01:24 11 Dezember 2019
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    Gasförderungsstation in Slochteren nahe Groningen (Archivbild)

    „Tod von Groningen“: Schluss für größtes EU-Gasfeld? Wie nie auf Russland angewiesen

    © AP Photo / Peter Dejong
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    Der niederländische Gashändler GasTerra hat einen Bericht zu den Ergebnissen seiner Arbeit im Jahr 2018 veröffentlicht. Ohne Umschweife wird dort darauf hingewiesen, dass der nationale Gasmarkt nie wieder der alte sein wird – wegen des „bevorstehenden Todes von Groningen“, wo sich das größte Gasfeld Europas befindet.

    Und jetzt zu den einzelnen Details.

    Bodenschätze

    Groningen liegt auf einer geologischen Formation, die sich von Polen im Osten bis Großbritannien im Westen ausbreitet, und dort gewinnen gleich vier Länder Erdgas. Neben den Niederlanden und den bereits erwähnten Polen und Großbritannien ist das auch Deutschland. Erste Informationen über die dortigen Gasmengen erschienen 1959, als Experten der Firma Nederlandse Aardolie Maatschappij (NAM) das drei Kilometer tiefe Bohrloch Slochteren anlegten. Die industrielle Gasförderung begann 1963, bis 1967 wurden die potenziellen Vorräte des Gasfeldes bestimmt: 2,8 Billionen Kubikmeter.

    Zunächst wurden in Groningen etwa 35 Milliarden Kubikmeter Gas gewonnen, aber Mitte der 1970er Jahre erreichte diese Menge mehrere Hundert Milliarden. Laut Expertenprognosen könnte Erdgas in dieser Gegend etwa bis 2080 gefördert werden. In Wirklichkeit entwickelte sich die Situation aber anders als erwartet: Anfang der 1970er Jahre herrschte die Meinung vor, dass die Atomenergie künftig alle anderen Branchen „verdrängen“ würde; deshalb beschloss die Regierung in Den Haag, die Gunst der Stunde zu nutzen und das Gasfeld Groningen maximal intensiv auszubeuten und den Brennstoffexport aufzustocken. Gerade in dieser Zeit wurde die Technologie der Gasförderung auf kleineren Feldern erfolgreich getestet – „kleine-velden-beleid“.

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    Übrigens haben gerade die Niederlande vor dem Hintergrund des „Gas-Booms“ der Weltwirtschaft den Begriff „Holländische Krankheit“ (auch als „Groningen-Effekt“ bekannt) geprägt. Dabei geht es um folgendes: Wenn man zu viele nachgefragte und teure Ressourcen gewinnt und verkauft, führt das zu einer unmotivierten Festigung der nationalen Währung. In den Niederlanden brachte das Anfang der 1980er Jahre einen Inflationsaufschwung und einen Anstieg der Arbeitslosigkeit. Von der „Holländischen Krankheit“ wurden damals auch Saudi-Arabien, Nigeria und Mexiko heimgesucht.

    Die Erde bebt

    Zum ersten Mal wurde die Umgebung Groningens im Dezember 1994 erschüttert: Es gab ein Erdbeben der Stärke 2,4 nach der Richterskala. Damals wurde darauf kaum geachtet, aber je mehr Gas die Niederländer herauspumpten, desto öfter bebte die Erde unter ihren Füßen. Bald wurde klar, dass die erhöhte seismische Aktivität mitten auf dem europäischen Kontinent nicht normal ist, und die Behörden beauftragten Experten mit der Analyse der Situation.

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    Aus dem Expertenbericht ging klar und deutlich hervor, dass die Erdbeben unmittelbar mit der Gasförderung verbunden sind. Mehr noch: Das Dokument enthielt konkrete Angaben, dass schon in der nächsten Zeit wesentlich weniger Brennstoff gewonnen werden könnte, und zwar wegen der „Müdigkeit“ des Gasfeldes und der unumkehrbaren Veränderungen innerhalb des geologischen Massivs. Aber es ist nun einmal so: „Business first“ – und die Niederländer beuteten ihren Boden weiter aus. Und schon im August 2012 ereignete sich nahe der Stadt Huizinge ein neues (und das stärkste – 3,6 Punkte nach der Richterskala) Erdbeben. Bis Anfang 2016 wurden im Land offiziell 900 Erdbeben registriert.

