07:51 10 Dezember 2018
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    Übung der US-Armee für den Fall eines Atomangriffs (Archivbild)

    Gut gerüstet für den Ernstfall? Wozu USA Folgen von Atomangriff auf Städte prüfen

    © Foto: U.S. Air Force/ Tech. Sgt. Robin Meredith
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    Andrej Koz
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    Bei einem großen Waffenkonflikt würden die Vereinigten Staaten unverhältnismäßig schwere Verluste erleiden. Zu diesem Ergebnis kommt ein Ausschuss im US-Kongress, der über die nationale Verteidigungsstrategie beraten hat. Alarmierend ist demnach, dass in den USA die Technik fehlt, um im Atomkrieg die Strahlengefahr für die Bevölkerung zu messen.

    Sicher, solche Horrornachrichten kommen aus Washington oft und dienen meist dazu, eine Erhöhung der Rüstungsausgaben zu rechtfertigen. Aber es fällt schon auf, dass die Amerikaner in jüngster Zeit immer häufiger darüber nachdenken, was passieren könnte, sollte ihren Rivalen im Konfliktfall ein Gegenschlag gelingen.

    So haben mehrere US-Behörden – darunter das Gesundheitsministerium – kürzlich eine Studie in Auftrag gegeben, um die Folgen einer radioaktiven Verseuchung nach einem Kernwaffenangriff für die US-Bevölkerung einzuschätzen. Laut den Spezialisten gibt es in den USA keine geeignete Methode, um zu prognostizieren, welcher Strahlendosis die Zivilbevölkerung in den USA in einem Atomkrieg ausgesetzt sein würde.

    In den letzten 30 Jahren seien vor allem die Auswirkungen von Atomtests erforscht worden. In zahlreichen Schlüsselbereichen fehlten die nötigen Daten aber.

    „Mehr noch. Es fehlen Fachleute, die die nötigen Untersuchungen abschließen und die Ergebnisse veröffentlichen könnten. In den Vereinigten Staaten leben ein oder zwei Spezialisten, die dazu fähig wären, aber sie sind längst berentet“, heißt es in der Studie.

    Ein solcher unzureichend erforschter Bereich sei die „Dosimetrie der inneren Verstrahlung“. Das ist der Wissenschaftszweig, der unter anderem Messmethoden entwickelt, um ermitteln zu können, welcher Strahlendosis ein Mensch durch die Aufnahme radioaktiver Teilchen im Ernstfall ausgesetzt sein würde.

    Was womöglich nach Theorie klingt, hat eine ganz praktische Bedeutung: Bei einer Kernwaffenexplosion über einer Metropole wird ein großes dichtbesiedeltes Gebiet von radioaktivem Niederschlag bedeckt. Die Trinkwasserquellen werden unbrauchbar. Das Risiko, tödlich verstrahlt zu werden, wenn man nur ein Glas Wasser trinkt, steigt enorm.

    Bei einer großflächigen Strahlenverseuchung wird der Katastrophenschutz unter sehr schweren Bedingungen arbeiten müssen. Fehlt dann auch noch die Messtechnik, um schnellstmöglich festzustellen, wie groß die radioaktive Dosis ist, die ein Opfer abbekommen hat, wird es den Rettern einfach unmöglich, rechtzeitig Hilfe zu leisten.

    Laut dem US-Gesundheitsministerium ist dieses Problem bislang nahezu unbeachtet geblieben. Die Wissenschaft befasste sich hauptsächlich mit den Auswirkungen von Atomwaffentests, während das Militär mit der Entwicklung von Strahlenschutztechnik für eigene Zwecke beschäftigt war.

    So ist es dazu gekommen, dass Kernwaffenexplosionen an sich sehr tiefgehend erforscht sind. Bis 1963 hatten die Atommächte tausende Sprengköpfe in der Atmosphäre, im Wasser und am Boden gezündet: mit Hunderten Kilotonnen und Dutzenden Megatonnen Sprengkraft.

    Wissenschaftler und Fachleute vom Militär haben riesige Datenmengen erhalten, haben durch Feldversuche die Schwächen und Stärken von Atomwaffen ermitteln sowie entsprechende Schutzmaßnahmen entwickeln können.

    Am 1. März 1954 etwa zündeten die USA die Wasserstoffbombe „Castle Bravo“ auf dem Bikini-Atoll. Als Sprengstoff diente erstmalig Lithiumdeuterid, umhüllt von einem Mantel aus abgereichertem Uran. Laut US-Quellen war die „Castle Bravo“ die schmutzigste Detonation in der Geschichte amerikanischer Kernwaffentests: Verseucht wurde ein 550 km langes und 100 km breites Areal.

    Der Wind hatte den radioaktiven Fallout schnell verbreitet: Nach nur siebeneinhalb Stunden wurden auf dem Rongdrik-Atoll, rund 240 Kilometer vom Epizentrum der Explosion entfernt, lebensgefährliche Strahlenwerte gemessen. Die 28 Angehörigen des US-Militärs, die sich dort aufhielten, wurden gefährlich kontaminiert und eilends evakuiert.

    Der radioaktive Niederschlag erfasste außerdem ein japanisches Fischereischiff, das sich in einer Entfernung von rund 170 Kilometern vom Bikini-Atoll befand. Die Besatzungsmitglieder waren einer Strahlendosis von je 300 Röntgen ausgesetzt und langfristig geschädigt. Einer von ihnen – der Bordfunker – verstarb ein halbes Jahr nach dem Vorfall. Das Unglück löste Massenproteste gegen Atomwaffentests in der ganzen Welt aus.

    Letztlich einigten sich die damaligen Supermächte USA und UdSSR auf einen Vertrag für das Verbot von Kernwaffentests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser. Die Atommächte Frankreich und China setzten jedoch bodennahe Kernwaffenversuche bis in die Siebziger- bzw. Achtzigerjahre fort.

    Die anderen Staaten, die den Vertrag unterzeichnet hatten, zündeten ihre Testbomben von da an unterirdisch. Erst seit dem 10. September 1996 gilt ein absolutes Kernwaffentestverbot. Nur Indien, Pakistan und Nordkorea haben sich diesem Vertrag nicht angeschlossen. Der bislang letzte Versuch fand denn auch in Nordkorea statt: Am 3. September 2017 zündete Pjöngjang einen Sprengsatz auf dem Testgelände Punggye-ri.

    Warum Washington ausgerechnet jetzt mehr über die Auswirkungen nuklearer Angriffe auf US-Städte wissen will, ist eine Frage, die zuallererst die Amerikaner selbst interessieren dürfte.

    Jedenfalls fand im vergangenen Oktober an der Georgetown University in der US-Hauptstadt ein Kurzversuch statt: Die Studenten wurden gefragt, wer von ihnen glaube, dass sie einen Atomkrieg noch unmittelbar erleben würden. Vor zehn Jahren hatten auf dieselbe Frage gerademal drei Stundenten die Hand gehoben – diesmal waren es 60 Prozent.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Atomtestgelände, Auswirkungen, Nuklearwaffen, Vorbereitung, Schutz, Atomkrieg, Bevölkerung, Atomwaffen, Punggyer-ri, Nordkorea, USA