13:18 15 November 2018
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    Szene mit einem Troll aus dem Theaterspiel Der standhafte Zinnsoldat

    Jag’ den „Russen-Troll“: Wer Russland piesackt, ist ein Held. Der Rest muss sitzen

    © Sputnik / Wladimir Fedorenko
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    Wladimir Kornilow
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    Umfangreiche antirussische Stimmen und Kreml-Forscher feiern einen „historischen Sieg“ – in Europa werden „prorussische Trolls“ zu Haftstrafen verurteilt.

    In Helsinki wurde gegen Ilja Janitschkin, Chefredakteur der finnischen Webseite MV-Lehti, und den oppositionellen Politologen Johan Bäckman, der sich auf den Schutz der Rechte von Kindern und russischen Eltern in Finnland spezialisiert hat, ein Strafurteil gefällt.

    Der bekannte Russland-Kritiker William Browder, der in Abwesenheit in Russland wegen Betrug und Steuerhinterziehung verurteilt wurde, spricht von einem „starken Präzedenzfall“.

    Da dieses Urteil sicher für großes Aufsehen sorgen wird, werden westliche Analysten und Experten uns erzählen, dass diese finnischen Staatsbürger angeblich nicht wegen ihrer politischen Ansichten verurteilt wurden. Doch man sollte sich die Titel der westlichen Artikel ansehen, um zu verstehen, dass dem nicht so ist: „Finne wird wegen prorussischer Hasskampagne gegen Journalist verurteilt“; „Finne wird wegen prorussischer Online-Hasskampagne zu Haftstrafe verurteilt“; „Gefängnis für Troll. Gründer prorussischer Webseiten in Finnland verurteilt“. „Prorussisch“, „kremltreu“ – das ist wohl der wichtigste Vorwurf, dabei löste die Wendung „Prorussischer Hass“ kaum bei jemandem Erstaunen aus.

    Worin besteht denn die „prorussische“ Position der Verurteilten? Der Finne Ilja Janotschkin (sein Vater stammt aus Russland, seine Mutter ist Finnin) ist Gründer der Webseite MV-Lehti, die die finnischen Behörden wegen der Migrations- und Pro-Nato-Politik kritisiert. Seine Webseite wurde im Frühjahr 2015 bekannt, als er eigene Recherchen über eine Vergewaltigung durch mehrere Einwanderer aus Somalia in Tapanila aufnahm. Damals stieg die Zahl der Besucher seiner Webseite auf 800.000 Menschen pro Woche, was für Finnland sehr viel ist.

    Die Webseite war skandalös, viele finnische Politiker sprachen von der Entfachung von Hass gegen Einwanderer. Doch die Webseite wurde immer populärer und beeinflusste stark die öffentliche Meinung. Sie konnte kaum als „kremltreu“ bezeichnet werden. Laut der Organisatorin des Boykotts der Webseite, Hanna Huumonen, ist diese Bezeichnung damit zu erklären, dass die Webseite „nie etwas Schlechtes über Russland schreibt“. Das Fehlen von schlechten Worten über Russland bringt laut der Aktivistin der Sozialdemokratischen Partei auf „gewisse Gedanken“. Die Schlussfolgerung lautet also: „Wenn man über Russland nichts Schlechtes schreibt, gilt man bereits als kremltreu und wird sicher vom Kreml finanziert.“

    Die finnische Polizei organisierte selbst den Prozess gegen die Webseite von Janitschkin. Nach der Festnahme befasste sie sich mit der Suche nach „der russischen Spur“ bei der Finanzierung der Webseite. Allerdings wurde keine gefunden.

    Anlass für die Klage gegen Janukowitsch war der Skandal um die finnische Journalistin Jessika Aro, die eine Hetzkampagne gegen „russische Trolls“ in Finnland organisierte, zu denen ihr zufolge nicht nur Janitschkin, sondern auch der finnische Menschenrechtler Johan Bäckman gehören. Ihre Arbeitsmethoden sind, gelinde gesagt, zweifelhaft. So bezeichnet sie ein Videointerview mit einem Menschen, der als „Mitarbeiter einer russischen Trollfabrik in St. Petersburg“ vorgestellt wurde, als ihre größte Errungenschaft bei der Entlarvung der „Trolls“. In dem Video ist ein schlecht übersetzter Mensch zu hören, der sagt, dass er laut Vertrag keine Details seiner Arbeit darlegen darf.

