19:07 09 Dezember 2019
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    Greta Thunberg (i.d.Mitte) beim Weltwirtschaftsforum in Davos (Archivbild)

    Alle wollen ein „Stück“ Greta: Ein offener Brief an die junge Klimaaktivistin

    © REUTERS / Arnd Wiegmann
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    Neben Greta Thunberg streiken auch in Deutschland zahlreiche SchülerInnen freitags für einen besseren Klimaschutz. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz spricht aber Kanzlerin Angela Merkel von einer hybriden Kriegsführung, die auch Kinder betroffen haben soll. Nur ein Beispiel dessen, dass diese nicht ernst genommen werden. Ein Brief.

    Liebe Greta!

    Gestern hat sich die EU auf Klimaschutzvorgaben für Lastwagen und Busse geeinigt. Du sagtest mal, etwas muss getan werden, nun wird „etwas“ getan. So wird der durchschnittliche Kohlendioxid-Ausstoß neuer Fahrzeuge von 2030 an hoffentlich um 30 Prozent niedriger liegen als heutzutage. Wenn es natürlich keine neuen Abgas-Skandale geben wird. Denn diese Grenzwerte für Autoabgase sind kostenaufwendig und gehen den großen Autokonzernen auf die Nerven, das weißt Du ja.

    Du hast zuvor den deutschen Plan für den Kohleausstieg bis 2038 als absolut unverantwortlich kritisiert. Das Ausstiegsdatum sei viel zu spät und absurd, die Leute würden denken, das wäre etwas Gutes, sagtest Du. Schau bitte in Richtung Eschweiler bei Aachen, wo der Betreiber RWE von den Klimaaktivisten nun zwei Millionen Euro fordert, weil sie 2017 das Förderband und damit die Kohleversorgung des Kraftwerks Weisweiler blockiert hatten. Sieben Stunden soll es gedauert haben, bis das Kraftwerk wieder hochgefahren werden konnte. Zwar wollten die Aktivisten auf diese Weise öffentlich auf Klimaschäden durch Kohleproduktion hinweisen, müssen jetzt aber vor Gericht. Die wirtschaftliche Effizienz von jetzt erweist sich wichtiger als Sorgen um die Zukunft.

    ​Die Rede Angela Merkels auf der Sicherheitskonferenz in München hast Du allerdings auch gehört. Auch in Deutschland hast Du viele Nachfolger unter den Schülern. Doch irgendwie verbindet die deutsche Bundeskanzlerin ihre politische Willensbildung mit der angeblich russischen hybriden Kriegsführung im Internet, als würde sie eure politische Willensbildung nicht ernst nehmen. Sie nimmt euch auch nicht ernst.

    ​Du sollst auch wissen, dass Du leider nicht das erste Kind bist, das für unsere Welt kämpft. Vor 26 Jahren war es schon die 12-jährige Kanadierin Severn Cullis-Suzuki, die bei der ersten UN-Klimakonferenz 1992 in Rio de Janeiro mit ihrer Rede in die Welt gegangen war. Hat sich seitdem was geändert? Nehmen wir allein die Klimabilanz in der Ära Merkel (und Deutschland ist im Vergleich zu vielen anderen Staaten wie den USA viel umweltfreundlicher), so liegen die CO2-Emissionen laut Daten des Umweltbundesamts nur unwesentlich unter jenem Niveau, das bei ihrem Amtsantritt registriert wurde. Denn der Ausstieg aus der Atomenergie hat zum Aufleben von Stein- und Braunkohle geführt. Hören wir uns Energieexperten wie Harald Schwarz an, ist es egal, ob Kohle oder Gas, — wenn man alles addiert, kommt am Ende das Gleiche an, denn Gas habe extrem viele Emissionen bei der Förderung und beim Transport. Und allein die erneuerbaren Energien reichen nicht aus – sie sind zu teuer.

    Mit Arbeitnehmerschutz kannst Du wohl jetzt in Deinem Alter wenig anfangen, liebe Greta, aber schau mal in Richtung Lausitz, wo es im Oktober 2018 einen lautstarken Protest Hunderter Braunkohlekumpel gab. 600 Kumpel wurden damals im Kraftwerk Jänschwalde gekündigt. Befürchtet wird weiter der Verlust Tausender Jobs in der Region, wenn das Abbaggern und Verbrennen der Braunkohle endet, denn ein gleichwertiger Ersatz für diese Arbeitsplätze ist nicht in Sicht. Schau mal in Richtung Frankreich, wo am Wochenende seit Monaten tausende Gelbwesten protestieren, weil die in den Peripherien und ländlichen Gebieten lebenden Franzosen zu sehr auf ihr Auto angewiesen sind, viele unter den steigenden Lebenshaltungskosten leiden und die Arbeitslosigkeit hoch ist. Ihr Präsident Emmanuel Macron wollte die Kraftstoffsteuer erhöhen und dadurch die Luftverschmutzung bekämpfen. Schau dir die Unzufriedenen an und sieh ein, dass Du nicht die einzige bist, die protestiert.

    Du musstest dich vor den Hassern schützen, die dir finanzielles Interesse und Manipulationen mit dem Alter und deiner Asperger-Diagnose vorwerfen. Keiner stehe hinter Dir, sagst Du, aber es sind so viele, die sich ein Stück Greta schnappen wollen, von den Unternehmern bis hin zu den Medien, so dass Du äußerst vorsichtig sein musst, um dich nicht von den Geldgierigen einlullen zu lassen. Auch manche Politiker mögen Dich künftig für Ihre politischen Ambitionen ausnutzen.

    ​Sie alle wissen doch, dass Du Recht hast in dem, was Du tust. Doch die Macht des Geldes und die Last der Armut wird noch lange unseren Planeten beschäftigen. Die Raucher wissen, dass das Rauchen tödlich ist. Das wissen auch die Alkoholiker und die Drogensüchtigen. Was Du vermitteln willst, wissen auch die Politiker längst, scheinen aber völlig machtlos vor den „Tabakproduzenten“ und derartigen Lobbyisten zu sein, denen es um jetzt und nicht um danach geht. Diese würden offenbar lieber krepieren, als ihre Macht verlieren.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Aktivistin, Umweltbelastung, Umweltschutz, UN, Münchner Sicherheitskonferenz, EU, Angela Merkel, Schweden, Bayern, München, Deutschland