Widgets Magazine
20:31 12 November 2019
SNA Radio
    Treffen von Sergej Lawrow und Hillary Clinton in Genf (Archivbild)

    „Wir dachten, wir hätten gesiegt“ – über das Verhältnis Russlands und der USA

    © AP Photo / Fabrice Coffrini
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Von
    452669
    Abonnieren

    Vor exakt zehn Jahren, 6. März 2009, Hotel Intercontinental in Genf: Die Außenminister Russlands und der USA, Sergej Lawrow und Hillary Clinton, treffen sich. Die Ministerin aus Washington hat ein Geschenk für ihren Amtskollegen aus Moskau dabei: Ein Symbol für den Neustart im Verhältnis der USA zu Russland. Von dem Augenblick an geht alles schief.

    Es war das erste Treffen von Lawrow und Clinton überhaupt. Die neue Chefin des State Department überreicht ihrem Kollegen aus Russland einen fetten roten Button. „PEREGRUZKA“ steht darauf geschrieben, Russisch für „Überlastung“. „Wir haben uns sehr bemüht, dieses Wort auf Russisch richtig zu schreiben. Ist uns das gelungen?“ fragt Clinton. „Hier muss ‚pereZAgruzka‘ stehen“, korrigiert Lawrow. Das wäre auf Russisch „Neustart“ gewesen.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Hillary Clinton will nicht mehr für US-Präsidentschaft kandidieren<<<

    Den peinlichen Moment kaschiert Clinton mit einem Witz, die beiden Außenminister beteuern freundschaftliche Absichten – und drücken den Knopf dann doch noch, für die Kameras der Reporter. Eine Überlastung in den amerikanisch-russischen Beziehungen werde sie nicht zulassen, verspricht die Ministerin aus Washington.

    Danach beginnen lebhafte Gespräche. Die Minister behandeln die Raketenabwehr, das NewSTART-Abkommen, das iranische Atomprogramm, kurzum: alle Probleme, die sich damals angestaut hatten. Dass es zwischen den USA und Russland zehn Jahre später noch mehr Probleme – eine echte Überlastung eben – geben wird, dachte damals im Genfer Hotel Intercontinental wohl niemand.

    Nach dem symbolischen Neustart reiste Präsident Obama zum ersten Mal nach Moskau. Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen verbesserte sich rasant. Beim Russland-EU-Gipfel kam der Gedanke an eine Modernisierungspartnerschaft auf, Moskau und Brüssel schnürten eine Vereinbarung über visafreies Reisen fast schon zu … Russland und die USA unterzeichneten das NewSTART-Abkommen, das eine Abrüstung bei Atomwaffen, schweren Bombern und ballistischen Interkontinentalraketen vorsieht (läuft 2021 ab).

    Das Papier hatte viele Kritiker auf beiden Seiten, aber es entsprach letztlich doch den Interessen beider Länder – und schuf die Voraussetzungen für eine bessere Kooperation Russlands und der USA im Bereich der Atomkraft. Schon 2011 trat das Abkommen über die Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie in Kraft.

    Außerdem erlaubte Moskau den USA und ihren Verbündeten, Nachschub für deren Truppen in Afghanistan über russisches Gebiet zu transportieren. Und: Russland konnte endlich der Welthandelsorganisation beitreten. Ohne Washingtons aktive Unterstützung hätte sich dieser Vorgang wohl noch weiter in die Länge gezogen. Es war das Weiße Haus, das seine Verbündeten davon überzeugte, die letzten Hürden für die Aufnahme Russlands in die WTO auszuräumen.

    Überhaupt wurde der Ton der Amerikaner im Umgang mit Russland sanfter. Washington sah ein, dass der Erfolg der Koalitionstruppen im Irak und die Lösung des iranischen wie nordkoreanischen Atomproblems von Russland abhing. Auch beunruhigte die Zuwendung Russlands zu China, die sich damals abzeichnete, das Weiße Haus.

    Aber auch Moskau brauchte den Neustart. Nach den tragischen Ereignissen in Südossetien war Russland international nahezu komplett isoliert: selbst die Partner aus der GUS, der SOZ und der BRICS enthielten sich einer direkten Unterstützung – das Verhältnis zu den USA war erst recht bis zum Zerreißen angespannt. Dennoch waren beide Seiten 2009 an einer Annäherung interessiert.

