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12:48 18 Oktober 2019
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    Peros Banhos, eines der Atolle im Chagos-Archipel im Indischen Ozean

    UN-Gericht zwingt London zu Freigabe besetzter Inseln – doch dazu kommt es nicht

    © Sputnik / Anton Denisow
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    Dreizehn Richter des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag haben letzte Woche dafür gestimmt, dass Großbritannien eine Inselgruppe im Indischen Ozean an Mauritius abtreten soll. Nur eine Gegenstimme gab es: die einer US-Vertreterin. Ein jahrzehntelanger Gebietsstreit sei mit diesem Urteil beigelegt worden – könnte man meinen.

    Bezeichnend ist das Urteil von Den Haag in mehrfacher Hinsicht. Es ist ein weiteres Beispiel dafür, dass westliche Regierungen die Gesetze und Beschlüsse internationaler Organe nicht zwingend als bindend ansehen. London hat nämlich schon angekündigt, den Gerichtbeschluss „sorgfältig zu prüfen“. Aus dem Diplomatischen übersetzt, heißt das so viel wie „Die Inselgruppe ist und bleibt britisch“. Vor allem aber ist der Beschluss des Internationalen Gerichtshofs eine Erinnerung an ein im Westen des 20. Jahrhunderts gebräuchliches politisches Instrument: das der Vertreibung und Verschleppung ganzer Völker.

    Worum es bei dem Urteil geht, ist der Chagos-Archipel: mehrere dutzend kleiner Atolle, die mitten im Indischen Ozean verstreut sind. Das größte Atoll – Diego Garcia – hat gerademal eine Fläche von 27 Quadratkilometern. Die Frage, ob diese Kleininseln einer gerichtlichen Auseinandersetzung überhaupt wert sind, wäre also gar nicht so abwegig.

    Wäre da nicht die strategische Bedeutung dieses Archipels samt dem riesigen Gebiet von 500.000 Quadratkilometern um die Inseln herum, die London zu seiner „exklusiven Meereszone“ erklärt hatte – ein Areal, doppelt so groß wie Großbritannien selbst.

    Auf Diego Garcia befindet sich einer der größten und geheimsten Stützpunkte der Vereinigten Staaten im Ausland. Von dort aus wurden Einsätze in Irak und Afghanistan koordiniert. Auch soll die Anlage vor noch gar nicht so langer Zeit dem Geheimdienst CIA als Foltergefängnis gedient haben, wie einige US-Beamte einräumten.

    Was das Schicksal des Chagos-Archipels bestimmt, sind deshalb nicht die international gültigen Normen und Gesetze, sondern das Interesse der Amerikaner am Erhalt ihrer Basis auf dem Atoll. Londons Abhängigkeit von Washington in dieser Frage ist von Anfang an unübersehbar gewesen, gerade weil die Briten seit Jahrzehnten zu beweisen versuchen, der Gebietsstreit um den Archipel sei eine Sache nur zwischen Großbritannien und Mauritius und bedürfe keiner Prüfung durch UN-Gerichte.

    Bis in die 1970er Jahre hinein lebten auf den paradiesischen Inseln 2000 bis 4000 Menschen, allesamt Ureinwohner des Archipels. Als die USA Ende der 1960er beschlossen, dort einen Stützpunkt anzulegen, war ihr Schicksal besiegelt: Washington forderte von London eine Zwangsumsiedlung der Inselbewohner.

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    Wie zynisch die „Kolonialherren“ über die Verschleppung der Ureinwohner damals sprachen, wissen wir dank dem Prozess in Den Haag, im Zuge dessen einige Details aus dem Schriftverkehr zwischen den Behörden bekannt geworden sind. Auf dem Archipel werde es „keine Ureinwohner“ geben, „außer den Schwalben“, versicherte etwa ein ranghoher Bediensteter des britischen Außenministeriums einem amerikanischen Kollegen 1966.

    In den Jahren 1971-73 wurde das Stammvolk des Chagos-Archipels aus der Heimat vertrieben, ohne Recht auf Rückkehr. Einige dieser Menschen wurden mit symbolischen Beträgen „entschädigt“, andere streiten bis heute um eine Wiedergutmachung. Viele der Betroffenen sind heute noch am Leben: Die Vertreibung, die sie erlitten haben, ist ja noch gar nicht so lange her.

    Eines fällt beim Nachdenken darüber besonders auf. Vertreibung, Verschleppung, Deportation – das bringt man normalerweise mit der Sowjetunion und dem Stalinismus in Verbindung. Dabei ist Chagos bei weitem kein Einzelfall in der jüngsten Vergangenheit des Westens.

    Man denke nur an das traurige Schicksal der Menschen auf dem Bikini-Atoll, das in ein Testgelände für amerikanische Atombomben verwandelt wurde. Die Ureinwohner wurden nicht einfach vertrieben – sie mussten quasi als Versuchskaninchen herhalten für die Erforschung der Auswirkung atomarer Verseuchung auf den Menschen.

    Und in den 1950er Jahren siedelte die kanadische Regierung zwangsweise die Inuit um – aus rohstoffreichen Gebieten in unbewohnte arktische Gegenden. Die Maßnahme diene nur dem Wohle dieses Volkes: Weitab der Zivilisation könnten die Ureinwohner Kanadas ihre authentische Lebensweise bewahren, hieß es damals offiziell.

    Besonders grausam war natürlich die Zwangsdeportation von Millionen Menschen in Indien und Pakistan, als die beiden Länder unter maßgeblichem Einfluss Großbritanniens und internationaler Institutionen aufgeteilt wurden. Nach ungefähren Schätzungen starben dabei bis zu eine Million Menschen.

    Selbst auf europäischem Boden wurden noch in den 1990er Jahren Völker zwangsverschoben: Die vom Westen betriebene Aufteilung Jugoslawiens bedeutete einen Massenexodus von Serben aus Kroatien und dem Kosovo.

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    Doch: Zu sagen, es habe in Großbritannien keine Stimmen gegeben, die die Umsiedlungspolitik der britischen Regierung bereut und kritisiert hätten, wäre definitiv falsch. Renommierte Journalisten schrieben, sie würden sich dafür schämen, wie London mit den Menschen vom Chagos-Archipel umgegangen sei.

    Für die britischen Officials ist das aber kein Hindernis, die Inselgruppe weiter für sich zu beanspruchen, trotz des Urteils aus Den Haag. Die Haltung in London: Chagos bleibt britisch, zumindest solange die Amerikaner den Archipel zu „Sicherheitszwecken“ benötigen – also für immer.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Sicherheit, Rückkehr, Freigabe, Insel, besetzen, Gericht, UN, CIA, Kosovo, Kroatien, Jugoslawien, Pakistan, Indien, Westen, Sowjetunion, Washington, Mauritius, Afghanistan, Irak, USA, Indischer Ozean, Chagos-Archipel, London, Den Haag, Holland, Niederlande, Großbritannien