15:11 07 Dezember 2019
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    „Spiegel“-Skandal: Ein Artikel, der besonders weh tat

    © AFP 2019 / JOHANNES EISELE
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    Über den Fall des „Spiegel“-Redakteurs Claas Relotius wird momentan viel gesprochen. Es gibt jedoch eine Geschichte, die viele Menschen besonders erschüttert hat. Auch mich. Und zwar so sehr, dass ich alle meine Überzeugungen in Bezug auf Syrien und Assad infrage stellen musste. Etwas naiv von mir, wie sich herausstellt.

    Es geht um die Geschichte des 13-jährigen syrischen Jungen, mit dem laut Relotius der blutige Bürgerkrieg in Syrien begann. Ein Artikel, für den der „Spiegel“-Redakteur mit dem Reporterpreis ausgezeichnet wurde. Den Text mit dem Titel „Kinderspiel“ soll er in weiten Teilen frei erfunden haben. Als ich im Juni ein neues „Spiegel“-Heft kaufte, was nicht so oft passiert, stieß ich genau auf diesen Beitrag.

    Was darin stand, hat mich schockiert. Ist alles, was die westlichen Medien über Assad schreiben, am Ende doch wahr? Ist Baschar al-Assad der blutige Diktator, und die Rebellen sind einfache Freiheitskämpfer? Darf Russland so einen Menschen überhaupt unterstützen? Was, wenn ich mich die ganze Zeit geirrt hatte?

    Der Artikel beschrieb Folterungen von Kindern und Gräueltaten, die Assads Soldaten angeblich begangen haben. Man muss auch bedenken, dass Relotius – und das muss man ihm lassen – wirklich gut schreiben kann. Man neigt dazu, jedem Wort zu glauben.

    Mouawiya Syasneh ist der 13-jährige Syrer, mit dem alles begann. Mit einem Graffito, das er an die Wand sprühte: „Du bist als Nächster dran, Doktor!“ Das sei eine Botschaft an Staatschef Baschar al-Assad gewesen, als der arabische Frühling in vollem Gange war, heißt es in dem Artikel. Assad ist nämlich gelernter Augenarzt.

    Diese Worte hätten Syasneh zur Legende gemacht: Auch heute gebe es Tausende, die sagen, dass er allein mit diesem Graffito den Krieg entfacht habe.

    Relotius gibt in seinem Artikel an, mit dem jungen Mann wochenlang per WhatsApp kommuniziert zu haben. Denn als Journalist komme man nämlich nicht nach Daraa hinein. „Nicht alles, was er sagt, lässt sich verlässlich überprüfen“, stellt der Autor außerdem klar.

    Das Graffito sei bloß ein kindischer Streich gewesen. Doch schon am nächsten Tag standen Männer in Uniform im Schlafzimmer des Jungen, schreibt der Autor. Das sollen Mitglieder von Muchabarat, dem syrischen Geheimdienst, gewesen sein.

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    So beschreibt der junge Syrer den schrecklichsten Tag seines Lebens: „Sie zerrten mich aus unserem Haus, mitten auf die Straße. Dann schlugen sie mit Gewehrkolben auf meinen Kopf ein. Unsere Nachbarn sahen zu, meine Eltern und meine Brüder schrien, aber sie konnten mir nicht helfen. Ein Mann zog mein T-Shirt hoch, zwei andere peitschten mich mit Stromkabeln aus. Irgendwann habe ich nichts mehr gefühlt. Ich war wie tot.“

    Es wird noch schlimmer: Als Syasneh erwacht, liegt er „nackt in einem Kerker“ außerhalb der Stadt. Darauf folgen Beschreibungen von Folter, die sogar den abgehärtetsten Leser fassungslos machen.

    „Ich sah vier Wochen lang kein Tageslicht. Sie hängten mich jeden Tag an Viehhaken auf, an nur einer Hand. Sie lachten laut, als wäre es ein Spiel. Sie nannten es 'Die lange Hand'. Sie steckten mich in Autoreifen und gaben mir Elektroschocks."

    In den Zellen nebenan hätten Assads Leute seine Mitschüler ebenfalls gefoltert. Er habe nachts ihre Schreie gehört.

    Als der 13-Jährige nach Hause zurückkehrt, ist er angeblich kaum wiederzuerkennen: Blutig geprügelt, seine Haut mit Brandmalen und Schnittwunden übersät, ihm fehlen alle Fingernägel.

    Die Bewohner von Daraa seien über den Vorfall entsetzt und gehen auf die Straße. Sie skandieren „Mouawiya huwa al-Salam!“ (dt. Mouawiya heißt Frieden!).

