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14:07 21 August 2019
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    Wehrmacht-Offensive bei Leningrad im November 1941

    Leningrad von deutscher Presse belagert: Wo Schweigen passender als „Beileid“ wäre

    © AP Photo / Archiv
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    Emil Lönneberg
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    Zum 75. Jahrestag des völligen Aufbruchs der Leningrader Blockade gedenkt Russland der Zivilopfer der 872-tägigen Belagerung und ehrt die Helden, die die Einschließung der Stadt aufgehoben haben. Auch die deutsche Presse versuchte, die Ereignisse auf eigene Art und Weise zu interpretieren, konnte damit leider nur für Empörung bei den Russen sorgen.

    Die am 27. Januar in St. Petersburg geplante Militärparade wurde zu einem perfekten Anlass für einige deutsche Mainstream-Medien, Russland erneut des wilden Militarismus zu beschuldigen. Interessanterweise kam die dubioseste Aussage diesmal nicht aus den Wänden eines Berliner Verlags, der gerne Nazi-Definitionen in seinen Beiträgen nutzt. In ihrem Kommentar für die „Süddeutsche Zeitung“ beschrieb Silke Bigalke die Veranstaltung als „Tanz auf den Gräbern“ mit Verweis auf einige abstrakte Einwohner der nordrussischen Stadt. Die Korrespondentin des Süddeutschen Verlags in Russland verbindet aufgrund ihrer recht eigenartigen Logik die Staus wegen der Panzerkolonnen mit dem Missbrauch des Gedenkens an die Opfer der Blockade. Eine heftige Reaktion der Öffentlichkeit auf die Schlussfolgerungen der deutschen Journalistin ließ in dem Land, das die meisten Menschenverluste im Zweiten Weltkrieg erlitten hatte, nicht lange auf sich warten.

    Doch nicht die übliche Kritik gegen den russischen Staat wurde zum Leitmotiv des Kommentars der SZ-Autorin, sondern Vorwürfe gegen das aus ihrer Sicht offenbar so arme und ungebildete russische Volk, das laut Bigalke gehorsam in einem Informationsvakuum lebt. Wenn die Russen mehr über die Aufgabe der Stadt an Hitlers Truppen diskutieren und Spielfilme mit alternativer Darstellung der Leningrad-Blockade anschauen würden (in denen Sowjetbürger Gelage in einer Hungerstadt stattfinden lassen — Anm. d. Autors), würden sie aus der Sicht von Bigalke der Militärparade in St. Petersburg offenbar definitiv nein sagen.

    Sogar bei einer oberflächlichen Recherche hätte sich allerdings leicht feststellen lassen, dass es bei der Veranstaltung in St. Petersburg nicht um einen Karneval mit in historische Uniformen gekleideten Soldaten auf Iskander-Raketen geht. Die an der heutigen Militärparade beteiligten Einheiten hatten vor 75 Jahren den Belagerungsring endgültig aufgebrochen und damit die millionenfache Bevölkerung der eingekesselten Stadt gerettet. Mit Reliquien wie authentischen Truppenfahnen und T-34-Panzer ehrten die Soldaten die Heldentat ihrer Vorfahren. Die moderne Militärtechnik, die ebenfalls am 27. Januar in St. Petersburg gezeigt wurde, symbolisierte dann Gegenwart und Zukunft dieser Regimenter.

    Darüber hinaus gilt das heutige Datum in Russland ganz offiziell als Tag des militärischen Ruhms und nicht als Gedenktag (der übrigens am 8. September begangen wird, an dem sich 1941 der Blockadering geschlossen hatte). Das heißt aber nicht, dass die Russen den 27. Januar ausschließlich dafür nutzen, um die ganze Welt noch einmal an die Stärke ihrer Armee zu erinnern. Heute gab es sowohl Schweigeminuten als auch mehrere andere Momente, in denen der Opfer der Blockade gedacht wurde, doch der Charakter des ganzen Geschehens ist etwas anders. Im Mittelpunkt steht nicht etwa eine lokale Schlacht im Rahmen des großen Krieges, sondern ein außerordentlicher und wichtiger Sieg in der Geschichte des ganzen Landes. Genauso wie die Erstürmung der Bastille in Frankreich, wo in den Pariser Straßen ebenfalls Militärparaden zum Nationalfeiertag veranstaltet werden, die auch niemand beklagt.

    Der Sieg der Sowjetbürger wurde dennoch weder durch diplomatische Verhandlungen noch politischen Handel erreicht, weil es ein Vernichtungskrieg seitens der Achsenmächte gegen die Sowjetunion war. Nach der Gegenoffensive bei Moskau im Jahr 1941 wurde die Verteidigung Leningrads ein entscheidender Wendepunkt in diesem Überlebenskampf der sowjetischen Menschen. Um die Stadt wurde auch deshalb so hart gekämpft, weil sie eine strategische Festung und ein seit Zarenzeiten größtes Industriegebiet Russlands war. Nicht aber wegen des bösen Willens von Stalin, Massenmord an der Zivilbevölkerung zu begehen, deren komplette Evakuierung über den einzigen und ständig bombardierten Weg, nämlich die „Straße des Lebens“ über den zugefrorenen Ladogasee, einfach unmöglich war.

    Statt diese historischen Tatsachen zu berücksichtigen, argumentiert Silke Bigalke mithilfe von Memoiren, in denen der Hunger der belagerten Menschen beschrieben wird, dass die Stadtbewohner keine Wahl zwischen Aufgeben und Weiterkämpfen gehabt hätten. So als ob es in denselben Memoiren nicht etliche Beispiele dafür gibt, wie die Leningrader, jung und alt, Dachböden und Dächer bewachten, um diese im Falle einer Bombardierung mit Brandbomben löschen zu können.

