02:32 12 Dezember 2018
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    US-Marineinfanteristen beim Nato-Manöver Trident Juncture 2018

    Schwere Waffen, harte Jungs: Was sonst noch los war beim Nato-Manöver in Norwegen

    © AFP 2018 / Jonathan Nackstrand
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    Andrej Koz
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    Okay, dass das „Trident Juncture“-Manöver der Nato in Norwegen mit 50.000 Mann, zahllosen Fahrzeugen, hunderten Flugzeugen und vielen Schiffen wirklich gewaltig war, dürften inzwischen alle mitbekommen haben. Sehr viel spannender ist das, was die Öffentlichkeit nicht weiß – und vielleicht auch gar nicht wissen soll.

    Raten Sie mal, wie viele Vorfälle es gegeben hat zwischen dem Vorbereitungsstart für das Großmanöver und dessen Ende. 412 Zwischenfälle, die eine Gefahr für die Infrastruktur und die Umwelt des Gastgeberlandes darstellten, wurden gezählt. Hinzu kommen 51 Beschwerden der einheimischen Bevölkerung.

    Dass es sich dabei um keine Lappalien handelte, zeigen allein schon die 30 Verkehrsunfälle mit Beteiligung der Nato-Kräfte, die in Norwegen gezählt wurden.

    Am 23. Oktober etwa kam es zwischen den Gemeinden Tydal und Röros an der norwegisch-schwedischen Grenze zu einem Auffahrunfall innerhalb einer Marschkolonne der US-Armee. Amerikanische Fahrer hatten auf der vereisten Fahrbahn den Abstand zu vorausfahrenden Lastwagen nicht eingehalten.

    Drei Fahrzeuge fuhren ineinander, vier weitere Lkw stürzten in den Straßengraben und kippten um, als die Fahrer versuchten, dem Vordermann auszuweichen. Vier US-Soldaten wurden schwer verletzt und mussten mit einem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Die Landstraße war für mehrere Stunden gesperrt.

    Damit nicht genug: Nur wenige Stunden später rammte ein Armeegeländewagen einen Bus in einem norwegischen Dorf. Der Busfahrer wurde verletzt.

    Weitere Opfer forderte der „Straßenkrieg“ der Nato am 3. November, als in der Provinz Hedmark ein schwedischer Schützenpanzer einen Bus auf der Gegenspur erfasste. Zwei weitere Panzer gerieten beim Ausweichversuch von der Fahrbahn ab, vier Soldaten wurden verletzt und mussten ins Krankenhaus gebracht werden. Der norwegische Bus wurde schwer beschädigt.

    US-Soldaten während der Übungen Trident Juncture 2018
    © REUTERS / Capt. Kylee Ashton/U.S. Air Force

    Sehr viel schlimmer erwischte es einen Bundeswehrsoldaten: Am. 9. November wurde ein Obergefreiter des Gebirgsjägerbataillons 232 in der norwegischen Gemeinde Holtälen von einem Pkw überfahren. Laut norwegischen Medien passierte der Unfall zu später Stunde, als der Soldat eine Straße überquerte. Er war auf der Stelle tot.

    Was außer den Verkehrsunfällen beim „Trident Juncture“-Manöver auch in Erinnerung bleibt, sind die zahlreichen Technikpannen der Nato.

    Am 17. Oktober stürzte ein französischer NH90-Hubschrauber auf dem Hubschrauberträger „Dixmude“ ab. Das Schiff war unterwegs nach Norwegen. Einzelheiten zum Unfallhergang sind nicht bekannt.

    Es heißt lediglich, der Hubschrauber habe zu hart aufgesetzt. Die Besatzung des NH90 konnte sich selbst aus dem Wrack befreien. Jedoch wurden vier Matrosen an Deck der „Dixmude“ schwer verletzt und mussten im Krankenhaus behandelt werden.

    Eine Woche später, am 24. Oktober, hatten die Amerikaner mit großen Problemen auf See zu kämpfen. Das Docklandungsschiff „Gunston Hall“ hatte es nicht geschafft, einen Sturm im Nordmeer zu umfahren. Wegen hohen Wellengangs wurde ein 140 Tonnen schweres Landungsboot im Schiffsdock aus der Halterung gerissen.