    Klar sorgte das Interview für zahlreiche Witze im Netz, darunter auf der Webseite MV-Lehti. Dort wurden Aros Personaldaten veröffentlicht, wonach sie angeblich Drohungen aus Russland, Kasachstan und der Ukraine erhalten hat. Zudem veröffentlichte die Webseite MV-Lehti Materialien des Strafverfahrens, das einst wegen illegaler Aufbewahrung und Gebrauch verbotener Substanzen gegen Aro eingeleitet worden war. Zudem wurde sie mehrmals bei der Verbreitung von Fakes erwischt.

    Auf der einen Seite ist die Offenlegung von Personaldaten tatsächlich zu verurteilen. Doch auf der anderen Seite ist es merkwürdig, Kritik seitens jener zu hören, die die Offenlegung von Personaldaten russischer Staatsbürger begrüßen, die im Westen als GRU-Agenten bezeichnet werden.

    Janitschkin wurde zu 22 Monaten Haft verurteilt. Bäckman bekam ein Jahr auf Bewährung und eine Geldstrafe von 100.000 Euro. Bäckmans Hinzuziehung zu dem Prozess gegen Janitschkin ist ein eindeutiger politischer Akt. Der Politologe und Menschenrechtler sagte:

    „Ich wurde dem Prozess hinzugefügt, um zu zeigen, dass Janitschkin und MV-Lehti angeblich mit Russland verbunden sind, obwohl ich nicht im Zusammenhang mit der Webseite stehe. Bereits 2016 wurde MV-Lehti mit fast 1,5 Millionen Besuchern pro Woche zur populärsten Webseite, weshalb sie von Pro-Nato-Ressourcen verfolgt wurde.“

    Bäckman ist in Russland wegen seiner Aktivitäten zum Schutz der Rechte von Kindern aus Familien russischer Herkunft bekannt. Er führte einen Auszug aus der Anklageschrift an: „Ich übergab Ende März 2015 für Aro eine kleine Gipskopie des so genannten Bronzenen Soldaten, der sich in Estland befindet. Das Denkmal wurde in Tallinn zu Ehren der sowjetischen Soldaten errichtet und ist mit der russischen Besetzung Estlands verbunden. Die Umsetzung des Denkmals führte 2007 zu großen Unruhen in Tallinn. Angesichts der militärischen Symbolik dieses Denkmals meint das Gericht, dass Aro dieses Geschenk als Drohung aufnahm. Diese Schlussfolgerung wird nicht davon beeinflusst, dass Aro es zunächst mit Ironie aufgefasst hatte.“

    Also ist ein kleiner Gips-Soldat eine Drohung. Aber ständige Beleidigungen von Bäckman sind keine Drohung. Der finnische Menschenrechtler schlug früher Alarm wegen öffentlicher Beleidigungen ethnischer Russen durch den finnischen Journalisten Tuomas Muraja. Doch wie wir sehen, sind Beleidigungen von Russen kein Verbrechen in Finnland, ein Verbrechen ist es, „prorussisch zu sein“. Eine derartige Herangehensweise wird wohl immer populärer in Europa. So tauchte in Dänemark vor kurzem ein Gesetzentwurf auf, laut dem jenen zwölf Jahre Haftstrafe drohen sollen, die „die gesellschaftliche Meinung beeinflussen, wenn ihre Position mit der des Kremls übereinstimmt“.

    Das Ziel solcher Beschlüsse und Gesetzentwürfe ist klar – Journalisten, Experten und Wissenschaftler sollen eingeschüchtert werden. Das erlebte bereits Bjorn Nistad von der Universität Oslo, der der Meinung ist, dass er wegen positiver Äußerungen über die Politik Russlands entlassen wurde. Jetzt ziehen es norwegische Wissenschaftler vor, darüber nicht laut zu sprechen, sonst kann man seinen Job verlieren, so Nistad.

    Eine finnische Aktivistin, die gegen den Nato-Beitritt Finnlands ist und ungenannt bleiben wollte, sagte, wie Aro einst selbst eine Hetzkampagne gegen Andersdenkende führte: „Diese Journalistin machte Karriere, indem sie einfache Finnen als ‚Kremltrolls‘ bezeichnete, darunter auch mich. Ich würde sagen, dass Janitschkin tatsächlich ein Islam-Hasser ist, doch Jessika Aro ist eine Verbreiterin von russlandfeindlicher Propaganda.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

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    Tags:
    Hetze, Objektivität, Trollfabrik, Russophobie, Journalisten, GRU, Twitter, Facebook, NATO, Westen, Europa, Dänemark, Kasachstan, Finnland, USA, Russland, Ukraine