    Hier muss etwas erläutert werden: Die größte Gefahr der seismischen Aktivitäten bestand darin, dass die Niederland von Flüssen und Kanälen durchzogen sind. Dort gibt es Dutzende Dämme, die ziemlich alt sind (manche wurden vor mehr als 100 Jahren gebaut). Die meisten von ihnen sind gegen Erdbeben von maximal 4 Punkten nach der Richterskala resistent. Und sollte Groningen einmal richtig stark „aufatmen“, könnte das für die Niederlande wirklich böse Folgen haben.

    Wie sieht es jetzt aus?

    Das Groningen-Becken wird aktuell von mehreren internationalen Konzernen betrieben, vor allem von NAM (gehört Royal Dutch Shell) und ExxonMobil (USA). Die Infrastruktur besteht aus 22 Fördergebieten, wo es 258 Bohrlöcher gibt. Dort liegen auch 20 Gasreinigungsstationen und ein paar Dutzende Kontrollbohrlöcher.

    Die Dynamik der Gasförderung ist nicht zu übersehen: Im Januar 2014 wurden in Groningen 42 Milliarden Kubikmeter gewonnen, im Dezember 2014 lag diese Zahl bei 39 Milliarden, im Februar 2015 bei 16,5 Milliarden, und im April 2015 wurde im Fördergebiet Loppersum die Erschließung total eingestellt. Bis Juni 2015 gewannen die Holländer 13 Milliarden Kubikmeter Gas, bis November 27 Milliarden Kubikmeter, und ein halbes Jahr später schrumpfte die Förderung auf 24 Milliarden Kubikmeter, um nie wieder zu steigen. Shell suchte nach neuen Vorkommen, was den Konzern drei Milliarden Euro kostete – allerdings vergeblich.

    Aber zurück zum jüngsten GasTerra-Bericht: Bereits im Herbst 2018 musste die niederländische Regierung die Gasfördernormen verschärfen: 2018 durften 21 Milliarden Kubikmeter Brennstoff gewonnen werden, 2019 schon 19 Milliarden Kubikmeter und 2022 nur noch zwölf Milliarden Kubikmeter. 2030 sollte die Gaserschließung in den Niederlanden endgültig eingestellt werden.

    Im vorigen Jahr hat das Land zum ersten Mal seit 1963 mehr Gas importiert als selbst gefördert, und zwei Drittel dieses Brennstoffs wurden aus Norwegen und Russland eingeführt. Und es ist offensichtlich, dass diese Dysbalance zwischen der Eigenproduktion und dem Import immer mehr wachsen wird.

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    Es muss noch hinzugefügt werden, dass Erdgas aus den Niederlanden nicht nur für den Binnenmarkt bestimmt ist, sondern auch nach Deutschland, Belgien und in den Norden Frankreichs exportiert wird. Und wenn es künftig keinen Brennstoff aus Groningen mehr gibt, werden diese Länder mit einem Energieträger-Defizit zu kämpfen haben, das nur schwer ersetzt werden kann. Denn das niederländische Gas hat konkrete Eigenschaften: Es hat einen Stickstoffgehalt von höchstens 14 Prozent und weniger Kalorien als Brennstoff selbst von anderen niederländischen Vorkommen. Alle Gasdepots wurden unter Berücksichtigung dieser Eigenschaften gebaut, und jetzt müssen die Deutschen, Belgier und Franzosen ihre Kraftwerke dringend umbauen, damit sie beispielsweise norwegisches Gas empfangen können.

    Es bestehen keine Zweifel, dass die zuständigen Beamten in Brüssel die geschilderte Situation kennen, und gerade deshalb wollen viele EU-Länder wider den Willen Washingtons nicht auf das russische Pipelinegas und die Leitung Nord Stream 2 verzichten. Übrigens wurden durch den ersten Nord-Stream-Strang, dessen nominale Kapazität bei 55 Milliarden Kubikmeter liegt, ganze 57 Milliarden Kubikmeter gepumpt. Das kann doch kein reiner Zufall gewesen sein.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    LNG, Gaslieferungen, Gasfeld, Gaspipeline, Gas, Erdgas, Gasförderung, Erdbeben, Nord Stream 2, EU, Gazprom, Europa, Niederlande, Polen, USA, Russland