plan völlig.

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    Folgen, Maßnahmen, Modernisierung, Katastrophe, AKW, Fukushima, San Onofre, Pazifik, USA