01:16 12 Dezember 2018
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    Hatice Cengiz, Braut vom ermordeten saudischen Journalisten Jamal Chaschukdschi

    Chaschukdschi-Mord: Welche Rolle spielte die Braut des saudischen Journalisten?

    © REUTERS / Dylan Martinez
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    Xenia Melnikowa
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    Der Mord am saudischen Journalisten Dschamal Chaschukdschi im Generalkonsulat Saudi-Arabiens in Istanbul hat die ganze Welt schockiert. Eine der wichtigen Fragen: die Rolle der Braut des Journalisten, die er nur ein halbes Jahr vor seinem Tod kennenlernte.

    Der Leichnam wurde zunächst zerstückelt und anschließend in Säure aufgelöst. Laut Ankara steckt Riad hinter dem Verbrechen. Genauere Details im Fall des getöteten Journalisten sind nicht bekannt.

    „Ein letztes Mal bist du mit mir“

    „Wegen schlafloser Nächte hat Hatice Cengiz dunkle Ringe unter den Augen. Sie erinnert sich ständig an das Gesicht ihres Freundes, bevor er ins Gebäude des Konsulats ging, um die erforderlichen Papiere für die Hochzeit zu bekommen. Jetzt wird sie aus Sicherheitsgründen ständig von zwei türkischen Polizisten begleitet. Sie selbst ist sehr erschrocken“, wurde die Braut des ermordeten saudischen Journalisten in der Presse beschrieben.

    Die 36 Jahre alte Frau kann nach eigener Auskunft weder schlafen noch essen. „Ich fühle mich nicht mehr am Leben. Seine letzten Worte waren – ‚gut, meine Liebe‘, danach drehte er sich um und ging in Richtung des gelben Gebäudes.“

    Um Dschamal Chaschukdschi zum Konsulat begleiten zu können, versäumte sie eine Veranstaltung an der Universität, wo sie promoviert. Im Taxi sprachen sie über ihre Zukunft und machten Pläne für den Abend – zu einem Abendessen wurden Verwandte und Freunde erwartet. Nach einigen Angaben sollte die Hochzeit am nächsten Tag stattfinden.

    Die Geschichte einer Liebe

    Chaschukdschi lernte Hatice Cengiz auf einer Konferenz im Mai in Istanbul kennen. Die Doktorandin interessierte sich für die Golf-Staaten, darunter den Oman. Den bekannten saudischen oppositionellen Journalisten, der in die USA geflohen war, kannte sie schon lange, weshalb sie gerne zu seinen Lesungen ging. Sie stellte als eine der ersten eine Frage und kam nach der Veranstaltung zu einem Gespräch zu ihm. Sie sprachen etwa eine halbe Stunde miteinander.

    Nach einigen Tagen schrieb sie an den Journalisten und bedankte sich für das angenehme Gespräch. „Sie schrieben einander, danach trafen sie sich, nach einigen Monaten beschlossen sie zu heiraten“, sagt ihr enger Freund Fatih Oke.

    Die Familie der Frau verhielt sich ziemlich distanziert zu dieser Nachricht. Besonders skeptisch war der Vater gestimmt, vor allem wegen des Altersunterschieds von 23 Jahren. Doch als Dschamal Chaschukdschi im September zusammen mit einem befreundeten Übersetzer beim Vater vorstellig wurde, um um die Hand seiner Tochter zu bitten, stimmte dieser der Hochzeit zu.

    „Der Altersunterschied ist kein Problem. Die Beziehung zwischen Dschamal und Hatice ist nicht einfach eine Beziehung zwischen Mann und Frau. Das ist eine Seelenverwandtschaft, zwei Intellektuelle. In solchen Fällen spielt das Alter keine Rolle“, sagte Oke.

    Um die Türkin heiraten zu können, brauchte Dschamal eine Scheidungsurkunde – er hatte sich von der früheren Ehefrau getrennt, nachdem sie sich weigerte, zusammen mit ihm aus Saudi-Arabien in die USA zu fliehen. Der Journalist wandte sich an eine diplomatische Vertretung in den USA, doch er wurde nach Istanbul geschickt.

    Nach der Ankunft in Istanbul kaufte Chaschukdschi zuerst eine luxuriöse Wohnung und möblierte sie bereits. In seiner letzten SMS an seine Braut schrieb er: „Das Haus ist genauso schön wie seine Herrin.“

    Ende September ging er erstmals in das Generalkonsulat, wo er wider Erwarten nett empfangen wurde. Der Journalist wurde höflich gebeten, nach einer Woche wiederzukommen – am 2. Oktober um 13.00 Uhr. „Einmal sagte er überraschend, vielleicht sollte er dort überhaupt nicht mehr hingehen. Er befürchtete, dass etwas mit ihm passieren könnte. Doch dann entschied er sich doch, dorthin zu gehen“, sagte Hatice.

