17:21 15 Dezember 2018
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    Geldwechsel auf den Straßen von Teheran

    Moskau oder Washington? Wer EU tatsächlich zur Dollar-Abkehr zwingt

    © AFP 2018 / Atta Kenare
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    Iwan Danilow
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    In den westlichen Finanzmedien sind in der vergangenen Woche Berichte über die begonnene Entdollarisierung in Russland aufgetaucht. Demnach sind in diesen Prozess nicht nur Staaten und Unternehmen involviert, die dabei freiwillig mitmachen wollen, sondern auch jene Partner Russlands, die lieber abseits der Währungskriege geblieben wären.

    Die Opfer der russischen Anti-Dollar-Kampagne müssen sich nun bei den britischen Medien anonym darüber beklagen und die klassische Frage „Und warum wir?“ stellen. Wenn es so weiter geht, könnte man feststellen, dass die russische Entdollarisierungs-Kampagne des Welthandels folgendes informelles Motto hat: „Wenn du es nicht kannst, helfen wir, wenn du es nicht willst, zwingen wir dich“. Ein wichtiger Aspekt – denn diesmal wird der Prozess in den zwei wohl sensibelsten Handelsbereichen gefördert, nämlich bei den Energieträgern und Waffen.

    Präsident Wladimir Putin sprach sich mehrmals für die Unterstützung dieses Prozesses aus und verlautbarte sogar, wenn es zum Verzicht auf die Nutzung des US-Dollars als wichtigste Währung beim Ölhandel komme, dem Dollar schwere Zeiten als universelle Währung bevorstünden. Man sollte sich an die zahlreichen Entdollarisierungsprogramme erinnern, die im Informationsfeld in den letzten Monaten auftauchten, und feststellen, dass diese Aufgabe von großer staatlicher Bedeutung ist und die Anstrengungen zu ihrer Lösung auf der staatlichen Ebene unterstützt werden. Nun sind die ersten Anzeichen dafür, dass  staatliche Unternehmen beziehungsweise Firmen mit deutlichem staatlichem Einfluss an dieser Aufgabe arbeiten, zu erkennen.

    Reuters berichtet: „Russische Großenergieunternehmen setzen die Ölabnehmer unter Druck, indem sie Euro statt Dollar bei Zahlungen fordern, und legen in den Verträgen Strafen für Käufer fest. Denn Moskau sucht nach Schutz vor möglichen neuen Sanktionen vonseiten der USA“.

    Wenn Verträge in Euro bezahlt werden, würde selbst die vollständige Abschaltung vom Dollar-Finanzsystem nicht die Finanztätigkeit der russischen Ölexporteure beeinflussen. Strafmaßnahmen sind für jene Käufer notwendig, die aus Angst vor möglichen US-Einschränkungen nicht für Öl zahlen beziehungsweise die im Vertrag festgeschriebenen Mengen nicht abnehmen wollen. Den Europäern wird de facto das „take or pay“-Prinzip aufgedrängt.

    Besonders interessant an dieser Geschichte ist,  dass damit die vorherrschende Meinung der Experten völlig entkräftet wird, der zufolge die Versuche der Entdollarisierung zu einer Katastrophe, zu einer wirtschaftlichen Isolierung Russlands sowie zur Verwandlung des Landes in eine Art Venezuela führen werden. Es heißt, russisches Öl würde nicht mehr gekauft und Russland keinen Zugang mehr zu Hightech- und Medikamenten-Importen haben.

    Eine brennende Dollar-Banknote (Symbolbild)
    © Depositphotos / SergeyNivens

    Nach Angaben der Agentur Reuters setzen russische Exporteure ihre westlichen Partner unter Druck, die nicht protestieren, sondern aus einem einfachen Grund einknicken müssen – Russland ist zwar kein Monopolist auf dem Ölmarkt, doch die Ersetzung Russlands als Lieferant mit seinen Mengen ist entweder zu teuer, zu schwierig, oder überhaupt unmöglich. Besonders unter Bedingungen, bei denen ein bedeutender Bereich der europäischen Ölraffinerie auf russisches Öl ausgerichtet ist.

