23:04 19 November 2018
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    Bevölkerungsexplosion: 12,3 Milliarden bis 2100. Und wie steht‘s um Deutschland?

    © AFP 2018 / DPA/ Jörg Carstensen
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    Bernhard Schwarz
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    Heute leben 7,2 Milliarden Menschen auf der Erde, was bereits viel ist, doch bis 2100 soll die Weltbevölkerung auf über 12 Milliarden ansteigen. Besonders erschreckend ist das rasante Wachstum in den letzten Jahren, in denen sich die Menschheit vervielfacht hat.

    Alleine in Afrika wird sich die Bevölkerungszahl bis 2100 von einer Milliarde mehr als vervierfachen. Ähnliche Entwicklungen erwarten Forscher auch für Südostasien, und es stellt sich die Frage, wie diese Menschen in ihren verarmten Regionen Arbeit und Essen finden sollen. Europa hat in den vergangenen Jahrhunderten den demographischen Übergang bereits durchlebt. Wie kann das auch den Entwicklungsländern gelingen?

    Zu Christi Geburt lebten etwa 300 Millionen Menschen auf der Erde. Diese Zahl veränderte sich auch im Mittelalter kaum, und erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts zählte die Weltbevölkerung erstmals mehr als eine Milliarde. Danach setzte die Bevölkerungsexplosion ein. Um 1900 lebten bereits zwei Milliarden Menschen auf der Erde.

    Mit wachsendem Wohlstand und medizinischen Fortschritten wurde die Menschheit in den Industriegebieten immer älter. Zu dieser Zeit stellte Europa mit 24 Prozent historisch seinen höchsten Anteil an der Weltbevölkerung, ehe ihr Anteil stetig schrumpfte. Bis 1950 wuchs die Menschheit auf 2,5 Milliarden an, und verdoppelte sich bis 2000 auf fünf Milliarden. Dieses Bevölkerungswachstum war vor allem auf die steigenden Geburtenzahlen in Afrika, Lateinamerika und Asien zurückzuführen.

    Die Bevölkerung in Afrika und Asien wächst rasant, und die Bevölkerung in den Industriestaaten schrumpft. Forscher sprechen dabei vom „demographischen Übergang“ und haben ein Drei-Phasen-Modell aufgestellt, um den Wandel zu erklären:

    In vorindustriellen Gesellschaften gab es stets hohe Geburten- und Sterberaten, was auf mangelnden Wohlstand, Hygiene und Armut zurückzuführen ist. Wegen der hohen Kindersterblichkeit müssen viele Kinder geboren werden, da sie auch als „Altersversicherung“ gelten (Phase 1).

    Bestimmte gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen wie die Industrialisierung führen zu höherem Wohlstand, der eine Verbesserung des Lebensstandards mit sich mitbringt. Die Menschen leben länger, und die Geburtenrate bleibt trotzdem hoch. In solchen Fällen sprechen Forscher von einer „sich öffnenden Bevölkerungsschere“, in der die Bevölkerung stark wächst (Phase 2).

    Mit wachsendem Wohlstand und der Urbanisierung treten Konsumwünsche in den Vordergrund, die sich ohne Kinder leichter realisieren lassen. Außerdem sorgt die gute medizinische Versorgung dafür, dass die Säuglingssterblichkeit zurückgeht und viele Kinder nicht mehr notwendig sind. Dadurch gleicht sich die Geburtenrate der niedrigen Sterberate an (Phase 3).

    Genau diesen demographischen Übergang haben Industrienationen wie Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert durchlebt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchsen die Geburtenraten stark an, ehe sie sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem heute niedrigen Niveau einpendelten. Heute tragen die Industrienationen noch kaum zum Bevölkerungswachstum bei. Während Europa fast ein ganzes Jahrhundert für den demographischen Übergang brauchte, wurde dieser in China in wenigen Jahren vollzogen. Außerdem muss die Ausgangszahl der Bevölkerung in Phase 1 bedacht werden, der heute in den Entwicklungsländern um ein Vielfaches höher ist als in Europa im 19. Jahrhundert. Nun müssen Lösungsansätze gefunden wurden, dass die Bevölkerungsschere auch in diesen Ländern schnell geschlossen werden kann.

