23:55 23 April 2019
SNA Radio
    Warnstreik in Berlin

    Solidarität bitte, statt Gemecker! Niemand streikt aus Langeweile!

    © Sputnik / Ilona Pfeffer
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Andreas Peter
    12549

    Deutschland erlebt immer wieder Streiks, die für viele Menschen ernsthafte Belastungen in einem ohnehin stressigen Alltag darstellen oder kostbare Freizeit ruinieren. Im Internet wird heftig gegen Streiks geschimpft.

    Doch Streiks sind keine Aktionen gelangweilter Arbeitnehmer oder Gewerkschaften. Streiks haben Ursachen, auch länger zurückliegende.

    Kein Zweifel, Streiks nerven.

    Es gibt überhaupt keinen Zweifel. Wer wenig Geld zur Verfügung hat und sich deshalb nur eine Wohnung am Stadtrand und auch kein Auto leisten kann, für den ist der Totalausfall von U-Bahn, Straßenbahn und Bus in einer Stadt wie Berlin eine mittlere Katastrophe, wenn er pünktlich an seinem schlecht bezahlten Arbeitsplatz erscheinen muss.

    Es gibt überhaupt keinen Zweifel. Für gestresste Eltern sind Streiks in Kitas eine mittlere Katastrophe, wenn sie pünktlich am Arbeitsplatz erscheinen müssen und die Großeltern hunderte Kilometer entfernt leben.

    Es gibt überhaupt keinen Zweifel. Wenn Piloten, Lokführer, Sicherheits- oder so genanntes Vorfeldpersonal auf Flughäfen streiken und deshalb der kostbare, unersetzliche Urlaub oder schlicht Freizeit unwiederbringlich verloren ist, dann ist das mehr als nur eine mittlere Katastrophe.

    Es gibt also überhaupt keinen, nicht den geringsten Zweifel. Beinahe jeder Streik trifft uns alle empfindlich in einem Alltag, der auch so schon vollgepackt ist mit Verpflichtungen und Erwartungen an uns, bei denen es niemanden zu interessieren scheint, mit welchen zum Teil absurden Rahmenbedingungen wir sie erfüllen sollen.

    Kein Zweifel, Streiks nerven. Aber!

    Aber! Streik ist ein Grundrecht! Wie anders sollte sich ein Arbeitnehmer denn gegen Zumutungen durch seinen Arbeitgeber zur Wehr setzen? Soll er bitten und betteln? Und wenn das nichts nützt? Sich einfach ergeben?

    Aber! Streik kommt immer unpassend. Natürlich müssen Arbeitnehmer Droh- und Druckpotenzial ausnutzen, das sie haben. Die Arbeitgeber tun das doch auch, gnadenlos. Im Jahr 2005 erpresste der damalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin die Beschäftigten der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG ungeniert mit der Ansage, entweder ihr akzeptiert gravierende Einkommensverluste oder die BVG wird an einen „Investor“ verkauft. Das Ergebnis: Heute verdient ein U-Bahn-Fahrer der BVG mehr als 900 Euro weniger als ein S-Bahn-Fahrer der bundeseigenen Bahntochter S-Bahn-Berlin. Es gibt BVG-Tramfahrer, die müssen „aufstocken“, wie jetzt die Gewerkschaft Verdi öffentlich machte. Und da wundern sich tatsächlich noch Mitmenschen, dass die BVG-Belegschaft die Nase voll hat und seit mehreren Jahren zum ersten Mal wieder streikt?

    >>>Mehr zum Thema: Kurzfristig ganztägiger Warnstreik angekündigt – Neues Flugchaos droht<<<

    Aber! Streik ist kein Spaß, für niemanden. Jede und jeder, auch die Arbeitgeber, sollten sich fragen und der Öffentlichkeit ehrlich Rede und Antwort stehen, ob sie selbstbewusste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder nur untertänige Befehlsempfänger haben wollen, die aus Angst nicht aufmucken und alles mit sich machen lassen und ob man sich selbst so behandeln lassen würde.

    Kein Zweifel, Streiks nerven. Aber dass sie es können, ist nicht Schuld der Streikenden.

