08:48 18 November 2018
SNA Radio
    Iranische Ölplattformen im Persischen Golf (Archivbild)

    Iran unter Druck: Wie reagieren die Ölpreise nach den US-Sanktionen?

    © REUTERS / Raheb Homavandi
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Natalja Dembinskaja
    30671

    Die Ölpreise haben auf die am 5. November in Kraft getretenen US-Sanktionen gegen den Iran mit einer Abwärtsbewegung reagiert.

    US-Präsident Donald Trump nannte die Restriktionen gegen Teheran „die schärfsten“ in der Geschichte. Allerdings kommt ein absolutes Embargo nicht infrage: Mehrere Länder dürfen weiterhin das „schwarze Gold“ bei der Islamischen Republik kaufen. Wird es auf dem globalen Ölmarkt bald einen Mangel geben, so dass die Preise wieder auf 100 Dollar pro Barrel steigen könnten? Sputnik analysiert die Situation in diesem Beitrag.

    „Zugeständnisse“ seitens Washingtons

    Die US-Sanktionen gegen Teheran hatten vor der Unterzeichnung des Gemeinsamen Allumfassenden Aktionsplans zum iranischen Atomprogramm im Sommer 2015 bereits ihre Wirkung gezeigt. Nun wurden sie wieder in Kraft gesetzt. Die Beschränkungen gelten für die Ölbranche, den Bankensektor, den Schiffbau und die Güterbeförderung mit Schiffen. Gegen die Länder, die weiterhin mit dem Iran handeln sollten, werden ebenfalls Sanktionen verhängt. Ausnahmeregelungen gelten nur für Griechenland, Indien, Italien, China (samt Taiwan), die Türkei, Südkorea und Japan. Sie alle können weiterhin Kohlenwasserstoffe im Iran kaufen. Diese „Zugeständnisse“ seitens Washingtons hatten einen überraschenden Effekt: Die Preise für die Ölsorte Brent sind gestern auf 71 Dollar pro Barrel gesunken.

    Dabei waren sie in den vergangenen Monaten gestiegen – im Vorfeld der Sanktionen. Die Marktteilnehmer blieben auch deshalb nervös, weil Saudi-Arabien erklärte, dass es die bevorstehenden Verluste auf dem Markt nicht ausgleichen könne.

    Welche Verluste drohen dem Markt?

    Analysten verweisen darauf, dass die Situation um den Iran nach wie vor sehr verworren bleibe. Washington verlange eine Preissenkung, tue aber alles dafür, dass dies nicht passiere.

    „Die Sanktionen gegen den Iran und Venezuela könnten potenziell etwa drei Millionen Barrel Öl pro Tag ‚wegräumen‘. Aber die USA selbst, Saudi-Arabien und Russland haben die Ölförderung seit dem Jahresanfang um mehr als 2,5 Millionen Barrel pro Tag aufgestockt“, sagte der Analyst Andrej Kotschetkow (Open Broker). „Dementsprechend bleibt der Markt ausbalanciert, und ein großes Defizit wird es nicht geben.“

    „Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass Unternehmen aus den Ländern, die nicht auf die Sanktionsliste gesetzt wurden, als Vermittler beim Absatz des iranischen Öls agieren werden“, sagte ihrerseits Natalja Miltschakowa (Alpari). „Das Öl wird also iranisch sein, aber als Exporteure werden keine iranischen, sondern beispielsweise chinesische Firmen auftreten.“

    Preis steigt

    Damit werden die Ölpreise mittel- und langfristig steigen, auch wenn auf dem Markt keine akute Defizitgefahr besteht: Sie werden nämlich von der wachsenden Nachfrage nach dem „schwarzen Gold“ bei geringerem Angebot hochgetrieben werden.

    Die internationalen Ölproduzenten könnten die Förderung höchstens um zwei Millionen Barrel pro Tag aufstocken, was aber eine sehr geringe Reserve sei – so weit sind sich viele Branchenkenner einig.

    Das Unterpfand für die große Ölnachfrage ist die in letzter Zeit schwächelnde chinesische Wirtschaft, denn das Reich der Mitte ist ein sehr wichtiger Importeur auf dem globalen Markt. Der Verlauf der Handelsverhandlungen zwischen Washington und Peking lässt hoffen, dass sie einen richtigen Handelskrieg und den Einsturz der chinesischen Wirtschaft vermeiden werden (das hätte sehr schlimme Folgen für die globale Nachfrage).

    „Die Seiten zeigen in letzter Zeit die Bereitschaft zu einem konstruktiven Dialog“, stellte Andrej Wernikow (Zerich Capital Management) fest. „Sie wollen offenbar ihrem Handelskonflikt mit minimalen Verlusten ein Ende setzen.“

    Näher an der Realität

    Laut den Prognosen der Bank of America Merrill Lynch könnte der Ölmangel auf dem Weltmarkt die Preise auf 100 Dollar pro Barrel hochtreiben.

    Qassem Soleimani
    © AP Photo / Office of the Iranian Supreme Leader
    Ähnliche Erwartungen haben auch Experten von Goldman Sachs. Der Chef des französischen Energiekonzerns Total sagte, dass der Ölmarkt „in eine neue Welt eingetreten“ sei, wo sich die Geopolitik als wichtigster Einflussfaktor etabliere.

    Viele Branchenkenner bleiben aber konservativ. „Die Ölpreise könnten kurzfristig auf 75 bis 77 Dollar pro Barrel steigen, falls die Sanktionen nicht gemildert werden“, meint Wernikow.

    Sein Kollege Kotschetkow erwartet ebenfalls, dass das Öl zwischen 70 und 80 Dollar kosten und damit ein relatives Gleichgewicht der Nachfrage und des Angebots widerspiegeln werde. Allerdings müssten die Marktteilnehmer auf Überraschungen gefasst sein.

    Die Gefahr besteht weiter

    „Durch den Ausschluss des Irans und Venezuelas aus dem Spiel hat die Ölindustrie gewisse Reservekapazitäten verloren“, fuhr er fort. „De facto würde jede Ausnahmesituation zu einem wahren – und nicht vermeintlichen – Defizit führen.“

    Deshalb ist ein Szenario, bei dem die Ölpreise 100 Dollar pro Barrel erreichen könnten, durchaus wahrscheinlich. Allerdings wären solche „Höchstmarken“ für die Wirtschaft nicht nötig – wichtig  ist, wie konstant das Niveau bleiben wird. Für „wirtschaftlich begründet“ halten die meisten Experten eine Spanne zwischen 65 und 80 Dollar pro Barrel. Und das wäre auch für die russische Wirtschaft besonders günstig, denn dann müsste sich Moskau um die Entwicklung jener Wirtschaftsbranchen kümmern, die nicht mit der Ölförderung verbunden sind, ohne seine Fehler aus der Vergangenheit zu wiederholen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Handelskrieg, Gefahr, Folgen, Ölpreis, US-Sanktionen, Sanktionen, Dollar, Goldman Sachs, OPEC, Donald Trump, Saudi-Arabien, Nahost, USA, Iran