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17:17 18 August 2019
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    Erdölraffinerie von dem Konzern Rosneft, Russland (Archiv)

    Wird neues antirussisches Gesetz Ölpreise in Rekordhöhe treiben?

    © REUTERS / Sergei Karpukhin
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    Iwan Danilow
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    Die aktuelle US-Politik, die nach dem Prinzip „Washington ist die Hauptstadt der Welt, und alle, die uns nicht gefallen, erwürgen wir mit Sanktionen“ ausgeübt wird, führt zur Entstehung von auf den ersten Blick eigenartigen Allianzen und zu manchmal unglaublichen Situationen.

    Ein krasses Beispiel dafür: In der vorigen Woche stellte sich heraus, dass der Chef eines großen britischen Ölkonzerns, amerikanische Lobbyisten aus der Ölbranche und sogar der Energieminister aus der Trump-Administration die Mitgliedsländer des OPEC+Russland-Deals vor dem Zorn der amerikanischen Kongressmitglieder beschützen wollen.

    Durchaus wahrscheinlich ist zudem, dass sich daran auch einige „Drahtzieher“ von der Wall Street beteiligen werden, die die Gefahr seitens arabischer Scheiche und staatlicher Ölkonzerne aus der Golfregion spüren. Es geht dabei um die aufsehenerregende „NOPEC-Bill“, die sich laut amerikanischen Medienberichten von einem marginalen Gesetzentwurf in ein populäres Dokument verwandelt, das gute Chancen auf die Verabschiedung als Gesetz hat.

    Die NOPEC-Bill (No Oil Producing and Exporting Cartels Act) sieht nämlich vor, dass US-Gerichte die Vollmacht bekommen sollen, Anti-Monopol-Klagen der US-Behörden gegen die OPEC- und auch gegen andere Länder zu behandeln, die an „Kartellabsprachen“ auf dem Ölmarkt beteiligt sind. Mit den „anderen“ Ländern ist in erster Linie Russland gemeint, was auch durchaus logisch ist, wenn man seine Schlüsselrolle beim Vorantreiben des inzwischen als „OPEC+Russland“-Deal bekannten Abkommens bedenkt. In Washington war man darüber wütend, denn es hat Russland in den letzten zweieinhalb Jahren nach Einschätzung seines Energieministers Alexander Nowak einen Profit von fünf Billionen Rubel (ein Euro kostet etwa 73 Rubel) gebracht.

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    Auf den ersten Blick sollte dieser unverhohlen gegen Moskau (und auch Riad) gerichtete Gesetzentwurf vom US-Establishment aktiv unterstützt werden, aber plötzlich sprach sich US-Energieminister Rick Perry dagegen aus, den man unter keinen Umständen verdächtigen kann, Sympathie für den Kreml zu empfinden, besonders wenn man bedenkt, dass er einer der größten Gegner des Pipelineprojekts Nord Stream 2 ist.

    Aber warum tritt der hochrangige Beamte gegen das antirussische Dokument auf?

    Lassen wir ihn einmal selbst reden:

    „Wir müssen sehr vorsichtig sein, bevor wir Gesetze verabschieden, deren Einfluss größer sein könnte als wir vermuten. (…) Ich plädiere für einen stabilen Ölpreis, der mit dem Angebot direkt verbunden ist. Wenn Sie das abschaffen, so dass die Lieferungen auf den Markt gar nicht koordiniert werden, können Sie eine Riesenmenge von Energie bekommen, die auf den Markt kommt, und die Produzenten dermaßen stark beeinflussen, so dass Sie sie irgendwann wegen der ausbleibenden Rentabilität verlieren. Und dann könnte es zu einem so großen Aufschwung der Ölpreise kommen, dass alle historischen Präzedenzfälle im Vergleich dazu blass aussehen würden“, sagte der US-Minister neulich.

    Ob seine Warnung den Kongress beeindrucken wird, steht in den Sternen, aber Perrys Logik ist klar und deutlich, und seine Prognose hinsichtlich eines unerhörten Ölpreisanstiegs ist durchaus begründet. Aber selbst wenn die „NOPEC-Bill“ tatsächlich funktionieren wird, werden ihre Folgen gar nicht so angenehm sein: Die Ölpreise werden einstürzen, was aber zur Insolvenz vieler US-amerikanischer Schieferölunternehmen führen wird. Und das hätte schlimme Folgen für die US-amerikanischen Banken und Investmentfonds, die sie kreditiert haben.

