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05:47 22 September 2019
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    Ein ehemaliger KZ-Häftling bei der Veranstaltung in Auschwitz (Archivbild)

    Europa vergisst, wer es vor dem Holocaust befreit hat

    © Sputnik / Walerij Melnikow
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    Europäische Politiker schlagen Alarm – immer mehr Europäer wissen nicht, was der Holocaust bedeutet.

    Warum die politischen Parteien immer wieder das Thema Antisemitismus aufgreifen und womit die Neuschreibung der Geschichte und das Verschweigen der Rolle der Sowjetunion bei der Rettung der Juden vor den Nazis verbunden ist – das lesen sie in diesem Artikel.

    Vergessener Alptraum

    Israel Alberto hat seit mehr als 70 Jahren Alpträume. Er sagt, dass er den Schrecken von Auschwitz nicht vergessen kann, wo er mehr als ein Jahr verbrachte.

    „Auschwitz lässt mich bis heute nicht los. Heutzutage kann man sich überhaupt nicht vorstellen, dass es so etwas tatsächlich gab … Ich denke, die Menschen werden das jedenfalls nicht vergessen“, meint er.

    Allerdings zeigen die Zahlen das Gegenteil. Laut einer Umfrage vom Ende des vergangenen Jahres weiß jeder vierte Einwohner der EU nicht, was der Holocaust ist. Zudem wissen sie nicht, wie hoch die Zahl der Holocaust-Opfer ist (sechs Millionen Menschen).

    Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz (Archivbild)
    © Sputnik / Walerij Melnikow
    Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz (Archivbild)

    Natürlich ist es ein großes Problem für Europa, das nicht neu ist – seit vielen Jahren wird darüber gesprochen. Doch auf dem höchsten Niveau wurde man darauf erst vor kurzem aufmerksam. Bei einer Zeremonie im EU-Parlament anlässlich des Gedenktages für Holocaust-Opfer wurde betont, dass die Lehren der Geschichte ignoriert würden.

    „1939 ereignete sich die Tragödie von St. Louis. Ein Schiff voll mit jüdischen Flüchtlingen startete aus Nazi-Deutschland, und kein einziges Land wollte sie aufnehmen – weder die USA noch Kanada oder Kuba… Im Ergebnis wurden 254 Passagiere in Auschwitz und im Konzentrationslager Sobibor getötet. Diese Tragödie zeigte, dass die Regierungen anderer Länder nichts unternehmen werden, um die Ausrottung der Juden zu verhindern“, sagte der Leiter des Europäischen Jüdischen Kongresses, Wjatscheslaw Kantor, der die Gedenkzeremonie im EU-Parlament organisiert hatte.

    Heute wiederholt sich ihm zufolge die Geschichte – die Politiker machen aus den Juden die Sündenböcke, genau wie in Nazi-Deutschland.

    „Beschämende Wahrheit“

    In den Gaskammern des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau wurden die Eltern und Schwester von Susan Pollack getötet — und weitere 50 Verwandte. Nur sie überlebte.

    „Wir müssen daraus lernen und im Gedächtnis behalten, was gestern geschah – die größte Tragödie des 20. Jahrhunderts, ein präzedenzloser Akt der Unmenschlichkeit. Doch leider vergessen Menschen diese Ereignisse“, bedauert die Auschwitz-Überlebende.

    Besorgniserregend ist die wachsende Zahl der Holocaust-Leugner in Europa, was eine weitere Form von Antisemitismus ist. Trotz eklatanter Angriffe auf Juden diskutiert die EU weiterhin darüber, gegen was eigentlich gekämpft werden soll.

    Erst Ende des vergangenen Jahres haben die EU-Parlamentarier es geschafft, den Prozess zur Aufnahme der Antisemitismus-Definition in die Gesetzgebung der EU-Mitgliedsstaaten einzuleiten.

    „Es ist zwar beschämend, das zuzugeben, doch es stimmt – Antisemitismus war in Europa vor fünf und auch vor zehn Jahren verbreitet – und die Politiker schauten tatenlos zu“, sagte der Vorsitzende der parteiübergreifenden Arbeitsgruppe gegen Antisemitismus im Europaparlament, Heinz Becker.

    Was zwang die europäischen Behörden nun endlich zum Handeln? In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Antisemitismus-Vorfälle massiv gestiegen, Tendenz weiter steigend. Die Juden selbst fühlen sich nicht mehr sicher.

    „Ich möchte ein Beispiel anführen. Der Chef der Vertretung der Jewish Agency in Paris, Daniel Ben-Haim, ging mit sechs Knesset-Abgeordneten über die Champs-Élysées. Er trug eine Kippa, ein Passant griff ihn an. Hätte es keine Wache gegeben, hätte sich dieser Vorfall in einen internationalen Konflikt bzw. in eine Tragödie verwandelt“, erzählt Isaac Herzog, Chef der Jewish Agency.

    „Die Geschichte wird neu geschrieben“

    Vertreter der jüdischen Gemeinde sind darüber besorgt, dass Antisemitismus ein Teil der politischen Kultur Europas wird. „Links- und rechtsradikale Kräfte in Großbritannien, Frankreich, Belgien, Ungarn, Griechenland und Polen – also in ganz Europa – nutzen antisemitische Ansichten bereits als politisches Projekt. Davon sind bereits alle Lebensbereiche auf dem europäischen Kontinent betroffen“, sagte Isaac Herzog im EU-Parlament.

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    Eine der Folgen des politischen Antisemitismus ist die Neuschreibung der Geschichte. Bei den Veranstaltungen im EU-Parlament anlässlich des Gedenktages für die Holocaust-Opfer wird seit zwei Jahren nicht darüber gesprochen, dass das KZ-Lager Auschwitz von der Roten Armee befreit wurde. Gerade dieses Datum, der 27. Januar, wird als Gedenktag begangen.

    In Polen läuft eine Kampagne zur Demontage der Denkmäler für die sowjetischen Kämpfer. Das Gesetz über den Abriss der Denkmäler trat am 21. Oktober 2017 in Kraft.

    „Vor dem Hintergrund des zunehmenden Ultranationalismus in Europa kommt es zu Versuchen, die Geschichte neu zu schreiben. Früher oder später können sie dazu führen, dass die Rolle der Befreiungsarmee unterbewertet bzw. völlig ignoriert wird“, sagte der Vorsitzende der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt.

    Leider sei es bereits eine Tendenz geworden – die Welt vergesse die Tragödie, so Goldschmidt.

    „Die Vermittlung des Holocausts muss in den Schulunterricht implementiert werden, Bildungsarbeit und Gedenkveranstaltungen gehören auch dazu“, so Goldschmidt.

    Nur in diesem Fall besteht die Chance, dass die schockierenden Berichte von ehemaligen Auschwitz-Gefangenen wie Israel Alberto und Susan Pollack nicht in Vergessenheit geraten.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Verfälschung, Rechtsruck, Anstieg, Geschichte, Antisemitismus, Holocaust, NSDAP, Adolf Hitler, Drittes Reich, Sowjetunion, Europa, Auschwitz, UdSSR, Polen, Deutschland