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06:08 16 Juli 2019
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    Pro-türkische Rebellen in der nordsyrischen Provinz Manbidsch (Archivbild)

    Washingtoner Doppelspiel? – Wer die US-Truppen in Syrien ersetzen kann

    © AFP 2019 / Nazeer Al-Khatib
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    Andrej Koz
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    In den kommenden zwei bis drei Monaten sollen die US-Truppen Syrien verlassen. Diese Ankündigung Trumps in der vergangenen Woche sorgte für großen Wirbel. Der militärpolitische Beschluss ist einer der meistdiskutierten und von Skandalen umwittertsten in diesem Jahr.

    In den kommenden zwei bis drei Monaten sollen die US-Truppen Syrien verlassen. Diese Ankündigung Trumps in der vergangenen Woche sorgte für großen Wirbel. Der militärpolitische Beschluss ist einer der meistdiskutierten und von Skandalen umwittertsten in diesem Jahr.

    >>>Mehr zum Thema: US-Militärs bleiben weiter in Manbidsch – Augenzeugen-VIDEO<<<

    Nach Angaben von US-Präsident Donald Trump hat die US-Armee die Terrororganisation „Islamischer Staat“* (IS) besiegt und kann mit gutem Gewissen nach Hause zurückkehren. Allerdings sind viele Experten und Politiker der Meinung, dass Trump unaufrichtig ist. Die Naturressourcen Syriens sind ein zu großer Leckerbissen. Die USA würden darauf kaum verzichten. Lesen Sie in diesem Artikel, wer die US-Interessen in Syrien nach dem Abzug der Truppen verteidigen wird.

    Basiswerte

    Nach Informationen aus offenen Quellen haben die Amerikaner es geschafft, in Syrien mehr als zehn Operationsbasen, Arsenale und Trainingscamps einzurichten – vor allem im Nordosten des Landes und am westlichen Euphrat-Ufer nahe der Ölfelder. Es gibt auch Militärobjekte in Ajn-Issa, Manbidsch, Tel-Rumeilan, Harabeska und mehreren anderen Ortschaften. Über diese Basen haben die Amerikaner die „Demokratischen Kräfte Syriens“ mit Waffen, Munition, Medikamenten u.a. versorgt.

    Einige Objekte (z.B. Manbidsch) sind seit langem ein Stolperstein zwischen Washington und Ankara. Erdogan kritisierte die US-Unterstützung der Kurden in den Gebieten, die an die Türkei grenzen. Es ist nicht erstaunlich, dass Ankara den Beschluss von Donald Trump über den Abzug der Truppen begrüßt und derzeit Truppen und Kampftechnik an die syrische Grenze verlegt.

    Zudem wurde im Südosten, an der Grenze zum Irak und Jordanien, lange Zeit der Stützpunkt at-Tanf betrieben, der vom Pentagon als Trainingscamp für Extremisten von der bewaffneten Opposition genutzt wurde. Im vergangenen Jahr warf das russische Verteidigungsministerium den USA vor, den IS* unmittelbar zu unterstützen. Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, nannte at-Tanf ein schwarzes Loch, von wo mobile Terroristengruppen des Pseudo-Kalifats Aktionen organisieren.

    Diese Einheiten versetzten Angriffe gegen das Hinterland und die Flanken der syrischen Armee, die in den Osten des Landes vorrückte. Vertreter des Pentagons sagten offiziell, dass die Instrukteure der USA, Großbritanniens und Norwegens sich in at-Tanf mit der Ausbildung von „Militärs der neuen syrischen Armee“ befassen.

    Emmanuel Macron
    © Sputnik / Aleksei Vitvitsky

    Zugleich berichteten westliche Medien mehrmals, dass die Amerikaner viel Rohr- und Raketen-Artillerie, darunter Mehrfachraketenwerfer HIMARS zu diesem Stützpunkt verlegt haben – angeblich zur Verteidigung von At Tanf vor der syrischen Armee. Dort errichteten die Amerikaner eine Plattform, die Hubschrauber, Wandelflugzeuge und Flugzeuge mit verkürztem Start und Landung aufnehmen kann (etwa F-35). Zudem waren dort laut Medienangaben Schützenpanzerwagen Stryker und andere leichte Technik zu sehen.

    Söldner statt Armee

    Wie das Pentagon zusichert, wird das alles ebenfalls abgezogen. Doch an wen der strategisch wichtige Grenzknoten übergehen wird, sagte Washington nicht. Anscheinend wird er weiter unter Kontrolle der US-Truppen bleiben, die den benachbarten Irak nicht verließen. Dort werden auch Luftstützpunkte der USA bleiben. Die Amerikaner werden natürlich die Möglichkeit beibehalten, Raketen- und Bombenangriffe gegen das gesamte Territorium Syriens zu versetzen, und weiterhin den kurdischen bewaffneten Gruppierungen helfen – nun aber nicht öffentlich.

