16:40 16 Juni 2019
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    Übergriffe im Netz und auf der Straße: In Europa explodiert der Judenhass

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    Anton Skripunow
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    Ein Drittel der Juden, die in Europa leben, denken daran, wegzuziehen. Jüdische Verbände warnen vor ausuferndem Antisemitismus. Umfragen bestätigen, dass die Ängste begründet sind. Doch europäische Regierungen tun offenbar zu wenig gegen die zunehmende Judenfeindlichkeit.

    Der Schock nach dem Anschlag in Straßburg sitzt noch tief, da erschreckt eine andere Attacke die französische Stadt. In der vergangenen Woche haben Vandalen 37 jüdische Gräber mit Nazisymbolen beschmiert.

    Trotz der Zusagen der Behörden, die Schuldigen rasch zu fassen, sind die Grabschänder weiterhin auf freiem Fuß. Frankreichs Innenminister Christophe Castaner begnügt sich mit einer Floskel: „Wenn ein Ort des Gedenkens geschändet wird, wird die ganze Republik geschändet.“

    Keine Autostunde von Straßburg entfernt, auf der anderen Seite des Rheins – in Baden-Baden – ist die Lage hingegen überraschend entspannt. „Das hier ist eine sehr wohlhabende und ruhige Gegend. Mit Antisemitismus hatte ich bislang in keiner Form etwas zu tun“, sagt der örtliche Rabbiner Zeev Rubins.

    Der jüdische Geistliche hegt aber auch keine Illusionen, weil er immer häufiger antisemitische Kommentare in den sozialen Netzwerken sieht. Und nicht nur dort. Rubins ist aus Berlin nach Baden-Baden gezogen. „Ich lebte in einer Gegend mit vielen Migranten aus den muslimischen Ländern“, sagt er. „Dort kriegt ein Mensch mit einer Kippa, oder wenn er anderweitig als Jude zu erkennen ist, natürlich einen judenfeindlichen Spruch auf der Straße. Seit mehreren Jahren ist es schon so.“

    „Nicht beruhigend und nicht überraschend“

    Mit dieser Erfahrung ist der deutsche Rabbi nicht allein. Laut einer Umfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, die vor wenigen Tagen veröffentlich worden ist, sind rund 30 Prozent aller in der EU lebenden Juden im vergangenen Jahr Opfer von Übergriffen geworden. Und 85 Prozent halten den Antisemitismus für das „größte soziale und politische Problem“ in ihrem jeweiligen Land.

    Diese Studie ist übrigens die größte seit dem Beginn der Untersuchungen in Europa. Durchgeführt wurde die Umfrage unter den Juden aus zwölf europäischen Ländern, wo rund 96 Prozent aller europäischen Juden leben – natürlich in Deutschland und Frankreich, aber auch in den Nachbarländern Österreich, Belgien, den Niederlanden, Dänemark, Polen, Italien wie auch in Ungarn, Spanien, Schweden und Großbritannien.

    „Die Ergebnisse sind nicht beruhigend, aber auch nicht überraschend“, sagt Pinchas Goldschmidt, Vorsitzender der Europäischen Rabbinerkonferenz. „In den letzten Jahren hat die jüdische Gemeinschaft in Europa viele schreckliche Ereignisse erlebt, die für das Sicherheitsempfinden der Juden nicht ohne Folge bleiben konnten. Es geht dabei nicht nur um die physische Bedrohung, die von Extremisten ausgeht, sondern auch um die politische Situation und das Erstarken der rechtsradikalen Parteien.“

    Das bestätigt auch die Umfrage, die von der EU-Agentur für Grundrechte vorgenommen wurde: Wegen des zunehmenden Einflusses der AfD und der ungelösten Probleme mit den Migranten denken 44 Prozent der Juden in der Bundesrepublik darüber nach, das Land zu verlassen.

    „Ich denke, der einzige Ort, wo man hinfahren kann, ist Israel. Dort ist es auch nicht ganz sicher, aber zumindest ist man unter seinesgleichen. Andere Optionen erwägen wir gar nicht“, sagt Zeev Rabins aus Baden-Baden, Vater von zwei Kindern.