    Oder Beispiele wie Dutzende Museumsmitarbeiter, die in den Kellern der Isaakskathedrale  lebten, unter schwierigsten Bedingungen das Kulturerbe für spätere Ausstellungen schützten, die einige von ihnen nicht mehr miterlebten. Als ob es sie und auch weitere Helden dieser Zeit nie gegeben hätte.

    Im Endeffekt führt der Streben der Autorin, um jeden Preis Zensur und Militarismus dort zu finden, wo sie eigentlich fehlen, zu einem von Widersprüchen überfüllten Kommentar, der selbst wie zensiert erscheint. Die Russen verharmlosen die Geschichte, weil sie ihre Opfer nur mit Panzer-Paraden ehren können, behauptet Bigalke und widerspricht sofort sich selbst, indem sie über den 8. September schreibt, der als offizieller Gedenktag an die Gefallenen in der Leningrader Blockade gilt. An diesem Tag lassen die Russen aber keine Militärtechnik auf den Straßen rollen, wie auch nicht am 22. Juni (dem Tag des Überfalls Hitlers auf die UdSSR).

    Eine „präzise Arbeit mit Fakten“ schafft allerdings der Kollege von Bigalke aus der „Welt“, Thomas Borchert. Seinen Artikel über die Belagerung Leningrads beginnt Borchert überraschenderweise mit Syrien:  

    „Fast eine Million Syrer sind allein nach Deutschland geflüchtet. Wer besser verstehen will, warum so viele Kriegsflüchtlinge aus Aleppo kommen, sollte unbedingt das ‚Blockadebuch Leningrad 1941–1944‘ lesen. Was der Diktator und Massenmörder Assad mit der Einkesselung und Belagerung der Millionenstadt 2016 begann, ließ Hitler die Wehrmacht fast 900 Tage mit klar definiertem Ziel rund um die russische Metropole durchexerzieren, die heute wieder St. Petersburg heißt.“

    Eingang in den Hamburger Standort der Bild-Zeitung (Archivbild)
    © AP Photo / Oliver Fantitsch
    Ein direkter und grober Hitler-Vergleich schon im ersten Abschnitt des Textes über ein ganz anderes Ereignis könnte nur ein einziges Ziel verfolgen: Borchert veranschaulicht auf etwas andere Weise im Unterschied zu Bigalke die Unmenschlichkeit des modernen russischen Staates, der solche Verbündete wie Assad hat. Dass Aleppo tatsächlich nicht eingekesselt, sondern zwischen Regierungstruppen, Oppositionellen und Islamisten geteilt war, wollte der Autor lieber vertuschen. Auch die deutlichen Parallelen zwischen Hitlers Versprechen, den deutschen Soldaten besetzte sowjetische Gebiete nach einem Massaker an Einheimischen zu übergeben, und die Fantasien einiger islamistischer Prediger wurden vom Herrn Borchert gemieden. Und wenn der Journalist wirklich ein Beispiel aus der Gegenwart habe bringen wollen, so hätte er über die Blockade des Donbass samt Millionen seiner Einwohner durch Poroschenkos Ukraine schreiben und dabei die Bundesbehörden erwähnen können, die Hilfstransporte in das Gebiet behindern.

    Zum 75. Jahrestag des kompletten Aufbruchs der Leningrader Blockade lieferten die erwähnten deutschen Medien, so scheint es, eine ganz klare Botschaft an ihre Leser:

    Es gab keine Heldentat von sowjetischen Menschen, weil sie damals wegen der Willkür ihrer eigenen Mächte und nicht im Kampf gegen den Nazismus starben. Die heutigen Russen sind aggressiv und ungebildet, weil sie sich an den Aufbruch der Leningrader Blockade u.a. bei einer Militärparade erinnern.

    Die Tatsache scheint aber anders zu sein, und zwar die Nachfahren von denjenigen, die die Leningrader Einwohner (unter denen auch sehr viele ethnische Deutschen waren) vor 75 Jahren bombardiert, beschossen und mit Hunger gequält hatten, sind einfach unfähig, die Bedeutung dieses Ereignisses für die Nachfahren der Überlebenden zu verstehen. Die Passagen mit Kritik gegen die Russen für ihr Verhältnis dazu oder mit ausführlichen Beschreibungen des Hungers, der laut den Autoren wegen der Verteidigung der Stadt durch die Rote Armee ausgelöst wurde, unterbrechen nur seltene Sätze mit pauschalen Formulierungen über „ein monströses Verbrechen“ Hitlers, an dem indes Millionen von Nazi-Meuchelmördern aus ganz Europa beteiligt waren.

    Eine Empfehlung für Frau Bigalke, Herrn Borchert sowie ihre „wahrheitssuchenden“ Kollegen wäre dann, an diesem Tag doch einfach lieber zu schweigen, falls ihnen jeglicher Ausdruck des Beileids schwer fällt.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Kriegsverbrecher, Manipulieren, öffentliche Meinung, Objektivität, Schande-Rufe, Berichterstattung, Lügenpresse, Kritik, Kriegsverbrechen, Opfer, Nationalsozialismus (Nazismus), Blockade, Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Axel-Springer-Verlag, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), Waffen-SS, Rote Armee, Wehrmacht, Die Welt, SZ, Süddeutsche Zeitung, NSDAP, Adolf Hitler, Josef Stalin, Petro Poroschenko, Drittes Reich, Leningrad, Sowjetunion, Donbass, UdSSR, Syrien, St. Petersburg, Deutschland, Russland, Ukraine