15:40 19 März 2019
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    Gemälde Geburt eines neuen Planeten

    Forscher: Menschheit stirbt aus, und das ist auch gut so

    © Sputnik / Illustration / K. Juon
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    Viktor Marachowski
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    Erstmals seit 50 Jahren diskutieren die internationalen Medien erneut die Geburten- und Sterberaten und darüber, wie lange die Menschheit noch leben wird.

    Die Diskutierenden sind sich darin einig, dass die Weltbevölkerung eher vom Aussterben bedroht ist. Die Frage besteht nur im Ausmaß und ob das schlecht oder gut ist.

    Das vorherige Auftauchen des globalen Interesses an der Demografie war Ende der 1960er-Jahre. Damals erschien eine ganze Reihe von populärwissenschaftlichen Büchern („Hunger 1975“, „Populations-Bombe“), die der Idee der Überbevölkerung der Erde gewidmet waren. Mit furchteinflößenden Statistiken des Babybooms zeigten Wissenschaftler, dass sich die Menschheit bereits in den 1970er-Jahren so stark vermehren würde, dass hunderte Millionen an Hunger sterben würden. Das Bevölkerungswachstum (bis 24 Mrd. im 21. Jh.) werde die Wirtschaft und die Umwelt zerstören. Aus diesem Grund müsse man dringend mit der Entwicklung von Methoden zum Abbau der Geburtenrate beginnen, hieß es damals.

    Auf die populärwissenschaftlichen Bücher folgten die schöngeistige Literatur und die Filmkunst. In den 1970er-Jahren begann jeder zweite Film über die Zukunft mit den Worten „wegen der Übervölkerung ereignete sich auf der Erde eine grausame Katastrophe“.

    Viele Länder nahmen damals diese Bedrohung sehr ernst. Viele Staaten starteten Programme zur Geburtenkontrolle. In vielen Ländern wurde für Kleinfamilien mit wenigen Kindern geworben.

    Im Jahr 2019 hat sich die Situation geändert.

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    Ja, die Weltbevölkerung wächst im Ganzen weiter. Dennoch geht die Geburtenrate fast überall auf der Erde zurück.

    Fast in der Hälfte der Länder der Erde, darunter China, Russland, USA, Japan, Brasilien, ist die Geburtenrate niedriger als das Reproduktionsniveau. Also grob gesagt: Es kommen weniger Kinder zur Welt, als es potenzielle Eltern gab. Jetzt funktioniert bislang der Effekt der gestiegenen Lebensdauer, dennoch werden die gesamten Zahlen bald, wenn die „großen“ Generationen aussterben und den kleinen Generationen den Platz frei machen werden, nach unten gehen.

    Laut dem vor kurzem erschienenen Buch „Empty Planet“ der kanadischen Wissenschaftler Darrel Bricker und John Ibbitson wird die Erde ihren arithmetischen Höhepunkt (etwa neun Mrd. Menschen) in den nächsten 30 Jahren erreichen, anschließend wird die Zahl zurückgehen.  Dann kann dieser Rückgang vielleicht nicht mehr gestoppt werden – weil er einen Domino-Effekt haben wird.

    In den vergangenen Jahren beobachteten wir überall auf der Erde Versuche, das drohende Aussterben zu verhindern. In China wurde 2016 offiziell die „Eine Familie – ein Kind“-Politik für beendet erklärt. In Südkorea wird dafür geworben, viele Kinder zu bekommen. In Italien wurde der „Tag der Fertilität“ eingeführt. In Ungarn sind kinderreiche Mütter von der Einkommenssteuer befreit. An Familien, die viele Kinder bekommen wollen, werden zinslose Kredite für Häuser und Autos ausgereicht.

    Doch bislang greifen alle diese Maßnahmen ins Leere. In China ist die Geburtenrate nach einem kurzen Anstieg im Jahr 2016 von 16,55 auf 17,85 Mio. erneut auf den Negativrekord von 15,23 Mio. im Jahr 2018 gefallen. Italien, das trotz des Zuzugs vieler Einwanderer ausstirbt, verzeichnete ebenfalls einen Negativrekord. Auch in Ungarn sind keine Anzeichen eines Wachstums zu erkennen. Südkorea verzeichnete einen neuen globalen Negativrekord unter den großen Nationen – der Index der Geburtenrate sank auf das Niveau von weniger als ein Kind pro Frau.

