19:46 22 November 2019
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    Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko beim „Vereinigungskonzil“ der Ukrainischen Orthodoxenkirche in Kiew

    Ukraine: Kirche ohne Putin aber mit Poroschenko und USA?

    © REUTERS / Ukrainian Presidential Press Service/ Mikhail Palinchak/ Handout
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    Als Petro Poroschenko auf dem Sophienplatz in Kiew erschienen ist, haben die Glocken der Sophienkathedrale geläutet. Der Präsident schlängelte sich durch die Menge, in der nicht Kirchenfahnen, sondern ukrainische Flaggen zu sehen waren, und schüttelte den Versammelten die Hände.

    Die Menge rief: „Ruhm der Ukraine!“ „Ruhm den Helden“, antwortete Poroschenko und fühlte sich offensichtlich selbst wie ein Held: Noch mehrere Stunden und in der Ukraine wird eine autokephale Kirche gegründet. Das heißt eine „Kirche ohne Putin“.

    Das so genannte „Vereinigungskonzil“, das am 15. Dezember in Kiew stattfand, mutete eher wie eine Tragifarce als ein „historisches Ereignis“ an, wie Poroschenko es zu präsentieren versuchte. Keine der autokephalen orthodoxen Kirchen unterstützte diese Versammlung, weil sie nicht kanonisch war. Die einzige kanonische Kirche im Land, die die orthodoxe Welt anerkennt, ist die Ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats. Sie hat über 12.000 Gemeinden, mehr als die beiden religiösen Splittergruppen zusammen, auf deren Basis eine neue ukrainische Kirche gegründet wurde. Von der Ukrainischen orthodoxen Kirche nahmen an der Versammlung nur zwei der insgesamt 90 Bischöfe teil, die anderen boykottierten sie aus nachvollziehbaren Gründen.

    Ukrainische Kirche und englische Sprache

    Es ist bemerkenswert, dass das „Konzil“ das Oberhaupt der neuen Kirche in englischer Sprache mit Simultandolmetschen ins Ukrainische wählte: Höchstwahrscheinlich vertrauten die Vertreter des Patriarchats von Konstantinopel der ukrainischen Seite die Durchführung dieser Veranstaltung nicht an. Der Patriarch von Konstantinopel, Bartholomeos  I., selbst war nicht dabei: Er soll dem Oberhaupt der neugebackenen ukrainischen Kirche, dem Metropoliten Epiphanius, den Tomos (Erlass) über die Verleihung der kirchlichen Eigenständigkeit am 6. Januar in Istanbul übergeben. Poroschenko will mitreisen, immerhin war die ganze Geschichte mit der Autokephalie sein politisches Projekt.

    Zu wenig Gott, zu viel Politik

    Es besteht kein Zweifel, dass die Gründung einer nationalen Kirche in der Ukraine politisch motiviert war. Wenigstens die Tatsachen, dass Poroschenko im Präsidium der Versammlung saß und nach dem „Konzil“ in seiner Rede an die Ukrainer sehr wenig über Christus und das Evangelium und sehr viel über die Unabhängigkeit und das „Aggressor-Land“ sprach, weisen darauf  hin. Doch einmal erinnerte sich der ukrainische Präsident an Gott:

    „Was für eine Kirche ist das? Das ist eineKirche ohne Putin! Was für eine Kirche ist das? Das ist Kirche ohne Kirill! Was für eine Kirche ist das? Das ist eine Kirche ohne Gebet für die russische Führung und die russische Armee! Da die russische Führung und die russische Armee Ukrainer töten! Aber das ist eine Kirche mit Gott! Das ist eine Kirche mit der Ukraine!“

    „Geistlicher Lehrer“ der neuen ukrainischen Kirche

    Die Rede des Metropoliten Epiphanius  war kürzer und bestand hauptsächlich aus Dankesworten. Die Menge sagte ihm nach und skandierte „danke“ an den Patriarchen Bartholomeos, Poroschenko, die Werchowna Rada (das ukrainische Parlament). Aber einen besonderen Dank sprach Epiphanius dem „heiligsten Patriarchen Filaret“ aus, Schismatiker  und Oberhaupt des selbsternannten  Kiewer Patriarchats. Epiphanius  gilt als Getreuer und Protegé von Filaret.  Kein Wunder, dass er Filaret den „geistlichen Lehrer“ der neuen Kirche nannte.

