22:52 17 November 2018
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    USA geben Gas im Handelskrieg gegen China: US-Börsen haben Angst

    © REUTERS / Brendan McDermid
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    Maxim Rubtschenko
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    In den USA befinden sich die Aktienkurse weiter auf Talfahrt, nachdem Präsident Donald Trump erklärt hat, alle Importwaren aus China könnten mit Zöllen belegt werden.

    Warum Investoren in Übersee Angst vor der Entschlossenheit des Weißen Hauses haben und welche Möglichkeiten für Russland die neue Phase des Handelskriegs zwischen Washington und Peking eröffnen könnte — darüber schreibt Sputnik in diesem Beitrag.

    „Wir werden gewinnen“

    Ein neuer Wachstumsversuch der US-Börsen nach dem Absturz in der vorigen Woche ist gescheitert – diesmal wegen der neuen Drohungen Trumps gegen China.

    Am Anfang war die Dynamik der Börsenindizes Dow Jones, S&P 500 und Nasdaq positiv. Aber als die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg berichtete, Washington könnte Importzölle für absolut alle Waren aus China einführen, löste das  einen raschen Sinneswandel an der Börse aus. Die Indizes gingen wieder nach unten, und der Tag wurde im roten Bereich abgeschlossen.

    Selbst die Erläuterung, die Importzölle würden nur dann eingeführt, wenn die für den 30. November in Argentinien angesetzten Verhandlungen Donald Trumps mit seinem chinesischen Amtskollegen Xi Jinping am Rande eines G20-Gipfels erfolglos bleiben sollten, konnte die Investoren nicht beruhigen.

    Das Problem ist, dass Washington mit dem „Erfolg der Verhandlungen“ nur die Situation meint, wenn Peking alle seine Forderungen erfüllen und unter anderem sein Programm zur High-Tech-Entwicklung aufgeben würde. Aber dass die Chinesen so etwas akzeptieren würden, ist äußerst unwahrscheinlich.

    Zumal Trump dazu neigt, die Gespräche von der Position der Stärke heraus zu führen. In einem Interview für Fox News sagte er, er würde im Streit mit Peking „gewinnen“ und ein attraktives Abkommen erzielen.

    „Das wird passieren, wir werden gewinnen“, versprach der Staatschef und ergänzte, dass China die US-Wirtschaft „austrocknen“ wolle.

    Konkurrenz beseitigen

    Praktisch gleichzeitig informierte das US-Handelsministerium über das Verbot der Produkte des chinesischen Unternehmens Fujian Jinhua, und zwar „aus Sicherheitsgründen“.

    „Fujian Jinhua will neue Kapazitäten für die Produktion von Integralschaltungen für Laufzeitspeicher mit wahlfreiem Zugriff (DRAM) in Betrieb nehmen“, erläuterte die Behörde.

    In Washington fürchtet man nämlich, dass die Chinesen amerikanische Hersteller von ähnlichen Produkten vom Markt verdrängen könnten, die übrigens in der Rüstungsindustrie aktiv sind.

    „Dass Jinhua auf die ‚schwarze Liste‘ gesetzt wurde, wird diese Firma dabei behindern, die Lieferanten von Komponenten für unsere Militärsysteme zu bedrohen“, unterstrich der Handelsminister Wilbur Ross.

    Pearl Harbor
    © AP Photo / The Honolulu Advertiser/ Dennis Oda
    Durch die Schließung des US-Marktes für Fujian Jinhua schützt das Handelsministerium die Firma Micron Technology Inc. vor der chinesischen Konkurrenz. Allerdings zeigt Washington damit laut Bloomberg, wie es künftig gegenüber chinesischen Unternehmen vorgehen wird, die High-Tech-Produkte in die USA liefern.

    Peking reagiert auf solche Handlungen der Amerikaner entsprechend: Im Juli, nachdem dem Mobilfunkanbieter China Mobile der Zugang auf den amerikanischen Markt verboten worden war, untersagte das städtische Gericht von Fuzhou provisorisch den Verkauf von Chips, die von Micron Technology Inc. hergestellt werden. Jetzt wird das Verbot wahrscheinlich unbefristet verlängert und zudem im ganzen Reich der Mitte gelten.

    Postbombe

    In der vorigen Woche kündigte Washington einen neuen Schlag gegen Peking an: Trump will aus einem internationalen Abkommen aus dem Jahr 1844 austreten, das die Tarife für die Postzustellung regelt. Dieser Vertrag, an dem aktuell 192 Länder beteiligt sind, sieht eine Tarifsenkung für die internationale Beförderung von Postpaketen vor.

    In Washington glaubt man, dass China dank diesem Abkommen den US-Markt mit billigen Verbrauchsgütern „überflutet“ und amerikanischen Herstellern schadet.

