SNA Radio
    Russische Forschungsexpedition in der Arktis (Archivbild)

    Warum Russland seine Grenzen in der Arktis ausweiten wird

    © Sputnik / Anna Judina
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Tatjana Pitschugina
    201885

    Gelingt Russland der Beweis, dass ein bestimmtes Unterwasser-Gebirge in der Arktis zum russischen Kontinentalschelf gehört, darf das Land seine Grenze um 350 Meilen in das Nordpolarmeer verschieben. Das wäre nicht nur ein Flächengewinn. Denn Fachleute vermuten in dieser Gegend ein Kohlenwasserstoffvorkommen von rund fünf Milliarden Tonnen.

    Den Antrag auf die Erweiterung seines Landesgebiets im Nordpolarmeer hat Russland vor über drei Jahren schon gestellt, bei den Vereinten Nationen. Eine spezielle Kommission befasst sich damit. Ende letzten Monats wurde bekannt, dass das Gremium die Erfolgsaussichten des russischen Anliegens als hoch einschätzt.

    Worum sich bei dem Antrag alles dreht, ist der sog. Lomonossow-Rücken – ein rund 1.700 km langes Unterwasser-Gebirge, das sich von den Neusibirischen Inseln über den Nordpol bis nach Grönland erstreckt.

    Mitte des vergangenen Jahrhunderts haben Meeresgeologen gigantische Berge auf dem Meeresgrund entdeckt, die sich den gesamten Erdball entlang ziehen: den sog.  Mittelozeanischen Rücken.

    Geophysiker haben erkannt, dass dieser Rücken sich entlang zweier Lithosphärenplatten erstreckt – dort also, wo neue Erdkruste entsteht. Die Wissenschaftler entdeckten nämlich an bestimmten Abschnitten des Ozeanbodens das, was Fachleute als geomagnetische Inversion bezeichnen: streckenweise unterschiedlich starke Magnetfelder.

    >>>Mehr zum Thema: Mit neuem Atomeisbrecher dominiert Russland die Arktis<<<

    Auch am sog. Gakkelrücken – einer Erhebung im Westen des Nordpolarmeers – wurden Abweichungen im Magnetfeld der Erde gemessen. Das heißt, dass die Lithosphärenplatten an diesen Stellen auseinandergehen, langsam aber stetig, um einige Millimeter pro Jahr. Gesteinsschmelze kommt empor.

    Begonnen hat dieser Vorgang vor über 50 Millionen Jahren. Zu der Zeit entstand auch der Lomonossow-Rücken. Nahezu alle geologischen Befunde – aus Russland und aus anderen Ländern – zeigen allerdings, dass dieses Gebiet östlich des Gakkelrückens zum eurasischen Kontinentalschelf gehört. Schon 1991 haben deutsche Polarforscher die Vermutung angestellt, das Unterwasser-Gebirge sei einmal Teil des eurasischen Festlands gewesen.

    2001 hatte Russland dann bei den Vereinten Nationen die Ausweitung seiner Grenzen in der Nordpolarregion beantragt. Die zuständige Kommission wertete den Antrag allerdings als wissenschaftlich unzureichend fundiert. Ein weiterer Antrag folgte 2015, diesmal mit neuen geologischen Daten untermauert. Die endgültige Entscheidung in dieser Sache steht noch aus, doch die Kommission scheint das Anliegen billigend zu prüfen. Ähnliche Anträge werden übrigens auch von Dänemark und Kanada erwartet.

    Indes haben Meeresforscher aus wissenschaftlichen Einrichtungen in Sankt Petersburg in einem Fachartikel die Ergebnisse ihrer jahrelangen geologischen Erkundungen zusammengetragen, die sie im Nordpolarmeer durchführten.

    >>>Mehr zum Thema: Was treibt die USA an den Nordpol – wenn nicht das Geschäft?<<<

    Demnach ähnelt der Lomonossow-Rücken im Aufbau und in der Substanz dem Gestein jener Berge, die die Forscher am Grund der Barents- und der Karasee vorfinden: Unter einer Schicht von Sedimentgestein ruht ein uralter Kontinent, der entstanden war, lange bevor sich dort ein Meer gebildet hat. Der Lomonossow-Rücken ist demgemäß ein Teil des Festlands, der an der Bruchstelle hochgerissen wurde. Vor zehn bis dreizehn Millionen Jahren war der Rücken kein Meeresgrund, sondern eben Festland.

    Dass der Lomonossow-Rücken zum eurasischen Kontinent gehört, bezeugt auch die niedrige seismische Aktivität in diesem Gebiet. Fänden hier seismische Verschiebungen statt, die für den Ozeanboden typisch sind, würden Erdstöße mit der Stärke 6 bis 7 gemessen. Was man tatsächlich misst, sind Stöße von höchstens 3,5. Ergo: Der Lomonossow-Rücken und die russische Arktis gehören zu einem Ganzen: sie sind zwei Teile ein und derselben Lithosphärenplatte.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Förderung, Bodenschätze, Ozean, Grenzen, Rohstoffe, Meer, Lomonossow-Rücken, Nordpol, Nordpolarmeer, Arktis, Russland