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    Der Grenze des „verschobenen Aussterbens“ nähern sich auch Nationen an, von denen man so etwas kaum erwartet hatte. In Indien sank die Geburtenrate auf weniger als das „2,0-Niveau“ in fast allen Städten und in zwölf Bundesstaaten. Auch Bangladesch, Vietnam, Malaysia und Myanmar haben niedrige Geburtenzahlen zu verzeichnen. Die Geburtenrate sinkt auch in Saudi-Arabien, auf den Philippinen, in Argentinien und Indonesien.

    Sogar in Afrika – der Hauptquelle des Wachstums der Bevölkerung – ist ein Rückgang der Reproduktion zu erkennen. 

    Es stellt sich die Frage, wie sich die Situation weiterentwickeln wird. Bei dieser Frage prallen zwei unversöhnliche Zukunftsprognosen aufeinander.

    Im Laufe eines halben Jahrhunderts wurde aus Angst vor Überbesiedlung eine ganze Industrie geschaffen – zahlreiche internationale Institutionen zur Geburtenkontrolle mit hunderttausenden Mitarbeitern. Dazu gehören auch Wissenschaftler, die seit Jahrzehnten nach Optionen zum Abbau der Geburtenrate suchten.

    Laut Vertretern dieser „alten Schule“ wie Sarah Harper von der University of Oxford sollte das bevorstehende Aussterben nicht betrauert, sondern begrüßt werden. Weil in der wissensbasierten Wirtschaft die geringe Zahl von ausgebildeten Menschen die wachsende Bevölkerung überbietet, weil die Automatisierung die meisten Aufgaben übernehmen wird und für moderne Armeen nicht viele Menschen gebraucht werden. Das „Childfree“-Prinzip ist demnach auch gut für die Umwelt, denn Kinder verbrauchen doch so viel. Natürlich sind gewisse Verschiebungen in der Wirtschaft möglich – dazu gibt es auch die globale Bewegung der Arbeitskräfte. Personalmangel in Deutschland? Dann kaufen wir eine Million Mitarbeiter in Pakistan bzw. Afrika. Und so weiter.

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    Die Vertreter der „neuen Schule“ haben eine andere Vision. Die „Zivilisation des Aussterbens“ wird eine „Zivilisation der Krankenpfleger“ sein, also ein größerer Teil der Wirtschaft und Arbeitskräfte wird von der Pflege der Älteren in Anspruch genommen. Hinzu kommt ein weiterer Effekt. Ähnlich wie beim wissenschaftstechnischen Fortschritt im 19./20. Jh. mit einem starken Anstieg gebildeter Menschen wird der Rückgang der Bevölkerungszahl auch einen Rückgang der gebildeten Menschen nach sich ziehen. Es wird weniger Fachkräfte, weniger Genies, Erfinder u.a. geben. Das heißt, dass neue Herausforderungen mit weniger menschlichen Ressourcen gemeistert werden müssen. Man kann natürlich von Robotern träumen, doch bislang sind das eher Phantasien der Wissenschaft. In der Realität fehlt es den USA, wo eine Drittel Milliarde Menschen wohnen, an Fachkräften, und sie werben sie weltweit ab.

    Das heißt, dass wir im Ergebnis mit einem Mangel an Fachkräften in vielen Bereichen konfrontiert werden – damit auch mit wirtschaftlichem Rückgang, wissenschaftstechnischem, infrastrukturellem und kulturellem Verfall.

    Bezüglich der Frage, wer unseren Planeten erben wird, gibt es verschiedene Versionen. Laut der ersten Version wird die Erde in etwa hundert Jahren von den Nachkommen der jetzigen Millionäre besiedelt, jener, die schon jetzt verstehen, dass „Empty Planet“ der Zukunft eine Chance bietet, die Welt mit eigenen egoistischen Genen zu füllen. Sie beginnen bereits wegen dem Egozentrismus immer mehr Kinder von vielen Frauen und Nebenfrauen zu bekommen.

    Laut der zweiten Version wird die Erde von ultrareligiösen Gemeinschaften geerbt, die alle Errungenschaften der Welt verleugnen und sich nach alten Methoden vermehren.

    Diese Geschichte lässt banale Dinge begreifen. Obwohl die moderne Menschheit als Art hunderttausend Jahre alt ist,  kann sie in der Theorie innerhalb einer Generation zusammenbrechen. Das ist natürlich ein unglaubliches Szenario. Doch selbst in einer weniger drastischen Version wird sich die „Zivilisation des Aussterbens“ sehr stark von jener unterscheiden, an die wir uns gewöhnt haben. Sie gehört übrigens nicht der Zukunft an –  wir, also die Russen, sowie andere Europäer leben bereits in ihr.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Forscher, Forschung, Sterberate, Geburtenrate, Menschheit, Aussterben, Afrika, Asien, USA, Europa, Westen, Erde