    Die AfD hat Anfang dieses Monats versucht, ihr Image aufzupolieren. Georg Pazderski, stellvertretender Bundesvorsitzender, sagte, das radikale Gedankengut werde von Menschen gefördert, die mit der Partei nichts zu tun hätten. Dass ihm das jemand glaubt, ist höchst unwahrscheinlich: Viel zu oft sind auf Massenveranstaltungen, die von der AfD organisiert werden, antisemitische Parolen zu hören.

    „Die Behörden haben die Lage nicht im Griff“

    Die jüdische Gemeinde in Europa muss mit den Bedrohungen offensichtlich aus eigener Kraft fertigwerden, ganz gleich, ob sie von rechts kommen oder von den Islamisten. Dass die Regierungen ihnen dabei helfen, glauben europäische Juden nicht.

    Laut der Umfrage der Agentur für Grundrechte finden 70 Prozent der Befragten aus den zwölf teilnehmenden Staaten, dass die Regierungen ihrer Länder nicht wirkungsvoll genug gegen den Antisemitismus vorgehen.

    Die jüdischen Gemeinden sind zunehmend darauf angewiesen, selbst für die eigene Sicherheit zu sorgen. „In Zürich etwa lebt eine Gemeinde von 7.000 Menschen. Dort sind 30 Mann rund um die Uhr damit beschäftigt, die Sicherheit zu garantieren. Der Staat sagt dabei: Ihr Juden seid reich, könnt das Problem mit der Sicherheit selber lösen. Wir finden, dass das falsch ist“, sagt Pinchas Goldschmidt. Laut der Europäischen Rabbinerkonferenz sind die Ausgaben der jüdischen Gemeinden für Sicherheit um mehr als ein Viertel gestiegen.

    „Die schwierige Situation in Europa liegt vor allem an den demografischen Verschiebungen. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl der Auswanderer aus den Ländern des Nahen Ostens in Europa vervielfacht. Der Antisemitismus geht vor allem von ihnen aus“, sagt Juri Kanner, Präsident des Russischen Jüdischen Kongresses.

    Dieser Verband hat eine Studie in Auftrag gegeben wie die der EU-Agentur für Grundrechte. Das Lewada-Zentrum hat Juden, die in Russland leben, nach ihrem Sicherheitsempfinden befragt.

    Demnach wurde der Einfluss antisemitischer Gruppen in Russland in den letzten Jahren als unwesentlich eingeschätzt. Die Angst russischer Juden, aus antisemitischen Motiven heraus angegriffen zu werden, sei gering, heißt es in der Studie. „Nur neun Prozent der Umfrageteilnehmer stellen diese Sorge bei sich fest.“

    Genau so niedrig ist laut der Umfrage auch der Anteil jener Juden, die im Alltag mit antisemitischer Gewalt konfrontiert waren – also mit Übergriffen im öffentlichen Raum, mit Vandalismus, Grabschändungen oder antisemitischen Parolen und Symbolen.

    Was die Soziologen als Grund zur Beunruhigung angeben, ist der Umstand, dass es heute deutlich weniger Russen gebe, die bereit seien, Juden- und Fremdenfeindlichkeit scharf zu verurteilen, als noch vor 25 Jahren.

    Die jüdischen Verbände in Russland sehen aber auch deutlich Positives: „Wenn der Staat seinen Kurs zur Bekämpfung von Antisemitismus beibehält und es keine nennenswerten demografischen und politischen Veränderungen gibt, dann glaube ich nicht, dass ein Erstarken des Antisemitismus möglich ist“, sagt Juri Kanner. „Ich schließe aber nicht aus, dass einige Gruppierungen versuchen, die antisemitische Karte auszuspielen, wie es in den Achtziger- und Neunzigerjahren war.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Judenhass, Gefahr, Antisemitismus, Juden, Partei Alternative für Deutschland (AfD), EU, Nahost, Europa, Straßburg, Deutschland, Russland