00:10 18 Oktober 2018
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    AKW in der Ukraine

    Russland rettete die Ukraine vor neuem Tschernobyl – Wie lange geht das noch gut?

    CC BY 3.0 / Wladimir Djakow / Oblast Riwne, AKW, Ukraine
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    Sergej Sawtschuk
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    Westliche Politiker demonstrieren nach ihrem Rücktritt oft wundersame Objektivität. So gab der ehemalige ukrainische Verkehrsminister Jewgeni Tscherwonenko vor kurzem eine sensationelle Erklärung ab: In diesem Jahr kam es im AKW Saporischschja und im AKW Süd-Ukraine beinahe zu einer Katastrophe, die der Tschernobyl-Katastrophe hätte ähneln können.

    „All unsere Reaktoren nach dem Alexandrow-System gehören zu den besten in der Welt. Sie wurden in der Sowjetzeit gebaut, und alle schweigen darüber, dass die Frist für die Generalreparatur immer näher rückt, das ist de facto 2025-2035. Darüber schweigen bei uns alle. Ich sage Ihnen sogar, dass die Tschernobyl-Katastrophe sich ereignete, weil es Experimentierversuche mit diesen Reaktoren gab. Und jetzt das Interessanteste – allein im vergangenen Jahr kam es beinahe zu zwei schrecklichen Havarien im AKW Süd-Ukraine und im AKW Saporischschja – dem größten in der Welt. Es wäre beinahe zum zweiten und dritten Tschernobyl gekommen. Wissen Sie, wer uns rettete? ‚Der Aggressor‘ rettete uns. Hätten sich die Energiesysteme unserer Länder nicht gekreuzt und wären aus Russland keine Stromreserven umgeleitet worden, wäre bei uns die Frequenz gefallen, und unsere Energiesysteme wären einfach zusammengebrochen“, sagte Tscherwonenko.

    Bei uns tauchte diese Erklärung nicht in den Nachrichtentickern auf, sie enthält aber so viel Sinn und ist kennzeichnend für die aktuelle Situation nicht nur in der Energiepolitik, sondern auch in der Politik insgesamt.

    Herr Tscherwonenko irrt sich allerdings ein bisschen. Saporischschja ist nicht das größte Kernkraftwerk der Welt, sondern nur in Europa. Bis 2011 stand das AKW Fukushima mit einer Gesamtkapazität von 8,814 Gigawatt auf Platz eins. Das AKW  Saporischschja mit sechs Gigawatt liegt auf Platz vier. Es liegt in der Stadt Energodar. Strukturell ist das AKW ein Teil des ukrainischen Nationalen Atomenergieunternehmens Energoatom. Der Start des ersten der vier Energieblöcke fand 1984 statt. Die Starts des zweiten, dritten und vierten Energieblocks erfolgten 1985, 1986 und 1987. Dort wurden die neusten Reaktoren des Typs WWER-1000 installiert. Jedes Jahr produziert das AKW 40 Milliarden Kilowattstunden Strom, was 20 Prozent der ganzen ukrainischen Produktion ist. 2015 wurde das AKW zum weltweit ersten AKW, in dem eine Billion Kilowattstunden Strom generiert wurden.

    Heutige Situation um Kernkraftwerke in der Ukraine

    Versuche, die Abhängigkeit von russischen Nuklearkraftstoffen zu beseitigen, wurden seit langem unternommen, lange vor Beginn der Ereignisse 2014. Der erste Versuch wurde 2007 von Tschechien zusammen mit der Ukraine unternommen. Im tschechischen AKW Temelin und im AKW Saporischschja wurde statt dem üblichen Kraftstoff ein Analogon geladen, das von einem schwedischen Werk der Firma Westinghouse geliefert wurde. Die in Russland hergestellten Brennstoffstäbe haben im Querschnitt eine sechseckige Form, während die westlichen eine quadratische Form haben. Jede Fläche gilt dabei als Verstärkungsrippe der Brennstoffstäbe, wodurch die Betriebseigenschaften direkt beeinflusst werden. Die Verstärkungsrippen gewährleisten die Unbeweglichkeit der Brennelemente in den starken Kühlwasserströmen. In beiden Reaktoren – dem ukrainischen und dem tschechischen – hielten die Kraftstoffbündel nicht die Last und funktionierten unvorhersehbar. Die Havarieschutzsysteme kamen zum Einsatz, beide Reaktoren wurden abgeschaltet und die Brennstoffstäbe von Westinghouse entfernt.

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    Seit 2015 nahm Kiew Kurs auf den Bruch aller Beziehungen zu Russland, darunter im Energiebereich. Auf die Bühne trat erneut Westinghouse, das damals beinahe Pleite ging.