    Dann, im Juni 2013: Der NSA-Skandal. Edward Snowden, ein ehemaliger Mitarbeiter des US-Geheimdiensts, gab vertrauliche Informationen an die Medien weiter, wonach US-Amerikaner friedliche Bürger weltweit ausspähen. Der Whistleblower musste sein Land verlassen, Russland gewährte Asyl, Washington wertete das als einen feindseligen Akt. Barack Obama sagte seinen Besuch in Moskau im Vorfeld des G20-Gipfels in Sankt-Petersburg ab – auch bei dem Spitzentreffen fanden bilaterale Gespräche nicht statt.

    Von einem Neustart war nichts mehr zu hören. Und 2014 beerdigte der neue US-Außenminister John Kerry die Neustartpolitik ganz, wegen des Referendums auf der Krim und dem darauffolgenden Anschluss der autonomen Republik an Russland. Die USA bezeichneten das als Okkupation und verhängten Sanktionen – Russland reagierte spiegelbildlich. Ein Schneeball an gegenseitigen Vorwürfen und Sanktionen rollte.

    Mit dem Machtwechsel im Weißen Haus kam Hoffnung auf eine Normalisierung der Beziehungen auf. Im Wahlkampf hatte Trump die Außenpolitik der Vereinigten Staaten kritisiert und gesagt, er könnte mit Putin bestens klarkommen. Selbst die Anerkennung der Krim als russisch käme für ihn in Frage. Kaum im Amt, änderte Trump seine Rhetorik abrupt.

    Er erwarte von der russischen Führung eine „Deeskalation in der Ukraine und die Rückgabe der Krim“, polterte der frisch gewählte US-Präsident. Bis dahin würden die Sanktionen bestehen bleiben.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Vor der Krim: Wofür setzt Russlands Grenzgarde neue Schnellboote ein?<<<

    Als die USA dann die syrische Luftwaffenbasis Schairat bombardierten, erklärte Moskau, mit dem Angriff habe Washington etwas schwer beschädigt, das eh schon im beklagenswerten Zustand sei: das amerikanisch-russische Verhältnis. Trump räumte ein, mit Russland laufe es gegenwärtig nicht rund.

    Aber: Beim Gipfel von Helsinki bezeichnete der US-Präsident die Gespräche mit seinem russischen Amtskollegen als „sehr positiv und konkret“. Worin genau die beiden Präsidenten konkret geworden sind, verriet Trump jedoch nicht.

    Noch weiter entfernen sich die beiden Länder voneinander durch den einseitigen Ausstieg der Vereinigten Staaten aus dem INF-Vertrag, durch den Bruch mit dem Iraner Atomabkommen und die ständigen Ermittlungen von CIA, FBI und NSA. Die Geheimdienste werfen Russland vor, durch Cyber-Attacken den Ausgang der Präsidentschaftswahl in den USA beeinflusst zu haben. Moskau bestreitet die Vorwürfe: Die Amerikaner legen keine Beweise vor.

    Siegessäule in Berlin (Archivbild)
    © AFP 2019 / dpa / Paul Zinken

    Einen echten Neustart im Verhältnis der USA zu Russland hat es also nicht gegeben. Vielleicht hatten die beiden Seiten einfach zu unterschiedliche Vorstellungen davon, was eine Partnerschaft bedeutet. Die langjährige Moskau-Kritikerin Madeleine Albright scheint genau das zu bestätigen: „Wir hatten angenommen, der Kalte Krieg sei vorbei und wir hätten gesiegt“, sagte sie kürzlich. „Wir vergessen, dass wir es mit einem KGB-Agenten zu tun haben. Ich glaube, er hat mit dem schwachen Blatt, das er hatte, eine sehr gute Partie gespielt. … Putin hat sein Land zurückgeführt in die internationale Arena.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Perezagruzka, Überlastung, Whistleblower, G20-Gipfel, Freundschaft, Internationale Beziehungen, Neustart, Partnerschaft, Kooperation, INF-Vertrag, Atomwaffen, Sanktionen, Hotel Intercontinental, Weißes Haus, KGB, NSA, FBI, BRICS, SOZ, CIA, GUS, WTO, Donald Trump, Hillary Clinton, Madeleine Albright, Edward Snowden, John Kerry, Sergej Lawrow, Barack Obama, Wladimir Putin, EU, Genf, Iran, Südossetien, Syrien, Irak, Afghanistan, Nordkorea, Krim, USA, Russland, Ukraine, China