    Der „Spiegel“-Autor beschreibt ferner die Szene, in der Syasnehs Familie bei einem Raketenangriff der syrischen Regierungsarmee stirbt.

    „Meinem Vater schossen Splitter in den Hals, er verblutete im Rauch. Meine Mutter und ich lagen unter Steinen, ich hörte sie atmen und um Hilfe rufen. Mein Vater und meine Brüder hörte ich nicht mehr.“

    Am Ende zieht der junge Syrer in den Krieg gegen Assad und schließt sich der Freien Syrischen Armee an. Als er Soldaten der Regierungsarmee tötet, fühlt er nach eigenen Worten (oder nach Worten von Relotius) „gar nichts“.

    Der Artikel hat ein äußerst düsteres Ende: Der Syrer schickt dem Autor angeblich ein Foto eines Flugblatts, das Assads Hubschrauber im belagerten Daraa abgeworfen haben sollen. Darauf steht: „Ergebt euch, oder ihr werdet alle sterben.“

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    Man kann sich fragen, wozu der einst gefeierte „Spiegel“-Redakteur diesen Artikel gebracht hat. Was war sein Ziel? Der letzte Absatz gibt vielleicht Aufschluss: „Eigentlich sollten die Amerikaner uns beschützen, aber sie haben uns aufgegeben. Wir sitzen in einem Steinbunker. Wir können nur beten“, wird der Jugendliche zitiert. Wollte der Autor die Amerikaner zu mehr Einsätzen gegen den „Diktator“ anregen? Oder bei seinen Lesern tiefen Hass hervorrufen, damit sie die Angriffe auf Syrien gutheißen?

    Das Ganze wirft die Frage auf: War Relotius der einzige? Oder werden Leser täglich gezielt getäuscht?

    Vor wenigen Tagen erschien bei der „Washington Post“ ein Artikel, den die BILD-Zeitung nur zu gerne übernahm: „Assad leert seine Gefängnisse – durch Massenmord.“ Die Gefängniszellen in Syrien seien überfüllt. Deshalb gehe er einfach den leichtesten Weg und lasse die politischen Häftlinge gnadenlos ermorden. Das Blatt beruft sich auf zwei ehemalige Insassen des Saydnaya-Gefängnisses in Damaskus.

    Auch ein Fake? Mit Sicherheit lässt sich das nicht behaupten. Aber durchaus möglich.

    Bemerkenswert ist, dass die deutschen Mainstream-Medien Assad nie als „Präsidenten“ bezeichnen. Auch nicht in einfachen Meldungen. Genau das ist Assad aber – ein gewählter Präsident dieser arabischen Republik. Doch den Lesern wird täglich das Wort „Machthaber“ oder „Diktator“ eingehämmert. Damit niemand auf die Idee käme, etwas Anderes über Assad zu denken.

    Der Schweizer Historiker Daniele Ganser hatte es in einem Vortrag auf den Punkt gebracht: Es gibt zwei Supermächte. Die größte Supermacht sind die USA. Und die zweite Supermacht – das ist nicht China und auch nicht Russland –, sondern das ist die öffentliche Meinung. Und darum läuft ein täglicher Kampf.

    Lobenswert ist allerdings, dass der „Spiegel“ die Fälschungen öffentlich zugegeben hat. Hier ein Auszug aus der Stellungnahme: „Es (der Text – Anm. d. Red.) ist nur, leider, wie so viele andere Arbeiten aus Relotius' Manufaktur, ein fantasievolles Machwerk. Schwer zu sagen, wie sich hier die Fakten von der Fantasie trennen lassen, schwer, die Fragen danach zu beantworten, mit wem Relotius eigentlich Kontakt hatte, wie oft, wie intensiv, wie eigentlich übersetzt wurde, wie all diese Handy-Verbindungen überhaupt rein technisch möglich gewesen sein sollen.

    Relotius will nicht ins Detail gehen, dem Augenschein nach: aus Scham. Er gibt pauschal zu, dass es etwa die Führungen per Handyvideo durch eine zerstörte Stadt nie gegeben hat. Er gibt zu, dass die Dramaturgie des Textes (es wechseln sich Erzählpassagen mit scheinbaren Wortprotokollen ab) insofern gefälscht ist, als dass es so viele Protokollabsätze, Wortlaute des Protagonisten gar nicht gab im Material, dass sie deshalb von ihm, Relotius, erfunden oder aus sehr wenigen Zitaten konstruiert wurden.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Diktator, Fake-News, Bürgerkrieg, Medien, Der Spiegel, Bashar al-Assad, Syrien, Deutschland