14:55 18 Juni 2019
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    Ölförderung in Colorado (Archivbild)

    US-Fracking-Boom schon wieder vorbei: Versiegende Quellen, verschreckte Investoren

    © AP Photo / David Zalubowski
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    Natalja Dembinskaja
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    Den US-Schieferölfirmen gehen die Geldquellen aus. Im vergangenen Jahr gingen die Investitionen an der Wall Street in die Fracking-Branche im Vergleich zu 2016 um das Doppelte zurück. Im Vergleich zu 2012 gingen die Investitionen sogar um zwei Drittel zurück.

    Wegen der fehlenden Finanzierungsmittel kürzen die Schieferölförderer nun ihre Budgets und rechnen mit Preiserhöhungen. Laut BP-Chef Robert Dudley fehlt der Fracking-Industrie ein „Gehirn“, um die Preise zu lenken. Was auf dem Schieferölmarkt los ist – das lesen Sie in diesem Artikel.

    Reine Verluste

    Von 2010 bis 2014 führten die Entwicklung der Technologien und hohe Ölpreise zu einem explosiven Wachstum der Investitionen in die Ölförderung auf Schiefervorkommen. Doch 2015 sackte der Ölpreis erdrutschartig ab, und die Schieferölindustrie musste ums Überleben kämpfen.

    Etwa 100 Förderer gingen pleite und hinterließen einen Schuldenberg in Höhe von knapp 70 Mrd. Dollar. Sie zogen eigenes Kapital hinzu, um die Kosten zu senken. Dank der gestiegenen Effizienz der Fördertechnologien begann der Markt 2017 sich wieder zu erholen – die Investitionen stiegen um 60 Prozent. Dennoch ist die Branche immer noch weit von der Rentabilität entfernt.

    „Tausende Bohrlöcher auf den Schiefervorkommen, die in den vergangenen fünf Jahren gebohrt wurden, pumpen weniger Öl und Gas, als von den Besitzern den Investoren versprochen worden war“, schreibt „The Wall Street Journal“. „Das lässt Zweifel aufkommen – sind die Schieferbohrungen tatsächlich so gewinnbringend und aussichtsreich, womit die USA ihre Hoffnungen auf den Aufstieg der USA zur Ölsupermacht verbinden?“

    Laut Einschätzung der norwegischen Consultingfirma Rystad Energy ist davon auszugehen, dass die meisten US-Schieferölunternehmen mindestens zehn Prozent weniger Öl und Gas fördern werden, als prognostiziert worden war. In einzelnen Regionen werde der Rückstand sogar bei mehr als 50 Prozent liegen. 

    Damit werden die Fracking-Unternehmen in den nächsten 30 Jahren rund eine Milliarde Barrel Öl und Gas weniger fördern, als den früheren Prognosen zu entnehmen war. Bei den aktuellen Preisen sind das fast 30 Mrd. Dollar weniger als erwartet.

    Zu den Unternehmen, deren faktische Fördermenge niedriger als die Prognosen sein wird, gehören zwei große Öl- und Gasproduzenten in West Texas und New Mexiko – Pioneer Natural Resources und Parsley Energy.

    „Schwarzes Schaf“ für Investoren

    Die Ölförderung in den USA kletterte auf eine Rekordmenge  —  11,5 Mio. Barrel pro Tag, In vielerlei Hinsicht geschah dies dank des Schieferöl-Booms. Nach „Wall Street Journal“-Angaben ist es aber sehr schwer, diese hohen Kennzahlen aufrechtzuerhalten, denn die Betreiberfirmen müssen immer mehr Bohrlöcher anlegen, was enorme Kosten verursacht. Es gebe aber kein Geld – seit Oktober seien die Rohölpreise um 40 Prozent gesunken, die Ausgaben müssten gekürzt werden, es seien keine großen Investitionen zu erwarten.

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    Für Investoren erwiesen sich die Fracking-Unternehmen als ein „schwarzes Schaf“, wie die Finanzfirma FactSat konstatiert. Seit 2007 sei der Aktienindex der US-Frackingunternehmen um 31 Prozent gesunken, während der S&P-Index um 80 Prozent gestiegen sei.

