12:58 20 Juni 2019
SNA Radio
    Präsentation der Rakete vom Typ 9M729 im Messezentrum Patriot (Archivbild)

    Alles Lüge? Des Westens Allzweckwaffe wirkt nicht mehr

    © Sputnik / Wladimir Astapkowitsch
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Irina Alksnis
    894623

    Welchen Sinn soll es machen, Zeit und Kraft auf ein sachliches Gespräch mit Moskau zu verschwenden? Man kann doch jedes Argument der Russen mit einem einfachen „Ihr lügt!“ abtun. So auch in der Auseinandersetzung um den INF-Vertrag. Doch inzwischen zieht diese früher so wirksame Masche des Westens nicht mehr.

    Wie Washington auf die Besprechung reagieren würde, die das russische Verteidigungsministerium organisiert hatte, um über den Marschflugkörper 9M729 zu informieren, war absehbar. Es war der übliche, allseits bekannte Reflex: Die Russen würden lügen und täuschen, alles sei in Wirklichkeit ganz anders.

    Aus dem Mund von Andrea Kalan, Sprecherin der US-Botschaft in Moskau, hört sich das so an: „Alle Nato-Verbündeten stimmten darin überein, dass die 9M729 gegen den INF-Vertrag verstößt.“ Das Briefing des russischen Verteidigungsministeriums sei „ein weiterer Versuch, die Vertragsverletzung zu verschleiern“, sagte sie im Anschluss an die Pressekonferenz.

    Logisch ist diese Position des Westens im Grunde schon. Man könnte sogar sagen, sie sei optimal hinsichtlich der gesteckten Ziele und des Aufwands, diese Ziele zu erreichen. Der INF-Vertrag ist ja für den Westen überflüssig geworden, weil er Russland nicht mehr schwächt. Und wenn ein Papier die erwarteten Vorteile nicht mehr erbringt, ist es nur rational, es abzuwickeln. Man achte nur darauf, dies mit kleinstmöglichem Aufwand zu tun.

    Welchen Sinn soll es auch machen, Zeit und Kraft auf ein sachliches Gespräch mit Moskau zu verschwenden? Man kann doch jedes Argument der Russen mit einem einfachen „Ihr lügt!“ abtun. Gleichzeitig biegt man die Balken so zurecht, dass ein US-Ausstieg aus dem Vertrag scheinbar unvermeidlich wird, wofür wiederrum die Russen verantwortlich gemacht werden.

    Dieses Schema passt so ziemlich auf alles oder fast alles, was Russlands westliche „Partner“ in den letzten Jahren geleistet haben. Wozu Fakten bemühen, wo ein „Höchstwahrscheinlich“ genügt – oder ein „Wir haben Beweise, zeigen sie euch aber nicht“?

    Nur so als Beispiel: Auf dem Höhepunkt des Doping-Skandals war es ähnlich. Da glaubte ganz Russland, die westlichen Sportler hätten irgendein höchst innovatives Präparat bekommen, dem kein Nachweistest gewachsen sei. Stattdessen zeigte sich, dass westliche Athleten einfach nur massenweise „therapeutische Ausnahmebewilligungen“ erhielten, die die Einnahme verbotener Substanzen legalisierten.

    Inzwischen haben die USA aber ein Problem. Diese Methode, durch simpelste Mittel Druck auf Opponenten auszuüben, funktionierte zu geopolitischen, ideologischen und kulturellen Hochzeiten der Vereinigten Staaten. Als Washingtons Stand, Status und Möglichkeiten so unerschütterlich waren, dass niemand daran zweifelte. Diese Konstruktion zeigt heute jedoch deutliche Risse.

    Wie laut und wie unbewiesen auch immer Washingtons Vorwürfe sind, Russland setze Giftgas in Syrien ein – am Ende sind es doch die USA, die vor den Augen der ganzen Welt dort eine Niederlage erleiden. Assad regiert das Land weiterhin. Umso blasser wirken Washingtons Erklärungen, die US-Truppen würden abgezogen, weil der IS** besiegt sei.

    Auch können die USA weiterhin Russland stur vorhalten, für das Scheitern des INF-Vertrags verantwortlich zu sein. Anders als zu Beginn der 2000er Jahre, als in Moskau mitunter über die Möglichkeit eines Ausstiegs laut nachgedacht wurde, bewahrt Russland heute geduldig die Fassung in dieser Sache und ruft zum Erhalt des Vertrags auf.

    Mit dem Ergebnis, dass Washington ein mächtiges Druckmittel gegen Russland – genau das war der INF-Vertrag – verloren hat. Also wieder eine Niederlage für die USA … Da gab es aber doch noch die Sanktionen, die die russische Wirtschaft zerreißen sollten. Und der Ausschluss des autoritären Kremls aus der zivilisierten Welt. Und der Absturz der Boeing über dem Donbass. Und, und, und.

    Jedes Mal kam dabei ein und dasselbe in der Vergangenheit wirksame Schema zum Einsatz: Russland beschuldigen und bestrafen – aber bitte so, dass es für einen selbst nicht schmerzhaft und nicht teuer wird. Nur: Im Schatten dieser vielfachen Vorwürfe, letzter Warnungen und bitterer Strafen gegen Moskau hat Russland sein internationales Ansehen konsequent wiederaufgebaut.

    Für die USA ist das aber noch nicht das Schlimmste. Die Öffentlichkeit schaut gegenwärtig nach Venezuela, wo Washington den selbsternannten Übergangspräsidenten anerkannt hat. Könnte ein Erfolg werden für die Vereinigten Staaten. Wenn nur nicht der Verdacht die ganze Welt beschleichen würde, dass Washingtons energische Worte inzwischen keinen Regimechange mehr bewirken können – nicht mal im „Hinterhof“ der USA.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    ** Eine in Russland verbotene Terrorgruppierung

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Mittelstreckenraketen, Kündigung, Destabilisierung, Eskalation, Rakete 9M729, Iskander, INF-Vertrag, Terrormiliz Daesh, Weißes Haus, Pentagon, NATO, Nicolás Maduro, Donald Trump, Wladimir Putin, Venezuela, Syrien, USA, Russland