00:41 20 September 2018
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    Soldat der US-Koalition in Afghanstan

    Unheimliche Parallelen: Afghanistan als Schreckensszenario für Syrien?

    © Foto: DoD/ U.S. Marine Corps/ Sgt. Pete Thibodeau
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    Paul Linke
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    „Wollt ihr ein neues Afghanistan?" Das hat Syriens Präsident Bashar al-Assad 2011 warnend in einem Interview gefragt. Und tatsächlich erinnert vieles im Syrien-Konflikt an die Lage im Land am Hindukusch. Doch die Auswirkungen erscheinen um einiges gravierender.

    In einem Interview mit der britischen Zeitung „The Sunday Telegraph“ warnte der syrische Präsident Bashar al-Assad im Herbst 2011, eine Intervention in Syrien würde ein „Erdbeben“ in der Region verursachen. „Wollt ihr ein neues Afghanistan erleben oder zehn Afghanistans?“, fragte Assad. Nach sieben Jahren Syrien-Krieg zeichnet sich allmählich ein Bild ab, welches die Parallelen zu Afghanistan teilweise bestätigt.

    Feststeht, der versuchte Umsturz in Damaskus durch internationale Akteure war mehr als ein „Erdbeben“. Dazu gehört die Intervention in Syrien von Seiten des Interventionsbündnisses, dass sich den Decknamen „Internationale Allianz gegen den Islamischen Staats“ verpasste. Es war eine geopolitische Katastrophe gigantischen Ausmaßes, die den islamischen Extremismus in der Region extrem befeuerte, das Land spaltete sowie die Anrainerstaaten destabilisierte.

    Sie zog die halbe Welt in den Konflikt, forderte nach aktuellen Schätzungen bis zu 500.000 Menschenleben und machte große Teile des Landes unbewohnbar. Gemessen an der internationalen Intervention gegen das Taliban-Regime seit 2001 ist es nicht übertrieben von „zehn Afghanistans“ zu sprechen. Von 2001 bis 2015 starben in Afghanistan einer Studie der US-amerikanischen Brown Universität nach 68.000 Menschen. Die Opferzahlen in Folge der sowjetischen Intervention von 1979 bis 1989 am Hindukusch sind denen von Syrien ähnlicher, wo verschiedenen Schätzungen zufolge 600.000 bis zu zwei Millionen Menschen ums Leben kamen.

    Parallelen in Syrien und Afghanistan

    Die Parallelen zwischen den Konflikten in Syrien und Afghanistan seien „gespenstisch“, stellte der US-Journalist David Ignatius bereits 2012 in der „Washington Post“ fest: CIA-Offiziere operieren bis heute im Verdeckten, Waffen kommen von Dritten und ein großer Finanzier für beide Aufstände war stets Saudi-Arabien.

    Nun ist einerseits die syrische Armee auf dem Vormarsch und gibt sich in Idlib siegesgewiss. Die Geschichte lehrt uns allerdings das Gegenteil. Oft glaubten zahlreiche afghanische Regierungen und ausländische Mächte im Hindukusch einen endgültigen Sieg über die selbsternannten Gotteskrieger, die Mudschaheddin, zu erringen. Doch wurden sie immer wieder enttäuscht.

    Die Sowjets überschätzten ihre militärische Überlegenheit gegenüber den vom Westen militärtechnisch unterstützten und zum größten Teil von Saudi-Arabien finanziell unterstützen Dschihadisten (den „Peschawar-Sieben“, einer in den 1980er Jahren gegründeten Allianz aus sieben sunnitisch-islamischen Gruppen). Den gleichen Fehler in Afghanistan machten die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten.

    Auch diesmal soll in Syrien die finanzielle Unterstützung durch Saudi-Arabien erfolgt sein. Es gibt sogar eine Person, die die beiden Konflikte verbindet: Prinz Bandar bin Sultan. Er war als saudischer Botschafter in Washington in den 1980er Jahren an der Finanzierung und Unterstützung der CIA in Afghanistan beteiligt. Heute wird er häufig als „Ingenieur des Syrien-Krieges“ bezeichnet.

    Als Chef des saudischen Geheimdienstes hatte er Operationen in Syrien geleitet. Ihm wird unterstellt, die politische Opposition bis hin zu bewaffneten Gruppen in Syrien organisiert zu haben. Berichten zufolge hatte der Prinz Tonnen von Waffen und Tausende von Dschihadisten aus der ganzen Welt verschifft, um den Krieg gegen die syrische Regierung zu finanzieren. 2013 wurde gemeldet, er habe gar Russlands Präsident Wladimir Putin wirtschaftliche Anreize angeboten, falls Moskau die Unterstützung für Assad zurückstellt.

    Ein Schreckensszenario für Syrien

    Nur mal angenommen: Ein vielbeschworener und vermeintlicher Giftgaseinsatz von Seiten der syrischen Regierungstruppen provoziert die angekündigte militärische Intervention des Westens gegen Syrien – vielleicht sogar unter Beteiligung der Bundeswehr. Russland und Iran müssen aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen ihre Unterstützung für Basar al-Assad einstellen. Die islamistischen Gruppen gewinnen erneut an Boden. Die syrische Regierung löst sich auf, Assad muss fliehen und die Islamisten rufen derweil das „Syrische Kalifat“ aus.

    Eine erneute Intervention der „Internationalen Allianz gegen den Islamischen Staat“ wird eingeleitet, die weiteren vielen Menschen das Leben kostet. Eines Tages sind die westlichen Mächte gezwungen, nach Jahren andauernder Guerilla-Kämpfen mit den Rebellen mit den Islamisten in Verhandlungen zu treten.

    Ein historischer Rückblick:

    Nach dem sich die Rote Armee nach einem zehn Jahren andauernden Konflikt aus Afghanistan 1989 zurückziehen musste, dauerten die Kämpfe zwischen der von Moskau unterstützen Regierung unter Mohammed Nadschibullāh und den Mudschaheddin bis zum Zerfall der UdSSR an. Danach konnte sich Nadschibullāh nicht mehr halten. Im April 1991 eroberten die Islamisten Kabul und riefen 1992 das „Islamische Kalifat Afghanistan“ aus.

    Der von der CIA unterstützte Sieg der Islamisten ebnete den Weg für jahrzehntelanges Chaos und dschihadistischen Extremismus. Die bedrohen seit jeher immer noch Afghanistan und seine Nachbarn – nach den Anschlägen vom 11. September 2001 auch offiziell die Vereinigten Staaten, für die die Terror-Organisation Al-Qaida verantwortlich gemacht wurde.

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    Tags:
    Unterstützung, Geheimdienste, Islamisten, Terroristen, Destabilisierung, Chaos, Islam, Taliban, Al-Qaida, CIA, Sowjetunion, Nahost, Zentralasien, Saudi-Arabien, Syrien, Afghanistan, USA, Russland