18:17 20 November 2018
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    SDF-Soldaten und ein US-Soldat (l.) in Syrien (Archiv)

    Syrien im Visier der Türkei und der USA – Mittendrin die Kurden

    © AFP 2018 / Delil souleiman
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    Karin Leukefeld
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    Im „Großen Spiel“ um Syrien ist noch kein Ende in Sicht. Verschiedene Spieler versuchen weiter, ihre Karten im Spiel zu halten und ihre Ziele noch zu erreichen. Dazu gehört die Türkei ebenso wie die USA. Aber auch die syrischen Kurden mischen weiter mit. Der erste Teil einer Analyse von Karin Leukefeld beschäftigt sich mit der Türkei und den USA.

    Gemeinsam patrouillieren syrische Kurden mit US-Truppen entlang der syrischen Grenze zur Türkei. Nichts habe sich an der Zusammenarbeit geändert, betonte ein Sprecher der US-geführten „Anti-IS-Allianz“. Die Besuche von Militärs und gemeinsame Patrouillen seien nicht verstärkt worden. Für die syrischen Kurden der Volksverteidigungseinheiten (YPG/YPJ), den führenden Einheiten der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), ist die Kooperation hingegen ein deutliches Zeichen in Richtung der Türkei.

    Die kurdischen Einheiten hatten auf Angriffe der türkischen Armee seit Ende Oktober politisch und militärisch  reagiert. Sie kündigten weitere Vergeltungsschläge an, sollten die türkischen Truppen ihre Angriffe nicht einstellen. Die USA laviert zwischen dem NATO-Partner Türkei und den „Partnern“ der „Anti-IS-Koalition“ in Syrien. Weitere Konflikte sind vorprogrammiert.

    Die Erdogan-Vision

    Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nutzte das „Vier-Staaten-Treffen“ von Russland, Frankreich, Deutschland und Türkei in Istanbul Ende Oktober für eine klare Ansage. Er setzte die syrisch-kurdische „Partei der demokratischen Union“ (PYD) mit der Terrororganisation „Islamischer Staat im Irak und in der Levante“ (IS – arabische Abkürzung: Daesh) gleich. Schon am nächsten Tag griffen türkische Einheiten an.

    Erdogan, der seit Jahren von einem neuen osmanischen Reich unter seiner Führung träumt, zeigte sich entschlossen: „Um diese beiden Terrororganisationen an ihrem Ursprungsort zu vernichten, haben wir die Operationen Euphrat und Olivenzweig verwirklicht. Insgesamt wurden dadurch 7500 Daesh- und PYD-Terroristen neutralisiert und 4000 Quadratkilometer Land vom Terror befreit.“ Die Türkei habe „die Städte Afrin, Dscharābulus und al-Bab in Syrien befriedet“, heute gäbe es dort „Sicherheit und Frieden.“ Mehr als 260.000 Syrer seien in das Gebiet zurückgekehrt. Über das Schicksal von Tausenden vertriebenen syrischen Kurden aus Afrin sprach Erdogan nicht.

    Die Grenze zwischen Türkei und Syrien dürfe kein Zufluchtsort für „irgendwelche Terrorgruppen“ werden, die „unter dem Deckmantel der Bekämpfung des Terrors irgendwelche De-facto-Situationen“ schafften. Die Türkei werde „im Westen des Euphrats (ebenso wie) im Osten des Euphrats die Gefahren und Bedrohungen gegen unsere nationale Sicherheit in ihrem Ursprung bekämpfen und vernichten.“ Man werde bis zur Grenze mit dem Irak vorrücken.

    Historische Spuren

    Erdogan fügte noch eine Formel hinzu, die er bereits beim Vormarsch auf Al Bab (2016) und beim Einmarsch nach Afrin (2018) benutzt hatte. Er wolle „das Land seinen ursprünglichen Bewohnern zurückgeben“, so der türkische Präsident.  Gemeint sind vermutlich Turkmenen und andere muslimische Gruppen, für welche sich die Türkei auch im Norden des Iraks als Schutzmacht ausgibt.