    Wer glaubt, Menschen streiken aus Jux und Dallerei oder würden sich über die Konsequenzen für ihre Mitmenschen keine Gedanken machen, der irrt gewaltig. Im Übrigen gehört zur Wahrheit auch:

    Erstens. Dass inzwischen Streiks von vergleichsweise wenigen Arbeitnehmern weitreichende Auswirkungen haben, ist auch Schuld früherer Entscheidungen, die trotz aller Warnungen durchgedrückt wurden. Beispielsweise waren früher bei der Bahn Lokführer, Fahrdienstleiter oder Fahrbegleiter Beamte. Der nachvollziehbare Grund: Beamte dürfen nicht streiken. Als die Bahn 1994 „privatisiert“ wurde, war das Ziel der Politik, die Bahn an die Börse zu bringen. Störfaktor Nummer eins für „Investoren“: Beamte. Also wurden sie zu Beamten des Bundeseisenbahnvermögens (BEV) und sind seither mit dem Instrument der „gesetzlichen Zuweisung“ für die Bahn tätig. Seither wurde kein Bahn-Mitarbeiter mehr verbeamtet. Bis 2028 schrumpft die Zahl der Beamten bei der Bahn von derzeit noch rund 30000 auf dann 10000. Das gilt natürlich auch für Lokführer. Wenn Lokführer also keine Beamten mehr sein sollen, dann dürfen sie auch streiken. Das gilt auch für alle anderen Berufsgruppen, die früher aus gutem Grund mit Beamten besetzt wurden, eben, damit sie nicht streiken. Zum Beispiel auch Fluglotsen.

    Zweitens. Dass beispielsweise Beschäftigte von kommunalen Einrichtungen in Berlin streiken, hat auch damit zu tun, dass gerade die Bundeshauptstadt sich in den zurückliegenden Jahren regelrecht zu Tode gespart hat. Der Einkommensunterschied in vielen Berufen zwischen Berlin und anderen Bundesländern beträgt teilweise mehrere hundert Euro. Die Personaldecke ist durch Pensionierungen und Einstellungsstopp in einigen Bereichen unverantwortlich dünn geworden. Und warum wurden die kommunalen Einrichtungen in Berlin so eingedampft, dass es nun schmort? Weil politischer Filz zugelassen hat, dass die Berliner Bankgesellschaft nach Herzenslust zocken konnte, so dass am Ende obszöne Gewinnversprechen von professionellen Zockern bedient werden mussten, mit einer so genannten Risikoabschirmung, die Berlin im April 2002 auf einen Schlag mehr als 21 Milliarden Euro zusätzliche Schulden aufbürdeten. Im Gegenzug mussten Kitas und Freizeiteinrichtungen schließen. Landeseigene preiswerte Wohnungen wurden verscherbelt, die jetzt teuer wieder zurückgekauft werden. 

    Drittens, dass beispielsweise Sicherheits- und Bodenpersonal an deutschen Flughäfen streikt, hat auch damit zu tun, dass genau dieses Personal inzwischen in riesigem Ausmaß keine Beschäftigten der Airports mehr sind, sondern „Dienstleister“, von Firmen, deren „Dienste“ von den Flughäfen eingekauft werden. Dass diese Menschen mitunter skandalös niedrig bezahlt werden, interessiert einen genervten Urlauber natürlich nicht. Sollte es aber, denn Bundesinnenminister Horst Seehofer will die Sicherheitskontrollen an deutschen Flughäfen komplett privatisieren.

    Man trifft sich immer zweimal im Leben

    Kurz und gut. Uns alle nerven Streiks. Die Streikenden auch. Aber die einzigen, die von mangelnder Solidarität unter abhängig Beschäftigten profitieren, sind nicht die Durchschnittsbürger. Es sind diejenigen, die immer wieder austesten, wie weit sie mit Zumutungen und Belastungen gehen und ob sie die abhängig Beschäftigten gegeneinander ausspielen und aufhetzen können. Im Wissen, dass es immer noch genügend Zeitgenossen gibt, die schnell mit dem Lamentieren sind, aber vergessen, dass schon morgen sie selbst in der Situation sein könnten, um Verständnis dafür zu bitten, sich mit einem Streik gegen Einkommenskürzungen wehren zu wollen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Auswirkungen, Dienstleistungen, Folgen, Personal, Flughäfen, Gewerkschaften, Streik, Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Thilo Sarrazin, Berlin, Deutschland