    Trumps Berater Peter Navarro, einer der größten „Falken“ in der jetzigen US-Administration, hat sogar einen Beitrag für die „Financial Times“ geschrieben und erzählt, wie chinesische Firmen per Internet (Amazon, Alibaba usw.) Amerikanern minderwertige gefälschte bzw. imitierte Waren verkaufen. Zudem müssen die Chinesen für die Warenbeförderung weniger zahlen als amerikanische Lieferanten innerhalb der USA. Navarro zufolge kostet die Zustellung eines 1,5 Kilogramm schweren Postpakets aus China nach Amerika etwa fünf Dollar, während amerikanische Firmen „zwei bis vier Mal so viel“ zahlen müssen, um ein ähnliches Paket aus Los Angeles nach New York zu schicken, so Trumps Berater.

    Yuans „Soft Power“

    Die Strategen in Washington rechnen damit, dass die Beschränkungen für Fujian Jinhua und die mögliche Tariferhöhung für Postpakete aus China Xi Jinping beim Gipfel in Argentinien nachgiebig machen werden.

    Dabei erklärte man in Peking immer, dass man sich  einen solchen Ton der Amerikaner nicht gefallen lasse und immer angemessene Gegenmaßnahmen finden werde, falls sich Washington feindselig verhalten sollte.

    Jetzt bemühen sich die Chinesen um die Milderung des negativen Effekts der  Importzölle in Übersee durch die Abwertung des Yuans gegenüber dem US-Dollar. Dann wird der Export noch günstiger und der Import unannehmbar teurer. Und dadurch wird der positive Handelssaldo der Volksrepublik immer größer.

    Am Dienstag schwächte die chinesische Nationalbank wieder den Yuan-Wechselkurs, der jetzt bei 6,96 Yuan für einen Dollar (Rekordtief seit 2008) liegt.

    Und seit den ersten Zöllen für chinesische Waren in Übersee, die im April verhängt wurden, ist der Yuan gegenüber dem Dollar um fast elf Prozent billiger geworden.

    Das Schlimmste kommt noch

    Vor einem solchen Hintergrund sind die Erfolgschancen des bevorstehenden amerikanisch-chinesischen Gipfels gleich null – und das bereitet den US-Unternehmen große Kopfschmerzen.

    Die in diesem Sommer gegründete Bewegung „Republikaner gegen Tarife“ hat Vertreter von mehr als 200 Unternehmen (unter anderem Caterpillar, Electrolux, FIAT-Chrysler, Ford,  GE, GM usw.) befragt, wie sie die Folgen des Handelskriegs für ihre Firmen sehen. Und sie alle beklagten sich über Verluste in Höhe von Dutzenden und Hunderten Millionen Dollar – und warnten, dass sie deswegen ihre Produktion kappen und Arbeitsplätze abschaffen müssten.

    Und das wäre noch das „positive“ Szenario. Im schlimmsten Fall müsste man nach Auffassung des Chefs der weltweit größten Verwaltungsgesellschaft BlackRock, Laurence Fink, nach Mitteln zwecks Ankurbelung der Wirtschaft suchen, und der Volksrepublik würde einfach keine andere Wahl bleiben als seine US-Staatsanleihen zu verkaufen.

    Mit Stand von Ende Juli besaß Peking amerikanische Schuldverschreibungen für fast 1,2 Billionen Dollar. Falls es sie auf den Markt bringen sollte, würde in Amerika eine nie dagewesene Wirtschaftskrise ausbrechen, warnte Fink.

    Sicherer Hafen

    Experten finden indes, dass es im Handelsstreit Chinas und der USA den lachenden Dritten gibt, und zwar Russland. Russische Unternehmen lösen schon jetzt die Amerikaner auf dem chinesischen Agrar- und Energiemarkt ab. Und ein Absturz des Aktienmarktes in den USA könnte Investoren zwingen, ihre Mittel ausgerechnet nach Russland zu richten.

    Morgan Harting vom Investmentfonds AllianceBernstein verwies darauf, dass Aktien in den Schwellenländern seit dem Jahresanfang fast 20 Prozent ihres Wertes verloren haben, obwohl sich das Gewinnwachstum auf zweistellige Zahlen belaufe.

    Dem Experten zufolge wird dieser Trend auch im kommenden Jahr konstant bleiben. Dadurch entstehen „riesige Möglichkeiten“ für den Kauf von russischen Aktien, insbesondere der Konzerne Lukoil, Tatneft und anderer Öl- und Gasunternehmen.

     * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Energiemarkt, Handelsstreit, Handelskrieg, Agrarindustrie, Gasförderung, Gaslieferung, Dow Jones, Ford, Chrysler, Weißes Haus, US-Handelsministerium, General Motors (GM), Ratingagentur Standard & Poor’s, G20, Wilbur Ross, Donald Trump, Xi Jinping, USA, China