22:57 17 November 2018
SNA Radio
    Das Gebäude des US-Kongresses in Washington

    „Das goldene Barrel“: USA wollen Ölmarkt zum Einsturz bringen

    © AFP 2018 / Saul Loeb
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Natalja Dembinskaja
    1221191

    Die Ölpreise ziehen kontinuierlich an und könnten im kommenden Jahr die Marke von 100 US-Dollar übersteigen. Wahrscheinlich wird das Wachstum damit nicht enden, prophezeit der saudische Energieminister Khalid Al-Falih.

    Grund ist die andauernde Unbestimmtheit bei Öllieferungen auf dem Weltmarkt, der bis zu drei Millionen Barrel pro Tag verlieren könnte. Die Saudis warnen, dass sie diese Menge nicht ausgleichen können. Warum die Ölpreise auf das Niveau von 2008 steigen und ob das für Russland vorteilhaft ist, lesen Sie in diesem Artikel.

    Der iranische Faktor

    Der Anstieg der Ölpreise wird durch die Erwartung neuer Iran-Sanktionen und den Rückgang der Lieferungen aus anderen Ländern angekurbelt. Die drastischen US-Sanktionen gegen Teheran, darunter bezüglich des Exports von Energieträgern, treten am 4. November in Kraft. Die Länder, die am Handel mit dem Iran festhalten, werden von sekundären Strafmaßnahmen betroffen sein.

    Experten warnen: Ein starker Rückgang des iranischen Ölexports, des drittgrößten OPEC-Produzenten, könnte ernsthafte Erschütterungen auf dem Weltmarkt zur Folge haben.

    Kommende Verluste

    Nach OPEC-Angaben belief sich die Fördermenge des Irans im vergangenen Jahr auf 3,87 Millionen Barrel pro Tag. Nach früheren Einschätzungen hätte der Ölmarkt bis zu 1,5 Millionen Barrel iranisches Öl pro Tag verlieren können. Jetzt befürchten die Marktteilnehmer allerdings doppelt so hohe Verluste.

    Allerdings ist bislang unklar, in welcher Größenordnung iranisches Öl dem Markt fehlen wird. „Wir werden das in etwa einem Monat erfahren. Dann werden wir eine klarere Vorstellung davon haben, was im ersten Quartal des nächsten Jahres zu erwarten ist“, sagte ein Ölhändler.

    Sind die größten Hersteller bereit, den Wegfall des iranischen Öls zu kompensieren? Saudi-Arabien gab bereits zu, dass seine Möglichkeiten äußerst begrenzt sind.

    Angebotsdefizit

    „Bei Bedarf können wir auch auf bis zu zwölf Millionen Barrel pro Tag gehen. Doch wenn drei Millionen Barrel vom Markt verschwinden, können wir diese Menge nicht kompensieren, weshalb man die Vorräte einsetzen muss“, so Al-Falih.

    Auch Russland würde es kaum schaffen, das Defizit auszugleichen – die Fördermenge ist ohnehin fast auf dem maximalen Niveau.

    Wie der iranische Ölminister Bidschan Sangane sagte, haben weder Russland noch Saudi-Arabien freie Kapazitäten, um mehr Öl als Ersatz für die iranischen Lieferungen zu fördern.

    Die Situation wird auch durch den Konflikt zwischen den USA und Saudi-Arabien wegen des Mordes an dem Journalisten Jamal Khashoggi erschwert. Trump übte Kritik an Riads Ermittlungen zu diesem Mordfall und schloss Sanktionen gegen die Verantwortlichen nicht aus.

    Nichts Gutes

    „Die aggressive und unberechenbare US-Politik, die Versuche, alles sofort an sich zu reißen, ohne auf die Partner und die eigenen langfristigen Interessen Rücksicht zu nehmen, führen zu solchen Schwankungen, doch sie sind objektiv für niemanden vorteilhaft, auch für Russland nicht“, so der stellvertretende Direktor des Instituts für Öl- und Gasprobleme der Russischen Akademie der Wissenschaften, Alexej Mastepanow.

    Auf der einen Seite sind hohe Ölpreise gut für den Staatshaushalt. Jetzt werden alle Mehreinnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft (alles was höher ist als der im Haushalt fixierte Wert von 40,8 Dollar pro Barrel) als Reserve angelegt. Doch es gibt auch eine Kehrseite.

    „Hohe Werte destabilisieren den Markt, der Erhalt von viel Geld innerhalb von einem bzw. zwei Monaten wird von einem Fall in den anschließenden sechs Monaten begleitet“, so Mastepanow.

    Für die Wirtschaft sind nicht die hohen Werte, sondern das Niveau wichtig, auf dem die Preise lange bleiben. Das Problem besteht darin, dass die zu erwartenden 100 Dollar pro Barrel nicht mit der Marktsituation gerechtfertigt werden – weder von der Nachfrage noch vom Angebot. Das ist das Ergebnis der Geopolitik und der Handlungen Washingtons, die auf die Zerstörung des Gleichgewichts auf dem Ölmarkt abzielen.

    Bei starken Schwankungen treten die Mechanismen der Konkurrenzwirtschaft in Kraft. Importeure wollen das Öl nicht zu einem unangemessen hohen Preis kaufen und werden nach einer Alternative suchen.

    „Je teurer Öl ist, desto stärker ist das Streben nach einem Ersatz. Das könnten Schieferöl, Gas, Elektroautos werden. Je höher der Preis ist, desto aktueller werden Alternativen. Im Ergebnis wird die Nachfrage sinken, deswegen werden auch die Preise nach unten gehen“, sagte Sergej Chestanow, Berater des Generaldirektors von „Otkrytije Broker“.

    Wie viel würde ausreichen?

    Als wirtschaftlich begründetes Niveau gilt die Spanne von 65 bis 80 Dollar. Dieses Niveau ist auch für die russische Wirtschaft am besten, weil dies die Entwicklung der Nichtrohstoff-Branchen fördert. Zudem können damit die früheren Fehler nicht wiederholt werden. Eine andere Sache ist, dass von Russland derzeit nicht viel abhängt.

    „Leider kann Russland objektiv die aktuellen destabilisierenden Prozesse kaum beeinflussen. Wichtig ist, sie zu verstehen und sich darauf vorzubereiten“, so Mastepanow.

    Ein Rückgang auf 40 Dollar wäre auch wirtschaftlich nicht gerechtfertigt, allerdings kann das Experten zufolge angesichts der US-Politik nicht ausgeschlossen werden.

    * Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Ölförderung, Barrel, Ölpreis, Sanktionen, Dollar, OPEC, Rick Perry, Donald Trump, Hassan Rohani, Alexander Nowak, Nahost, Iran, USA, Russland