    Auch die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg hat bereits einige OPEC-Vertreter zitiert: „Die OPEC signalisiert den Banken an der Wallstreet und großen US-Finanziers klar und deutlich: Sollte Washington das Gesetz verabschieden, das die US-Regierung berechtigen würde, das Kartell zu verklagen, wird das Schieferöl sein erstes Opfer.“

    Aber das ist noch nicht alles: Die Investitionen in neue Ölprojekte (die ohnehin um die Hälfte geringer als 2014 sind) würden auf null schrumpfen. (Und an dieser Stelle sei erwähnt, dass Ölkonzerne permanent in neue Projekte investieren müssen, um die Erschöpfung von alten Projekten auszugleichen – und vor allem gilt das für Schieferölprojekte.) Dadurch würde in wenigen Jahren ein großes Öldefizit entstehen – mit entsprechenden Preisen und Folgen für Länder, die das „schwarze Gold“ importieren.

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    BP-Chef Bob Dudley bestätigte in einem Interview für CNBC, dass sich die Welt in diesem Fall auf ein solches Szenario gefasst machen müsste: „Sie bekommen eine riesige Überproduktion und einen Preiseinsturz. Dann wird der Preis wieder steigen – und dann aufschwingen, und zwar wegen der ausgebliebenen Investitionen. Meines Erachtens ist es eine äußerst wichtige Rolle, die die OPEC spielt.“

    Allerdings gehen sowohl Perry als auch Dudley von einem Szenario aus, das für die USA relativ optimistisch wäre: Die negativen Folgen der „NOPEC-Bill“ würden sich auf die Insolvenz von Schieferölunternehmen, auf milliardenhohe Verluste von US-Banken und den beispiellosen Anstieg der Ölpreise beschränken. Noch wahrscheinlicher – und auch noch schmerzhafter für die USA – wäre aber ein anderes Szenario, das etliche amerikanische Medien und Denkfabriken, insbesondere das Baker Institute, beschrieben haben: Die Verabschiedung des Anti-OPEC-Gesetzes würde ausländische Investoren davon abhalten, ihre Aktiva in den USA aufzubewahren. Schlimmstenfalls könnten sie sogar auf Transaktionen in US-Dollar und auf das US-amerikanische Finanzsystem generell verzichten. Außerdem könnten die OPEC-Länder einen Gegenschlag gegen US-Unternehmen versetzen, die über große Aktiva in den Kartellländern verfügen.

    Mit anderen Worten, die Amerikaner könnten mit ihrem Versuch, die Ölproduzenten „in die Knie zu zwingen“, eine Situation provozieren, in der diese auf den „Öldollar“ verzichten, und dadurch würden kolossale Schäden für das US-Finanzsystem und für den Sonderstatus des US-Dollars entstehen.

    Denn die Teilnehmer des „OPEC+Russland“-Deals könnten durchaus entscheiden, dass ihre optimale Strategie die Ignoranz der Gerichtsbeschlüsse in Amerika wäre – gleichzeitig mit dem Verzicht auf den Dollar und das US-Finanzsystem. Dass die Amerikaner dann ihre Aktiva beschlagnahmen könnten, würde dabei keine entscheidende Rolle spielen: Russland hat seine US-Staatsanleihen bereits größtenteils verkauft, und für viele Politiker aus den OPEC-Ländern wäre es besser, ihre Dollarreserven und Häuser in Kalifornien zu verlieren (falls sie solche überhaupt haben) als einen Einsturz der Ölpreise zuzulassen. Denn in diesem Falle müssten sie nicht um ihre Aktiva, sondern vielmehr um ihren Verbleib an der Macht (und in einigen Fällen vielleicht sogar um ihr Leben) bangen.

    Die beiden erwähnten Szenarien entsprechen durchaus den Interessen Russlands, und das lässt vermuten, dass die Vernunft in Übersee doch die Überhand gewinnen wird, und der US-Kongress auf seine „Anti-OPEC-Bill“ verzichten wird.

    Aber wenn man das beispiellose Niveau der Psychose in Washington bedenkt, bleiben die Chancen darauf, dass die US-Gesetzgeber eine „Zeitbombe“ zünden werden, um der ganzen Welt ihre Mächtigkeit zu zeigen, ziemlich groß.

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    Tags:
    NOPEC, Preise, Ölmarkt, Sympathie, Unternehmen, Ölkonzern, Gesetz, OPEC, Alexander Nowak, Saudi-Arabien, USA, Russland