    Britische Journalisten beschreiben die Situation mit Begriffen, die keine große Hoffnung lassen, dass alles wie früher bleibt:

    „Alle großen internationalen Ölkonzerne stützen sich auf russische Lieferungen an ihre Raffinerien, besonders in Europa und Asien. Deswegen können sie einfach nicht auf den Vertrag verzichten, wenn ihnen neue Bedingungen bei der jährlichen Revision der Vertragsbedingungen nicht passen. Laut Ölhändlern laufen die Verhandlungen mit Gazpromneft und Surgutneftegaz sehr schleppend und schmerzhaft. Einige westliche Abnehmer gingen auf Kompromisse ein, andere führen weiter schwierige Gespräche mit den Ölförderern“.

    Der Entdollarisierungsprozess hat eindeutig begonnen. Ähnliche Maßnahmen bezüglich Hedgieren der Währungs- und Sanktionsrisiken werden von Rosneft unternommen. Das bedeute, dass es sich nicht um isolierte Initiativen, sondern um eine allgemeine Tendenz zur Änderung der Währungskonstellation im russischen Export handle, so Reuters.

    Das bedeutet zwar nicht, dass weiter alles einfach sein wird, doch man sollte sich daran erinnern, dass selbst der längste Weg mit einem Schritt beginnt.

    Den Weg der Entdollarisierung geht auch Gazprom, allerdings nun bezüglich der Finanzierung. In den letzten Monaten platzierte der Ölriese, ohne für großes Aufsehen der Medien zu sorgen, eine große Menge Eurobonds. Dabei steht in den Bedingungen, dass Zahlungen in Euro, Rubel und anderer Währung erfolgen können. Das ist ein wichtiges Moment. Denn die Amerikaner rechneten 2014 damit, die russischen Unternehmen mit dem Dollar zu erwürgen, hätten sie keinen Zugang zum Dollar beim Bezahlen der Schulden gehabt. Nun, falls auch Gazprom plötzlich vom Dollar-System abgeschaltet wird, kann das Unternehmen für Bonds in Euro, Rubel beziehungsweise in einer anderen Währung zahlen. Da seine Bonds von westlichen Banken aktiv erworben wurden, stimmen sie diesen Bedingungen zu. Rentabilität hat keine Nationalität.

    Am meisten sind die westlichen Partner nicht über jene besorgt, die Russland zur Arbeit in alternativer Währung auf dem Energiemarkt bewegt, sondern über die Länder, die sich selbst trotz der drohenden Sanktionen der USA an Russland wenden. Als Indien zur Umgehung des US-Finanzsystems einen Liefervertrag für S-400-Systeme in Rubel unterzeichnete, wurde das als Doppel-Niederlage der US-Diplomatie wahrgenommen. Denn erstens scheiterte die Androhung von US-Sanktionen wegen Ankaufs russischer Waffen und zweitens zahlte Neu-Delhi in einer anderen Währung.

    Doch das war erst der Beginn. Laut CNBC-Quellen sind trotz drohender US-Sanktionen weitere 13 Staaten am Erwerb russischer Flugabwehrsysteme interessiert. Ein weiteres Problem für die USA ist, dass sie nicht die Konten der Käufer russischer Waffen abschalten können. Denn sie könnten dann dem Beispiel Indiens folgen und in Rubel zahlen, was zudem die Deals für omnipräsente US-Finanzaufklärung undurchsichtig macht. Zu den Ländern gehören unter anderem Saudi-Arabien, der Irak, Vietnam, Marokko. Wenn sie bereit sind, auf das Risiko einzugehen und bei Washington große Verärgerung auszulösen, dann haben die Vereinigten Staaten tatsächlich große Probleme mit der Aufrechterhaltung der Finanz- und Militärhegemonie in der Welt.

    Der Prozess hat zwar erst begonnen, jedoch ist er nicht mehr zu stoppen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Entdollarisierung, Welthandel, US-Sanktionen, Energiemarkt, Kampagne, Drahtzieher, Dollar, Euro, Rubel, EU, Europa, USA, Russland