    Bereits 1798 hat der Ökonom Thomas Malthus Katastrophen vorausgesagt, falls die Bevölkerungsexplosion nicht gestoppt werden kann. Er glaubte, dass „die Nahrungsmittelproduktion mit dem enormen Bevölkerungswachstum nicht mithalten“ könne. Die Katastrophe ist bisher nicht eingetreten, da durch den Einsatz von Maschinen, Hochertragssorten und Pestiziden die Produktion erhöht werden konnte. So hat sich die Menschheit zwischen 1950 und 2000 zwar verdoppelt, aber die Nahrungsmittelproduktion verdreifacht. Allerdings gilt das nicht für alle Regionen der Welt, denn in Afrika stagniert die Nahrungsmittelproduktion seit Jahren. Noch nie gab es so viele hungernde Menschen wie heute, und auch der Klimawandel macht den Anbau schwieriger. Laut Schätzungen der Uno muss die Nahrungsmittelproduktion bis 2030 um 75 Prozent gesteigert werden, um die wachsende Bevölkerung zu ernähren. Ob das gelingen kann, darf bezweifelt werden.

    Deutschland hat den demographischen Übergang längst hinter sich gelassen. Seit 1972 sterben mehr Menschen als geboren werden. Auch in Zukunft wird es in Deutschland immer mehr ältere Menschen geben, und die erwerbsfähigen Altersjahrgänge werden kleiner. Zurzeit bringt eine deutsche Frau 1,4 Kinder zur Welt, aber 2,1 Kinder wären notwendig, um die Bevölkerung in ihrer Größe zu halten. Für die arbeitende Bevölkerung bedeutet das höhere Sozialabgaben, da bis 2050 100 Arbeiter auf 125 Rentner kommen werden. Eine Umkehr ist kaum abzusehen, denn selbst wenn die deutschen Frauen morgen mehr Kinder gebären würden, würde es Jahrzehnte dauern, um die vergangen Jahre auszugleichen. Eine afrikanische Frau bringt im Vergleich durchschnittlich 4,9 Kinder zur Welt.

    Damit ist Deutschland nach dem Drei-Phasen-Modell in der dritten und letzten Phase. Afrika hingegen ist am Übergang zwischen Phase 1 und Phase 2. Nur wenige afrikanische Gesellschaftsschichten haben es bereits in Phase 3 geschafft. Einige NGOs fordern nun, dass Deutschland mehr Migranten aufnehmen muss, da die Bevölkerung in Deutschland ohnehin schrumpft. Dies scheint aufgrund der aktuellen Entwicklungen in Europa aber absolut unmöglich, denn selbst eine fortgeschrittene Industrienation wie Deutschland, kann unmöglich eine Milliarde Afrikaner aufnehmen. Außerdem läuft Deutschland damit Gefahr, den errungenen Wohlstand zu verlieren.

    Viel mehr muss daran gearbeitet werden, dass die Bevölkerungsschere in den Entwicklungsländern schneller geschlossen werden kann. Dazu müssen die internationalen Förderungen für diese Regionen besser eingesetzt und vor allem kontrolliert werden. Besonders wichtig ist die Stärkung der Stellung und der Handlungsfähigkeit der Frau, damit auch die Frau über die Größe der Familie mit entscheiden darf. Die Säuglingssterblichkeit in diesen Regionen muss verringert werden, denn vorher sind die Menschen nicht bereit, weniger Kinder zu haben. Außerdem muss der Zugang zum Bildungssektor gesichert werden, damit sich diese Regionen zu Industrienationen entwickeln können.

    In Deutschland gibt es in den nächsten Jahren bestimmt Probleme aufgrund der Geburtenrate, doch es darf nicht vergessen werden, dass Deutschland knapp 200 Jahre brauchte, um den demographischen Übergang zu vollziehen. Die Bevölkerung muss dabei unterstützt werden, dass sie trotz der zahlreichen Konsumwünsche genügend finanzielle Mittel hat, um auch mehrere Kinder zu haben. Womöglich gibt es dann auch eine Phase vier in dem Modell, wo trotz niedriger Säuglingssterblichkeit, niedriger Sterberate und hohen Konsumwünschen die Geburtenrate steigt.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    NGOs, Sozialpolitik, Soziales, Wachstum, Überbevölkerung, Europa, Westen, Asien, Afrika, Erde, Deutschland