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17:12 17 Oktober 2019
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    Beladung eines Frachtschiffes mit Uran-Containern im St. Petersburger Hafen (Archivbild)

    USA an der Uran-Spritze: Wie Rosatom die Atomindustrie der USA ruiniert hat

    © AP Photo / Dmitry Lovetsky
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    Der Milliardär Bill Gates hat das Weiße Haus dazu aufgerufen, sich auf die Entwicklung der Atomenergie zu konzentrieren – dem besten Mittel gegen die globale Erwärmung.

    Dem Microsoft-Gründer zufolge können die USA der Spitzenreiter in diesem Bereich dank „Wissenschaftlern, Unternehmern und Investitionskapital“ werden. Warum sich Gates irrt und wie die Amerikaner mit Hilfe von Rosatom ihre Atomindustrie untergraben haben  – lesen Sie in diesem Artikel.

    Auf der Jagd nach billigem Uran

    Kurz vor Neujahr veröffentlichte der Milliardär Bill Gates auf seiner Webseite einen Brief über Probleme, über die er besorgt sei. Eines davon ist die globale Erwärmung. Ihm zufolge könnte die Atomenergie diese Herausforderung meistern.

    „Die Atomtechnologie passt perfekt zum Kampf gegen den Klimawandel, weil das die einzige skalierbare Energiequelle ist, die 24 Stunden pro Tag zugänglich ist und keine Treibhausgase erzeugt“, so der Microsoft-Gründer. „Probleme mit modernen Reaktoren, darunter Havariegefahren, können mithilfe Innovationen gelöst werden.“

    Gates zufolge werden es gerade die USA sein, die hervorragende Erfolge in dieser Richtung dank ihren Wissenschaftlern, Unternehmern und ihrem Investitionskapital von Weltniveau erreichen werden. Gates irrt sich aber — in den letzten 20 Jahren ist die US-Atomindustrie äußerst verkommen. Die Hauptrolle spielte dabei Rosatom.

    Alles begann bereits Ende der 1980er-Jahre. Die Sowjetunion galt zu Recht als Spitzenreiter bei der Urananreicherung in Zentrifugen. In den USA wurde zur Produktion von Nuklearstoff die wenig effektive und teure Gasdiffusionstechnologie genutzt. Sie erfordert 50 Mal mehr Strom, als die Anreicherung in Zentrifugen.

    Deswegen begannen die Amerikaner gleich nach dem Ende des Kalten Krieges, russisches angereichertes Uran für AKWs zu kaufen – das war etwa 12 Mal billiger. Die Lieferungen von der sowjetischen Firma Techsnabexport wurden 1987 aufgenommen und wurden ständig ausgebaut.

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    Die Überschüsse des sowjetischen niedrig angereichten Urans gingen schnell zu Ende, doch dank dem Rückgang des Atomwaffenarsenals bildeten sich in Russland 500 Tonnen freies Waffenuran (hoch angereichert), das aus demontierter nuklearer Munition entnommen wurde. Spezialisten beider Länder  kamen auf die Idee, es zu „verdünnen“ und in Brennstoff für amerikanische AKWs umzuwandeln.

    1994 wurde ein Vertrag unterzeichnet, laut dem Russland den USA Leistungen zur Umwandlung von 500 Tonnen Waffenuran in Kraftstoff für Stromkraftwerke (die entsprechende Technologie wurde von Spezialisten des Uraler Elektrochemie-Kombinats entwickelt) bereitstellte. Die US-Firma USEC begann mit dem Verkauf des Nuklearbrennstoffs auf dem Binnenmarkt, wobei Techsnabexport der Erlös gezahlt wurde.

    Im Mai 1995 wurden aus dem Seehafen von Sankt Petersburg die ersten 24 Tonnen energetisches Uran im Rahmen eines Deals „hochangereichertes Uran – niedrig angereichertes Uran“ an die USA geliefert.

    Der Gewinner bekommt alles

    Im November 2013 wurden auf derselben Route die letzten 60 Tonnen Kraftstoffuran aus Waffenvorräten geliefert. Doch zu dieser Zeit schlossen Techsnabexport (schloss sich Rosatom an) und USEC bereits einen neuen langfristigen Vertrag zur Urananreicherung für die amerikanischen AKWs.

    Lieferungen von Natururan aus den USA nach Russland sind weiterhin verboten, weshalb die Amerikaner ein Schema zum Umgang damit ausarbeiteten. Rosatom erwarb bei aktiver Unterstützung Washingtons die kanadische Firma Uranium One, die sich mit der Ausfuhr vom atomaren Rohstoff befasste. Uranium One gehören mehrere Urangruben in den USA, Australien, Kanada, Kasachstan, Südafrika und Tansania. Damit bekam Rosatom nicht nur die Möglichkeit, die Vertragsbedingungen mit den Amerikanern zu erfüllen, sondern auch eine starke Rohstoffbasis für den Eigenbedarf.

    Für die russische Atomindustrie wurden die Lieferungen von Uran an die USA ein Rettungsring in den schweren Wirtschaftszeiten der 1990er-Jahre. Im Ergebnis behielt und vermehrte Russland die Kapazitäten zur Urananreicherung, festigte das Personalpotential der Branche, finanzierte neue Entwicklungen im Bereich friedliches und militärisches Atom.

    Für die USA sind die Ergebnisse der 20 Jahre langen Kooperation mit Russland im Atombereich nicht so eindeutig. Auf der einen Seite sparten US-Energiekonzerne mehrere Milliarden Dollar, indem sie russisches Uran kauften. Auf der anderen Seite sicherte einen riesigen Teil des Bedarfs der amerikanischen AKWs an Dienstleistungen zur Urananreicherung die russische Firma Techsnabexport, die Amerikaner verloren Kompetenzen in diesem Bereich.

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    Ein Beweis dafür ist der gescheiterte Versuch der Firma Centrus (ehemals USEC), die erste US-Fabrik für Urananreicherung in Zentrifugen zu bauen. Im Februar 2016 wurde offiziell die Einstellung der Arbeiten an diesem Projekt mitgeteilt.

    Jetzt wird die größte Menge des US-Urans weiterhin nach der Gasdiffusionstechnologie in Piketon (Ohio) angereichert. Nach Einschätzung von World Nuclear Association liegen die USA auf Platz fünf bei den Anreicherungskapazitäten, was um das Zweifache weniger als bei Frankreich und China und das Dreifache weniger als beim Konsortium Urenco ist. Russland ist weiterhin der eindeutige Spitzenreiter und liegt fast um das Doppelte der Urenco und das Sechsfache der USA vorne.

    Zudem hängen die Amerikaner fast völlig vom Import von Natururan ab. Nach Angaben der Energy Information Administration der USA decken die eigenen Vorkommen nur elf Prozent des jetzigen Branchenbedarfs am Rohstoff. Gates’ Traum von der globalen Führungsrolle der USA in der Atomenergie bleibt also nur ein Traum.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Waffenindustrie, Sanktionen, Lieferungen, Handel, Urangewinnung, Uran, AKW, Rosatom, Bill Gates, Russland, USA