    Tatsächlich hat das syrisch-türkische Grenzgebiet ebenso wie der Norden des Irak vor der im britisch-französischen Sykes-Picot-Abkommen (1916) vereinbarten Aufteilung der arabischen Provinzen des Osmanischen Reiches in den letzten 10.000 Jahren eine Fülle verschiedener Herren gesehen. Könige und Reiche kamen und gingen, alle hinterließen ihre Spuren in dem nördlichen Bogen des „Fruchtbaren Halbmondes“.

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    Bis heute reich an Wasser ist die Jazira, wie das nördliche Land zwischen Euphrat und Tigris genannt wird, seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch reich an Öl und Gas. Hier liegt eine der größten Kornkammern Syriens, die feinste Baumwolle wird hier geerntet. Die unterschiedlichsten Religions- und Volksgruppen leben seit Jahrtausenden hier und sind kulturell und traditionell eng mit einander verwoben. Alle sind „ursprüngliche Bewohner“ der Jazira.

    Neue türkische Angriffe

    Erdogan will im „Großen Spiel“ um Syrien mitspielen. Mit seiner Vision, die Türkei zum 100-jährigen Bestehen 2023 zur regionalen und internationalen Großmacht aufzubauen, ist politische und geografische Expansion verbunden. Die Türkei soll als regionales Drehkreuz für Öl- und Gaslieferungen ausgebaut werden, kündigte Erdogan einen Tag vor dem „Istanbul-Treffen“ beim Besuch des deutschen Wirtschaftsministers Peter Altmaier an. Der zeigte sich erfreut und versprach – nicht nur im Öl- und Gassektor — für die Zukunft engere bilaterale Zusammenarbeit.

    Am Tag nach dem Gipfeltreffen in Istanbul  bombardierte die türkische Armee das syrisch-türkische Grenzgebiet. Tell Abiyad (kurdisch: Girê Spî) und Ain al-Arab (kurdisch: Kobanî) wurden angegriffen, Zivilisten und Kämpfer der Kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) wurden getötet. Zwei Journalisten der kurdischen Nachrichtenagentur ANHA (Hawar Nachrichtenagentur/Hasakeh) wurden – nach eigenen Angaben — vom türkischen Militär gezielt unter Beschuss genommen und verletzt.

    Kurdische Medien sind der Türkei ein Dorn im Auge. Nach Angaben von  „vertrauenswürdigen Quellen“ der kurdischen Nachrichtenagentur ANF sollen seit Beginn der Angriffe Ende Oktober rund 200 Dschihadisten aus Idlib, Afrin und Azaz mit türkischer Hilfe in die südosttürkische Stadt Urfa (kurdisch: Riha) gebracht worden seien. Die Kämpfer von Hay’at Tahrir al Sham, der ehemaligen Nusra Front, seien zur Tarnung auf andere Kampfverbände wie Ahrar al-Sham, Faylaq al Rahman verteilt worden. Ihr Auftrag sei, die kurdischen Stellungen und Orte nahe der türkisch-syrischen Grenzstadt Jarabulus anzugreifen, die von der Türkei und mit ihr verbündeten Kampfgruppen kontrolliert wird.

    Die USA laviert

    Die US-Armee, die mit den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG/YPJ) im Rahmen der SDF im Norden und Osten Syriens kooperiert, rückte demonstrativ zu gemeinsamen Patrouillen mit den SDF-Kräften an die syrisch-türkische Grenze vor. Sie setzte damit ein deutliches Zeichen gegen weitere militärische Provokationen der Türkei. Zwar sind die USA und die Türkei Verbündete in der Nato, die die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) als „Terrororganisation“ gelistet hat. Und obwohl die Nato seit 2011 den „Regime-Change“ in Syrien verfolgt, liegen die Interessen von Türkei und USA in der Region doch heute anders.