    „Die Situation gleicht der im Irak in der zweiten Hälfte der Nulljahre“, sagte der Militärexperte Sergej Sudakow. „Die US-Regierung kündigte bereits mehrmals den vollständigen bzw. teilweisen Truppenabzug an, doch behielt weiterhin bedeutende militärische Präsenz in diesem Land bei. Die Soldaten kehrten zwar zurück, doch es kamen Mitarbeiter privater Militärfirmen, das Pentagon ist nicht verpflichtet, über sie zu berichten. Dasselbe wird es in Syrien geben. Die Militärs werden durch Söldner ersetzt, die zusammen mit den Kurden und der Unterstützung der US-Fliegerkräfte nicht weniger effektiv als die reguläre Armee vorgehen werden“, so der Experte.

    Dem Experten zufolge haben der Chef der Joint Chiefs of Staff, Joseph Dunford, und Verteidigungsminister James Mattis nicht zufällig gerade jetzt ihren Rücktritt erklärt. Beide waren kategorisch gegen den Truppenabzug und übten Kritik an der Rolle von privaten Militärfirmen (darunter Academi, früher Blackwater) in heutigen Militärkonflikten. Beide stammen aus dem Korps der Marineinfanterie, beide sind überzeugte Falken und warben aktiv für eine gewaltsame Lösung vieler internationalen Fragen. Ihre Nachfolger Mark Milley und Patrick Shanahan sind in Washington vor allem dafür bekannt, wie man mit Kriegen Geld verdient.

    „Diese Menschen sind sehr mächtige Lobbyisten. Shanahan setzte immer aktiv die Interessen der privaten Militärfirmen während der irakischen und afghanischen Kampagnen durch, Milley vertritt die Waffenlobby. Der Krieg ist für die beiden eine Einnahmequelle. Alles entwickelt sich so, dass die Lobbyisten in den USA Trump überredeten, zu Neujahr eine pazifistische Geste gegenüber den Demokraten zu machen, die den Präsidenten mehrmals dafür kritisierten, dass er die Fehler Obamas wiederholt“, so der Experte.

    „Trump versucht den Wählern zu zeigen, dass er sich vor allem um die Wirtschaft des Landes und nicht um ausländische Abenteuer kümmert. Doch hinter dem Nebel des Pazifismus steckt ein weiterer Plan, durch Kriege Geld zu verdienen. Washington wird kaum freiwillig auf die Kontrolle über die Ölfelder am westlichen Euphrat-Ufer verzichten“, so der Experte.

    Eine ähnliche Meinung haben russische Politiker. Laut dem stellvertretenden Außenminister Russlands, Sergej Rjabkow, würde der Abzug der US-Truppen vom Pentagon verzögert. Vor dem Hintergrund der erfolgreichen Handlungen der syrischen Regierungsarmee und der Fliegerkräfte Russlands gegen die Terroristen wäre es nicht logisch, die eigene Militärpräsenz abzubauen, die ohne Erlaubnis des UN-Sicherheitsrats auf dem Territorium eines souveränen Staates geschaffen wurde.

    Türkischer Blitzkrieg

    Das wahrscheinlichste Szenario für Syrien in den nächsten Monaten ist eine Zunahme der militärischen Aktivitäten der Türkei, die bereits große Kräfte an der Grenze zusammengezogen hat. Ankara will eine Operation gegen die Kurden im Norden des Landes organisieren, falls die Amerikaner dort ihre Soldaten nicht rechtzeitig abziehen.

    Laut dem türkischen Verteidigungsminister Hulusi Akar ist die Vorbereitung auf eine Antiterroroperation in den syrischen Gebieten östlich des Euphrats abgeschlossen. Präsident Erdogan sprach von seinem Plan, in den nächsten Tagen Moskau zu besuchen, um mit Putin über die Situation in Syrien und offenbar auch über Fragen des Zusammenwirkens der russischen Fliegerkräfte mit der syrischen Regierungsarmee und den türkischen Truppen zu besprechen. Allerdings sagte der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow, dass im Terminkalender Putins bislang kein solches Treffen geplant ist.

    Zudem ist bislang unklar, wie die US-Verbündeten von der Antiterrorkoalition in Syrien vorgehen werden. Frankreich, das über eigene Militärobjekte und Truppen in Syrien verfügt, verurteilte den Beschluss Trumps und betonte, dass es die Kampfaufgaben weiter ohne Rücksicht auf das Pentagon erfüllen wird.

    Großbritannien äußerte sich diplomatischer. Im Außenministerium in London wurde die Notwendigkeit des weiteren Kampfes gegen den IS hervorgehoben, der selbst ohne Territorium eine Bedrohung darstelle. Die in die Enge getriebenen kurdischen Feldkommandeure übten scharfe Kritik an Trump. Wenn private Militärfirmen sie nicht unterstützen, müssen sie mit der legitimen syrischen Regierung Gespräche führen, die dann kaum nach ihren Bedingungen verlaufen werden.

    * “Islamischer Staat“ – eine in Russland verbotene Terrororganisation

    ** Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Truppenabzug, Extremisten, Terroristen, Bürgerkrieg, Invasion, Demokratische Kräfte Syriens DKS, Academi, Blackwater, Islamischer Staat, UN, Pentagon, James Mattis, Joseph Dunford, Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan, Baschar al-Assad, At-Tanf, Manbidsch, Nahost, Jordanien, Türkei, Großbritannien, Syrien, Irak, USA, Frankreich, Russland