    Das Landungsboot wurde hin und her geworfen, das Mutterschiff schwer beschädigt, Dutzende Besatzungsmitglieder und Marines wurden verletzt. Die schweren Technikschäden konnten während der Fahrt nicht behoben werden, also wurde die „USS Gunston Hall“ zur Reparatur nach Reykjavik eskortiert. Einen Tag vor dem Manöverstart war das Schiff außer Gefecht.

    Zwischenfälle ereigneten sich auch bei der kanadischen Marine. Innerhalb von drei Tagen erwischte es zwei Fregatten: Am 26. Oktober brach im Motorraum einer Halifax-Fregatte ein Feuer aus. Die Besatzung bekam das Feuer schnell unter Kontrolle, eine Gasturbine wurde leicht beschädigt.

    Am 29. Oktober geriet eine weitere Fregatte der gleichen Klasse vor der britischen Küste außer Kontrolle. Weil eine Strommaschine ausgefallen war, trieb das Schiff steuerlos auf See, bis es der Besatzung gelang, das Problem zu beheben.

    Den Crews der beiden Schiffe gebührt jedenfalls Respekt: Dank des gekonnten Eingreifens der Besatzungen konnten die Fregatten nach den Vorfällen doch noch am Manöver teilnehmen.

    Weniger Glück hatte bekanntlich die norwegische Fregatte „Helge Ingstad“. Am 8. November kollidierte das Kampfschiff mit einem Tanker, schlug Leck und bekam Schlagseite. Acht Matrosen wurden verletzt, die übrige Besatzung konnte rechtzeitig evakuiert werden.

    Die versunkene norwegische Fregatte KNM Helge Ingstad
    © REUTERS / Jakob Ostheim/ Norwegian Coastal Administration/ Handout

    Rettungsschlepper hatten die Fregatte auf eine Sandbank gezogen, um ein weiteres Absinken zu verhindern. Dennoch ist die „Helge Ingstad“ gesunken. Es ist geplant, den Havaristen zu bergen und in einen Hafen zur Reparatur zu schleppen.

    Als ein besonders harter Gegner der Nato hat sich – für manchen Verantwortlichen überraschend – der norwegische Frost erwiesen. Beim „Trident Juncture“ stellte sich heraus, dass längst nicht alle Truppen der Allianz auf Minusgrade vorbereitet sind. Vier Mal sei Kriegstechnik wegen Kälte ausgefallen, teilte Nato-Generalsekretär Stoltenberg am vergangenen Dienstag mit.

    Ein sehr besonderes Problem für die Nato-Soldaten ist die fehlende Winterkleidung. Viele sollen sich über Schuhe und Uniformen beschwert haben, die keinen Schutz vor der norwegischen Kälte und Feuchtigkeit boten.

    Die niederländische Verteidigungsministerin Barbara Visser etwa musste einräumen, ihr Ministerium habe gar nicht erwartet, dass es in Norwegen so kalt werden würde. Niederländische Soldaten waren ganz ohne Wintermontur nach Norwegen geschickt worden …

    Aber: Wer von den Soldaten selbstständig Winterkleidung gekauft habe, bekomme die Kosten natürlich erstattet, versicherte die Politikerin.

    Und dann gab es noch den ganz normalen Wahnsinn eines Großmanövers. Natürlich ist ein multinationales Truppenkontingent nicht der beste Nachbar für die Zivilbevölkerung in Friedenszeiten. Bauernfelder, die durch Panzerketten „umgepflügt“ wurden, entwurzelte Bäume, kaputte Zäune und Strommäste – das alles sind die Spuren, die die Nato in Norwegen hinterlassen hat.

    Und dann ist da noch das Problem mit der Notdurft: Einheimische beschwerten sich mehrmals bei der Nato-Führung über Soldaten, die die Vorgärten und Straßen norwegischer Dörfer als Toilette missbrauchten. Aber vielleicht sind die Norweger auch selber schuld. Beim nächsten Nato-Manöver müssen halt an jeder Ecke Dutzende Dixi-Klos aufgestellt werden.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Pannen, Fregatte, Militärübung, Unfall, Opfer, Fregatte Helge Ingstad, Manöver Trident Juncture, U.S. Navy, Bundeswehr, NATO, James Foggo, Jens Stoltenberg, Norwegen, Schweden, Deutschland, USA