    Eine Woche nach seinem Tod stellte Hatice ein Foto ins Internet, das im Sommer gemacht worden war. Die Verliebten lachen, man sieht, dass sie glücklich sind. Unter einem Video Dschamal Khashoggis schrieb sie: „Sie nahmen dich physisch aus dieser Welt. Doch dein schönes Lachen wird immer bei mir bleiben, mein Liebling.“

    Zu viele Fragen

    Am Tag des Verschwindens des Journalisten wurde seine Braut, die der türkischen Polizei berichtet hatte, dass er nicht mehr aus dem Konsulatsgebäude herausgekommen war, verhört.

    Danach wurde sie noch einige Male zum Gespräch einbestellt. Laut einer Quelle aus dem Umfeld der Ermittlungen in diesem Mordfall hatte die türkische Polizei auch Fragen zu Hatice Cengiz selbst. „Sie tauchte wie aus dem Nichts auf. Sie war ziemlich bodenständig und konservativ, suchte aber als erste nach einem Treffen mit ihm, anschließend entwickelte sich die Beziehung sehr schnell. Ein älterer Mann, der eine viel jüngere Frau heiraten wollte, lief von einem Konsulat in ein anderes, um die Genehmigung für die Hochzeit zu bekommen. Wusste sie nicht, dass das gefährlich war? Auch ihr Äußeres (…). Sie fällt durch ihre Halstücher und Brillen auf. Wenn sie beides abnimmt und sich etwas schminkt, sieht sie ganz anders aus und wird kaum erkannt.“

    Dabei wird gegen Hatice offiziell keine Anklage erhoben, es bestehen keine Verdachtsmomente. In der Türkei habe es Gerüchte gegeben, dass sie in Verbindung mit den Muslimbrüdern (in Russland, Bahrain, Ägypten, Syrien, Saudi-Arabien und VAE als Terrororganisation eingestuft) stehe, so die Quelle.

    Zudem sorgen auch Worte von Chaschukdschis Sohn für Verdächtigungen: Er sagte, dass die Familie des Journalisten in Saudi-Arabien nichts von der türkischen Braut wusste.

    „Sie sagte selbst, dass er eine schlechte Vorahnung hatte. Doch er ging trotzdem. Eine wichtige Rolle spielten dabei wohl konservative Traditionen. Sie war wohl erst nach der Hochzeit bereit, mit ihm zusammenzuleben. Angesichts der Tatsache, in welchem Umfang und wie kostspielig die Operation zur Beseitigung des Journalisten war, kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Drahtzieher Personen in sein persönliches Umfeld schleusten, die ihn in eine Falle locken sollten. Bei dieser Variante passt eine Liebesgeschichte gut, die den Mann zu heroischen Taten drängt“, so die Quelle. Auf der anderen Seite könnte die ganze Entwicklung mit einer Verkettung von gewissen Umständen erklärt werden.

    Liebe und Kampf

    Hatice Cengiz selbst gibt keine Kommentare. Einige Zeit nach dem Tod des Journalisten gab sie ein Interview für führende amerikanische und türkische Medien, doch danach schaltete sie ihr Handy aus. „Sie tauchte im Fernsehen auf, machte eine bestimmte Botschaft an türkische und saudische Behörden und verschwand dann wieder“, sagen ihre Bekannten.

    Fatih Oke hat Hatice Cengiz nach dem Drama nur zweimal gesehen. „Sie ist sehr bedrückt, verlässt nur sehr selten das Haus“, so Oke.

    Sie sagte im Fernsehen, dass Dschamal davon geträumt habe, einmal wieder nach Saudi-Arabien zurückzukehren, durch die Straßen Medinas zu laufen, wo er geboren wurde und aufgewachsen war, sich mit Freunden zu treffen. Ihr zufolge fühlte er sich sehr einsam im Exil.

    „Ich bin von ihm begeistert – von seiner Weisheit, Entschlossenheit, wichtige politische Themen in der Region, wo wir leben, zu behandeln. Uns vereinigte die Liebe zu Demokratie, Menschenrechten und Meinungsfreiheit – das sind die grundlegenden Prinzipien, für die er immer kämpfte“, schrieb sie in einem Artikel für „The New York Times“. „Hätte ich gewusst, dass es der letzte Augenblick sein wird, in dem ich ihn sehe, wäre ich da selbst hineingegangen“, so Hatice.

    Laut Fatih Oke hatte Chaschukdschi viele Pläne. „Er wollte ein Programm für junge Reporter im Nahen Osten, Bildungsprojekte in dieser Region und Veranstaltungen für die Expertengemeinschaft starten. Jetzt versuchen wir, eine Möglichkeit zu finden, diese Projekte ohne ihn umzusetzen“, so der Freund des Journalisten.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Braut, Geheimnis, Mord, Journalist, Ermittlung, Dschamal Chaschukdschi, Istanbul, Türkei, Saudi-Arabien