    Weshalb Russland abermals die Ukraine rettete. Alle Angaben zu technologischen Pannen in ukrainischen AKWs werden natürlich streng geheim gehalten. Da jedoch der ehemalige ukrainische Minister sagte, dass man im Sommer zweimal am Rande einer weiteren Atomkatastrophe stand, war die Situation wohl wirklich gefährlich. Der ukrainischen Atomindustrie mangelte es in den letzten Jahren tatsächlich an Personal, das aktiv in andere Länder wie China abwandert, das sein Atomprogramm aktiv entwickelt. Das wird sogar von ukrainischen Politikern zugegeben.

    Bei dieser Lage der Dinge war das Auftauchen technischer Probleme im Betrieb überaus komplexer Systeme wie der AKWs nur eine Frage der Zeit. Und es kam zu Pannen. Im Winter 2017 wurde der dritte Energieblock des AKW Süd-Ukraine havariebedingt gestoppt, ein Jahr später ereignete sich eine ähnliche Situation mit dem zweiten Energieblock des AKW Chmelnizkaja. Im Sommer 2018 verbreiteten Medien, darunter auch ukrainische, Informationen, dass wegen eines außerplanmäßigen Betriebs eines Energieblocks des AKW Saporischschja das Schutzsystem anlief und der Reaktor gestoppt wurde. Doch die offiziellen ukrainischen Behörden wiesen wie immer alles zurück.

    Gut ist natürlich, dass die Havarie dennoch verhindert wurde. Viele russische Bürger mögen sich wohl fragen, warum man der Ukraine helfen soll, die sich für den „Anti-Russland“-Weg entschieden hat. Es gibt allerdings mindestens zwei Gründe.

    Grund Nummer eins. Wäre es im AKW Saporischschja bzw. im AKW Süd-Ukraine zu einer großangelegten Katastrophe gekommen, hätte das alle getroffen. Auch unsere Grenzgebiete – Rostow, Woronesch, Belgorod, die Region Krasnodar. Die radioaktive Wolke, die während der Havarie in Tschernobyl entstand, bewegte sich komplett nach Skandinavien. Ein hohes Strahlungsniveau wurde in den meisten Ländern Mitteleuropas fixiert.

    Grund Nummer zwei. Die Zuverlässigkeit des Betriebs sowjetischer Reaktoren ist ein Zeichen der Zuverlässigkeit der russischen Atomindustrie. Gewisse „Gutmenschen“ führen bis heute Tschernobyl als Beispiel für die angeblich niedrige Qualität der russischen Reaktoren an. So schrieben darüber vor kurzem die japanischen Zeitungen „The Japan Times“ und „Sentaku Magazine“. Für sie ist es egal, dass das Unglück von Tschernobyl sich vor mehr als 30 Jahren ereignete, dass die Technologien seither vorangeschritten sind und dass die modernen russischen Reaktoren bei sachlicher Betrachtung keine Zweifel an ihrer Zuverlässigkeit aufkommen lassen.

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    Unsere westlichen Partner sind überhaupt Meister eines selektiven Herangehens. Wenn es für sie vorteilhaft ist, dann ist unser Land der Rechtsnachfolger der Sowjetunion, wenn nicht– dann nicht. Man möchte kein pessimistischer Prophet sein, doch die Angriffe auf die russische Atomenergiebranche werden zunehmen. Das hängt damit zusammen, dass Russland heute de facto Hegemon auf dem Weltmarkt ist, während seine Partner im Atomklub – die USA und Frankreich – seit vielen Jahren nichts mehr bauen. Der Anteil der Atomenergie in den USA sinkt kontinuierlich, allein in den letzten fünf Jahren sank diese Zahl von 20 auf 9,6 Prozent. Der einzige französische Akteur, Areva, gewann in den letzten sieben Jahren keine einzige Ausschreibung. Ein neues AKW in Frankreich wird mit einer Verspätung von bereits sechs Jahren gebaut, während die Ressourcen der funktionierenden Reaktoren verdoppelt werden sollen.

    Allerdings sollte ein weiterer Aspekt berücksichtigt werden.

    Als Reaktorhersteller hat Rosatom Garantieverpflichtungen, nach denen alle notwendigen planmäßigen Wartungsarbeiten erfolgen. Doch in den Verträgen mit dem ukrainischen Atomunternehmen gibt es eine Klausel, wonach die Garantieverpflichtungen im Falle der Anwendung „fremden“ Kraftstoffs annulliert werden. Das ist logisch. Rosatom hat das Recht, auf die weitere Wartung der ukrainischen Reaktoren zu verzichten.

    Wenn Politiker bei der Atomenergie mitmischen – können die Aussichten manchmal wenig erfreulich sein.

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    Tags:
    Katastrophe, Rettung, Energie, AKW, UdSSR, Russland, Ukraine