19:12 15 Oktober 2018
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    Reportage des chinesischen Fernsehens über Handelskrieg mit den USA

    Geduldsfaden gerissen: China könnte im großen Stil US-Anleihen abstoßen

    © AP Photo / Mark Schiefelbein
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    Natalja Dembinskaja
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    China hat seine Anlagen in US-Staatsschulden um 7,7 Milliarden Dollar verringert – das ist die größte Reduzierung der US-Anleihebestände durch Peking seit einem halben Jahr. Trotz der Spannungen mit Washington bleibt China dennoch der größte Gläubiger der USA und besitzt Treasuries im Wert von mehr als eine Billion Dollar.

    Ob sich die Volksrepublik tatsächlich dafür entscheidet, ihre US-Schuldpapiere loszuwerden, und welche Folgen das für die US-Wirtschaft haben könnte, analysiert Sputnik in diesem Beitrag.

    Unerwünschte US-Staatsanleihen

    Im zweiten Quartal 2018 haben viele Länder, die von Washington unter wirtschaftlichen Druck gesetzt wurden, ihre US-Staatsanleihen verkauft. Allen voran Russland, das seine Dollar-Reserven fast vollständig losgeworden ist. Nach dem Stand vom Mai beliefen sie sich auf lediglich 15 Milliarden Dollar (gegenüber 100 Milliarden Anfang des Jahres). Die Beziehungen zwischen Moskau und Washington spannen sich indes weiter an: Im September und Oktober wird das Weiße Haus neue wirtschaftliche Restriktionen gegen Russland einführen, so dass die russische Währung sich auf neue Turbulenzen gefasst machen muss.

    Die Türkei, die bis vor kurzem über 32,6 Milliarden Dollar verfügte, hat ihr Paket auf 28,8 Milliarden gekürzt. Zum Vergleich: Im November 2017 hatten sich die Treasuries in Ankaras Händen auf 61,2 Milliarden Dollar belaufen. Auch Mexiko, Indien und Taiwan entschieden sich für den allmählichen Verkauf der US-Staatsanleihen.

    Der größte Kreditgeber

    Analysten erwarteten seit langem, dass China, der größte Kreditgeber der US-Wirtschaft, seine amerikanischen Staatsanleihen verkaufen würde. Auf die Volksrepublik entfallen fast 20 Prozent der gesamten US-Staatsschulden, die ausländischen Anlegern gehören. Und deshalb fürchten viele Finanzexperten in Übersee, dass Pekings Aktivitäten auf diesem Gebiet gefährliche Folgen für das Finanzsystem der USA und den Wechselkurs des Dollars haben könnten.

    Innenseite eines LNG-Terminals
    © AP Photo / Alex Brandon
    Sollte den Chinesen tatsächlich der Kragen platzen, würden sie einen Teil der ihnen gehörenden US-Schuldverschreibungen veräußern – und ihr Wert würde sofort schrumpfen. Das würde automatisch bedeuten, dass der Preis für die Kredite, die amerikanische Unternehmen – oder auch einfache Verbraucher – nehmen, in die Höhe schießt. Das würde seinerseits ein Ende des Wirtschaftswachstums in den USA bedeuten. Neue Schuldverschreibungen zu emittieren, wäre für die US-Regierung ein noch teurerer Spaß. 

    „Die Wirtschaft würde wegen der hohen Prozentsätze auf allen Märkten fiebern“, zeigte sich Jeff Mills, der Chef-Investitionsstratege der PNC Financial Services Group, überzeugt. Dennoch erwartet er von Peking keine drastischen Schritte, denn das würde dessen eigenen Interessen widersprechen: Auf allen Märkten würde Panik ausbrechen, der Dollarkurs würde einstürzen – und das wäre schädlich für Chinas Exportmärkte, so der Branchenkenner.

    Der Einfluss ist minimal?

    Russische Experten zeigen sich eher zurückhaltend bei der Einschätzung der Folgen eines möglichen „Ausverkaufs“ der US-Staatsanleihen, denn der größte Teil der US-Staatsschulden befindet sich in den Händen der Amerikaner selbst.

    Vorerst wolle Peking durch den Verkauf der Treasuries vor allem die Probleme kompensieren, auf die die chinesische Wirtschaft gestoßen sei, und nicht die Amerikaner unter Druck setzen, so Sergej Chestanow von der Russischen Akademie der Volkswirtschaft und des öffentlichen Dienstes. Nach seiner Auffassung haben die Chinesen in Wahrheit kaum Möglichkeiten, Washington unter Druck zu setzen: Die USA seien für sie als Absatzmarkt viel wichtiger als China für die USA als Kreditgeber. Die von Präsident Donald Trump verhängten Protektionsmaßnahmen haben China Exportverluste in Höhe von mehr als 30 Milliarden Dollar beschert, führte der Experte an.

    Er verwies darauf, dass Chinas internationale Reserven seit vier Jahren zurückgehen. In dieser Zeit seien sie von vier auf ungefähr drei Billionen Dollar geschrumpft. Und das sei ein Zeichen dafür, dass die chinesische Wirtschaft mit Problemen konfrontiert worden sei.

    Somit ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass China die US-Wirtschaft im Alleingang ins Wanken bringen kann. (Immerhin beläuft sich diese auf 20 Billionen Dollar pro Jahr, während die chinesische nur drei Billionen ausmacht.)

    Chinesische Nationalflaggen vor dem Kanzleramt in Berlin
    © AP Photo / Markus Schreiber

    Eine andere Sache ist, dass Washingtons aggressive Politik seine Partner quasi zwingt, auf den Dollar zu verzichten – zugunsten des Euros und ihrer nationalen Währungen. Die „Revolte“ gegen die US-Währung könnte größer sein als die meisten Ökonomen erwarten, warnte Gal Luft, Exekutivdirektor des Institute for Analysis of Global Security. Er erinnert daran, dass die USA einen Wirtschaftskrieg gegen etwa 20 Länder führen, deren gesamtes BIP mehr als 15 Billionen Dollar betrage. Die größten von ihnen seien Russland und China, aber ihnen schließen sich ständig neue Länder an. Der Effekt von ihrem konsolidierten Vorgehen gegen die US-Währung lasse sich kaum vorhersagen, sagte der Experte.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    US-Strafzölle, Finanzkrise, Handelskrieg, Staatsanleihen, Verkauf, Schulden, Dollar, US-Finanzministerium, Donald Trump, Xi Jinping, Taiwan, Mexiko, Türkei, Indien, USA, Russland, China