    Analysten zufolge hat die Branche im Lauf von zehn Jahre die in sie gelegten Hoffnungen nicht gerechtfertigt. Nach Angaben der Consultingfirma Evercore ISI gaben die Energieunternehmen in dieser Periode 280 Mrd. Dollar mehr aus, als sie bei der Öl- und Gasförderung gewannen.

    Im vergangenen Jahr hätten die US-Frackingfirmen nur 22 Mrd. Dollar auf den Aktienmärkten herangezogen — doppelt weniger als 2016 und nur ein Drittel jener Mittel, die der Markt 2012 bekommen habe, so Analysten der Forschungsfirma Dealogic.

    Investoren schreiben Verluste

    „Investoren wollen ihr Geld  nicht mehr verlieren. Viele sagen den Unternehmen direkt – wenn die Branche sich nicht mehr diszipliniert, kehren sie nicht zurück“, so Todd Heltman, Senior Analyst des Energiesektors der New Yorker Firma Neuberger Berman Group, der Aktien von Fracking-Unternehmen gehören.

    Experten zufolge ist die Schieferölindustrie in einen Teufelskreis geraten. Die Besonderheit dieser Branche ist das schnelle Versiegen der Bohrlöcher. Kurz nach dem Abschluss der Bohrung geht die Fördermenge sehr schnell zurück.

    Um diesen Mangel auszugleichen, müssten die Unternehmen die eigentliche Zahl der neuen Bohrlöcher erhöhen, was ohne zusätzliche Ausgaben unmöglich sei, sagt der Chef der Öl-Service-Firma Schlumberger, Paal Kibsgaard. Doch die Investoren wollen keine Aktien von Unternehmen kaufen, die die Budgets für Bohrungen erhöht haben, weil steigende Aktienkurse nicht zu erwarten sind.

    „Vor einigen Jahren wollten alle in vielversprechende Fracking-Projekte investieren“, sagte Scott Roberts von Invesco mit gesteuerten Aktiva von mehr als 800 Mrd. Dollar. „Zu viele machten diesen Fehler und sehen jetzt von solchen Investitionen ab.“

    Budgets kürzen

    Der akute Mangel an Investitionen zwingt die Unternehmen zur Revision der Produktionspläne. Seit Dezember setzen die Frackingfirmen bei ihren Budgets für dieses Jahr den Rotstift an – erstmals seit einigen Jahren. Große Förderer wie Centennial Ressource Development, Diamondblack Energy und Parsley Energy kürzten die geplanten Ausgaben um etwa 15 Prozent.

    Mehr als zehn Produzenten kündigten Einsparungen an – trotz eines 20-prozentigen Anstiegs der Preise im Vergleich zu den minimalen Werten vom Dezember.

    Die absolute Abhängigkeit von den Ölpreisen ist eines der Hauptprobleme der Fracking-Branche.

    Laut BP-Chef Robert Dudley reagiert der US-Schieferölmarkt im Unterschied zu Saudi-Arabien und Russland, die die Förderung je nach Nachfrage korrigieren können, ausschließlich auf die Preise.

    „Die USA sind das einzige Land, wo man so auf die Marktsignale reagiert, das ist ein Markt ohne Gehirn“, so Dudley.

    Bei WTI-Ölpreisen von etwa 57 Dollar würde selbst ein unbedeutender Anstieg der Preise der Anleihemittel ausreichen, damit einige Unternehmen in diesem Jahr ohne Gewinne bleiben.

    „Für den Start von neuen Projekten sollte der WTI-Öl-Preis stabil bei rund 60 Dollar liegen“, sagte der Chef der Hess Corporation, John Hess, beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

    Doch selbst bei einer günstigen Preiskonjunktur ist das Potential der Schieferölförderung stark begrenzt. Laut Prognose von Hess haben die Frackingunternehmen in den nächsten Jahren gute Chancen zum Ausbau ihres Anteils am globalen Angebot auf zehn Prozent, doch danach wird das Wachstum sinken – wegen des Versiegens der Vorräte.

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    Tags:
    Ölpreise, Unternehmen, Schieferöl, Gehirn, Ölförderung, Öl, Forschung, Gas, Gasförderung, Investitionen, Fracking, Rystad Energy, British Petroleum (BP), Wall Street Journal, Robert Dudley, Saudi-Arabien, USA, Russland