    Der damalige Kiewer Metropolit Filaret wurde 1997 für den Schwurbruch und Uneinsichtigkeit von der Russischen Orthodoxen Kirche mit dem Kirchenbann belegt, was die anderen  orthodoxen Kirchen anerkannten. Aber im Oktober dieses Jahres hob das Patriarchat von Konstantinopel das in Moskau verhängte Anathema auf, wodurch ein wesentliches Hindernis für die Gründung einer autokephalen ukrainischen Kirche beseitigt wurde.

    Filaret reiste in die USA

    Mehrere Wochen davor war Filaret in die USA geflogen, wo er sich unter anderem mit dem ehemaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden und dem zuständigen Staatssekretär für Europa und Eurasien im State Department, Wess Mitchell, getroffen hatte. In seiner Rede im Atlantic Council machte Filaret kein Hehl daraus, mit welchem Ziel man in der Ukraine eine autokephale Kirche schafft:

    „Es gibt Propaganda in den Kirchen des Moskauer Patriarchats zur Unterstützung Russlands und Putins, deshalb wollen wir diese beiden Kirchen (nicht kanonische und selbsternannte — Anm. d. R.) vereinigen und solcherweise das Moskauer Patriarchat von der russischen Kirche trennen und eine Kirche in der Ukraine gründen. Dann wird Putin keine Unterstützung von der Kirche, das heißt von der Gesellschaft bekommen. Wir hoffen, dass die USA uns dabei helfen, unsere Kirchenangelegenheit zu Ende zu bringen.“

    Die Vereinigten Staaten scheinen auf diesen Aufruf reagiert zu haben: Am 13. Dezember, zwei Tage vor dem „Vereinigungskonzil“, zeichnete der Pseudo-Patriarch den ehemaligen stellvertretenden CIA-Direktor Jack Devine für die Unterstützung der ukrainischen Unabhängigkeit und der Gründung einer autokephalen Kirche mit einem Orden aus. Sieht so die „geistige Unabhängigkeit“ aus, über die auch Präsident Poroschenko sprach?

    „Unabhängigkeit“ im ukrainischen Verständnis

    Hinter den ständigen Reden über die „Unabhängigkeit“ stecken sehr große Lügen. Poroschenko hat diese „Unabhängigkeit“ schon den Vertretern der Ukrainischen orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats versprochen. Er garantiere, dass die Behörden jede Entscheidung der Geistlichen und Laien respektieren werden, egal ob sie in der Kirchenstruktur des Moskauer Patriarchats bleiben oder der neuen Kirche beitreten wollen. Der Metropolit Epiphanius versicherte gestern seinerseits, dass es keine Inbesitznahme der Kirchen geben werde.

    Die beiden reden so, als ob der Inlandsgeheimdienst SBU Bischöfe der Ukrainischen orthodoxen Kirche nicht vernommen hätte, als ob es keine Durchsuchungen in Klöstern und Privathäusern von Geistlichen gegeben hätte, als ob Dutzende Kirchen in den letzen Jahren von den Schismatikern nicht besetzt worden wären.

    Waruhm?

    Im Vorfeld der bevorstehenden Präsidentschaftswahl spielt Poroschenko die Rolle des Einigers der ukrainischen Kirchen. Und schämt sich nicht, in einem Satz „Gott“ mit dem Nazi-Gruß zu kombinieren:

    „Ruhm dem Gott und Ruhm der Ukraine!“, ruft der Präsident auf der Bühne vor der Sophienkathedrale.

    „Ruhm den Helden!“, antwortet die Menge.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Kirchenspaltung, Religion, Ukrainisch-Orthodoxe-Kirche, US-State Department, Russisch-orthodoxe Kirche, CIA, Joe Biden, Petro Poroschenko, Kiew, USA, Ukraine