    Die USA hat 2014 ein Bündnis mit der PKK und der PYD, deren syrischer Schwesterpartei, geschlossen, um diese als Bodentruppen und „Partner“ im „Anti-IS-Kampf“ zu integrieren. Keine Gruppe erwies sich als besser ausgebildet, mehr kampfeswillig und —erfahren und mehr diszipliniert als die – von PKK-Kommandeuren ausgebildeten — kurdischen Volksverteidigungseinheiten. Selbst die von der CIA in der Türkei ausgebildeten Kampfgruppen konnten den kurdischen Kämpfern und Kämpferinnen nicht standhalten.

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    Die USA will damit mehrere Ziele erreichen: die Bekämpfung des IS, die Kontrolle über den ressourcenreichen Osten und Norden Syriens, den Bau von Militärbasen in diesem Gebiet, die Zurückdrängung des Iran, einem Verbündeten Syriens. Mit dem Entzug der Kontrolle Syriens über sein Territorium östlich des Euphrat meint Washington ein gewichtiges Pfand in der Hand zu haben, um langfristig den „Regime-Change“ in Damaskus doch umzusetzen. „Die USA und die (Anti-IS) Koalitionsstreitkräfte kontrollieren heute 30 Prozent des syrischen Territoriums und – damit verbunden – einen großen Anteil der Bevölkerung sowie der syrischen Ölquellen“, so US-Außenminister Rex Tillerson im Februar 2018 vor Journalisten in Kuwait.

    Türkische Reaktion

    Die Türkei wandte sich infolge dieser Entscheidung mehr und mehr Russland zu. US-Außenministerium und Pentagon nahmen den Zwist mit der Türkei in Kauf, der schließlich in zwei militärischen Invasionen der Türkei – „Euphrat Sturm“ (Al Bab) und „Olivenzweig“ (Afrin) gipfelte. Washington verhandelte mit Ankara und versicherte der Türkei die Bündnistreue, gleichzeitig aber gelangten mit US-Unterstützung neue Waffen und Geld an die SDF, die von den kurdischen Einheiten angeführt werden. Die SDF bestehe zu 50 Prozent aus Kurden und zu 50 Prozent aus Arabern, erklärte kürzlich US-Verteidigungsminister James Mattis bei einem Vortrag am US-Institut für Frieden.

    Mattis sprach über die Bündnisse und Partner der USA in ihrer aktuellen Nationalen Verteidigungsstrategie. Diese Strategie sieht eine enge zivil-militärische Zusammenarbeit vor, also gibt es auch Geld und Beratung für die kurdischen Medien und – über das US-Außenministerium und US-AID – für den Aufbau lokaler Verwaltungsstrukturen. Gefördert werden zudem Projekte, die die „Resilienz“, die Widerstandsfähigkeit der örtlichen Bevölkerung stärken sollen. Und sie gleichzeitig dem Rest des Landes entfremden sollen.

    Mit Brett McGurk und William Roebuck reisen zwei US-Sonderbotschafter durch die von syrischen Kurden kontrollierten Gebiete, McGurk als Beauftragter des Präsidenten für die „Anti-IS-Allianz“, Roebuck als Beauftragter des US-Außenministeriums. Letzterer erklärte im August 2018 beim Besuch von kurdischen Stellungen und Institutionen in Manbij, Kobanî und Shaddadah, die USA werde in Syrien bleiben. In oder bei diesen Orten unterhält das US-Militär Stützpunkte. Als die türkische Armee Ende Oktober bei Tall Abyad (kurdisch: Gîrê Spî) Zivilisten und Journalisten beschoss und verletzte, besuchte Roebuck sie im Krankenhaus

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    Tags:
    Bedrohungen, Gipfel, Terror, YPG, Demokratische Kräfte Syriens (SDF), NATO, Türkei, Syrien, USA